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Max Hartung
Max Hartung ist deutscher Athletensprecher © SPORT1-Grafik: Getty Images/Imago
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München - Thomas Bach verspricht, dass die vergebenen Startplätze auch für Olympia 2021 ihre Gültigkeit behalten. Doch das Quali-Prozedere könnte zum Chaos ausufern.

IOC-Boss Thomas Bach hat ein Versprechen abgegeben. Zwar ist es nicht so, dass die wichtigste Figur des olympischen Sports zuletzt immer an dem festgehalten hat, was sie versichert hat - irgendwann musste Bach auch einsehen, dass die Durchführung der Spiele 2020 keinen Sinn macht.

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Doch dieses Mal wird er sein Wort nicht brechen. "Es ist klar, dass diejenigen Athleten, die sich für die Olympischen Spiele Tokio 2020 qualifiziert haben, weiterhin qualifiziert sind", gab Bach in einer vom Internationalen Olympischen Komitee am Samstag via Twitter verbreiteten Stellungnahme zu Protokoll.

Heißt: Wer die Qualifikation für Olympia 2020 geschafft hat, dessen Startrecht hat auch 2021 Bestand. Insgesamt vergibt das IOC 11.000 Startplätze, 57 Prozent, also 6270 Teilnehmer stehen damit schon fest.

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Athletenvertreter Hartung erwartet Härtefälle

Heißt aber auch: Allzu viele Startplätze bleiben nicht mehr übrig. Und genau das könnte noch zu Problemen führen. Den ob die nun qualifizierten Sportler 2021 auch noch in Form sind, ist nicht gewährleistet.

"Ich hoffe, dass das Chaos, das entstanden ist, geordnet wird, sodass es möglichst fair ist", appelliert Max Hartung, zweimaliger Olympia-Teilnehmer im Fechten und Vorsitzender der Athletenkommission im DOSB, im Gespräch mit SPORT1 an die Verantwortlichen: "Ich hoffe, dass dafür gute Lösungen gefunden werden, auch durch das IOC."

Der aktuelle Weltranglistenzweite im Säbelfechten warnt. "Jetzt ist die Situation so, dass man einen Ablauf hat, für den es eigentlich keine Regeln gibt. Es wird sicher viele besondere Fälle geben", ahnt Hartung.

Letztes Wort hat der DOSB

Denn dadurch, dass nun bereits die Mehrheit der Qualifizierten feststeht und bis nächstes Jahr noch einmal zahlreiche Athleten hinzukommen, werden in den Einzelsportarten voraussichtlich übermäßig viele die Qualifikationskriterien bewältigen.

Dann entscheidet wie immer der DOSB beziehungsweise der zuständige Sportverband, wer Deutschland in Tokio vertritt. Wie viele Startplätze jedes Land in den Sportarten besitzt, hat das IOC festgelegt. Daran wird sich auch nichts ändern. (Der Kriterienkatalog des DOSB für die Olympischen Spiele 2020)

Eine Erhöhung der Teilnehmerzahl ist keinesfalls eine Option. "Grundsätzlich wünsche ich mir, dass lieber ein Sportler mehr mit darf als einer weniger, aber dass man die Spiele nicht mit doppelt so vielen Athleten austragen kann, ist auch klar", erklärt Hartung.

Aufstockung des Teilnehmerfeldes unmöglich

Schon allein aus logistischen Gründen ist es unmöglich, mehr Athleten starten zu lassen, da beispielsweise das Olympische Dorf, Sportstätten und Zeitpläne der Wettbewerbe auf 11.000 Teilnehmer ausgelegt sind.

Deshalb gilt es, womöglich die Auswahlverfahren anzupassen. Diesbezüglich gibt es noch keine Statements von offizieller Seite.

Spielraum besteht zum Beispiel bei konkreten Normen, wie etwa bestimmte Platzierungen oder Weiten, Zeiten oder Punktzahlen in der Leichtathletik. Auch eine Neuregelung, welche Wettkämpfe im Zeitraum bis zu den Spielen zur Qualifikation herangezogen werden und welche nicht, ist denkbar. (Fix: Olympia für 2021 terminiert)

Wann geht es mit Wettkämpfen weiter?

Dies dürfte sich Stand jetzt kompliziert gestalten, da auf Grund der Corona-Pandemie aktuell noch nicht an die Ausrichtung von Sportevents zu denken ist.

"Da müssen sich die Verbände sehr genau Gedanken machen, welche Konstellationen denkbar, welches Punktesystem angemessen und fair ist etc.", weiß auch Hartung um die Problematik, verspricht aber: "Wir als 'Athleten Deutschland' versuchen da natürlich ein Auge drauf zu haben, aber das wird eine Mammutaufgabe."

Doch nicht nur die Organisationen und Verbände, auch die Athleten stehen vor gewaltigen Herausforderungen, die die Olympia-Verschiebung hervorruft - insbesondere diejenigen, die schon qualifiziert sind.

Hartung hat Olympia-Quali geschafft

"Für diese Sportler beginnt im Prinzip jetzt eine Vorbereitungszeit, die ein Jahr und fast vier Monate lang geht. Das ist ein Zeithorizont in einem Sportlerleben, der einer Ewigkeit gleichkommt. Ich habe in meiner Sportlerkarriere noch nie eine Phase gehabt, in der ich so lange auf einen Orientierungspunkt hinarbeiten musste", schildert Hartung. Der 26-Jährige hat die Kriterien dank starker Leistungen mit dem deutschen Säbelteam in den vergangenen Monaten schon in der Tasche.

Max Hartung gewann 2017 EM-Gold mit dem Säbel
Max Hartung gewann 2017 EM-Gold mit dem Säbel © Getty Images

Ob es zu Motivationsproblemen kommen könnte bzw. einer Entwertung bestimmter Wettbewerbe? "In vielen Sportarten, wie beispielsweise auch im Fechten, ist es so, dass vor den Olympischen Spielen Turniere ausgetragen werden, die nicht mehr in die Qualifikation zählen, sondern nur noch für die Setzliste für die Olympischen Spiele. Insofern spielen sie noch eine Rolle. Trotzdem waren diese Wettbewerbe in meiner Erinnerung immer eine komische Zeit, in der sich alle besonders beäugen und versuchen, sich bereit zu machen. Diese Zeit wird nun sehr lang. Das hat so wohl noch niemand erlebt. Da bin ich gespannt, wie sich das auswirkt", führt Hartung weiter aus.

Unabhängig davon, wie IOC und DOSB ihr Qualifikationsprozedere anpassen, für den oder anderen dürfte es zu unangenehmen Überraschungen kommen.

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