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Paradise Island - Maria Konnikova ist Bestsellerautorin und will in ihrem nächsten Buch über Poker schreiben. Bei der Recherche entdeckt sie ihre Leidenschaft und entscheidet sich überraschend, Profi zu werden.

Eigentlich wollte Maria Konnikova nur ein Buch schreiben. Jetzt reist die 35-Jährige durch die Welt und versucht, als Poker-Profi Millionengewinne einzufahren.

Konnikova, die im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern aus der damaligen Sowjetunion in die USA zog, studierte an der Elite-Universität Harvard Psychologie und verfasste danach als Autorin Texte, die unter anderem in der New York Times, The Atlantic und im New Yorker veröffentlicht wurden. Mit ihren Büchern Mastermind: How to Think Like Sherlock Holmes und The Confidence Game: Why We Fall for It ... Every Time schaffte sie es in die bedeutende Bestsellerliste der New York Times.

Für ihr neues Buch, das The Biggest Bluff heißen soll, begann Konnikova, Poker zu lernen. Dabei half ihr Erik Seidel, einer der besten Spieler der Welt. Und das Training mit der Poker-Legende zeigte schnell Erfolg: Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren erspielte Konnikova bei Live-Turnieren insgesamt rund 275.000 Dollar. Konnikova entschied sich überraschend, künftig professionell Poker zu spielen und bei den wichtigsten Turnieren rund um den Globus anzutreten.

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Ihr größter Erfolg bisher: Im Januar 2018 gewann sie das National Event des PokerStars Caribbean Adventure (PCA) auf den Bahamas.

Ein Jahr später sprach Konnikova an gleicher Stelle im exklusiven SPORT1-Interview am Rande des PCA 2019 über ihren ungewöhnlichen Weg zum Poker-Profi und ihre Erkenntnisse in dieser Zeit.

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SPORT1: Frau Konnikova, wie sind Sie zum Pokern gekommen?

Konnikova: Ich habe angefangen Poker zu spielen, als ich für ein Buch recherchierte. Mich interessierten die Themen "Glück" und "Fähigkeiten". Und: Wie viel in unserem Leben kontrollieren wir selbst? Wie viel nicht? Und können wir das überhaupt unterscheiden? Ich kam zum Poker, weil ich es als Metapher für das Leben sah und damit passend, um diese Themen zu untersuchen. Kann man am Pokertisch lernen, bessere Entscheidungen zu treffen und das dann in anderen Bereichen des Lebens anwenden? Eigentlich war die Recherche nur für ein Jahr angesetzt und sollte nur dem Buch dienen. Aber das ist dann ein bisschen außer Kontrolle geraten! (lacht)

SPORT1: Wie viel wussten Sie vor dem Projekt über Poker?

Konnikova: Ich wusste rein gar nichts über Poker, als ich anfing. Ich hatte also keine Ahnung, ob es mir Spaß machen würde. Ich wusste auch nicht, ob ich gut darin sein würde. Ich wusste einfach nicht, was ich da tat. Es stellte sich aber heraus, dass die Antwort auf all diese Fragen 'Ja' war. Ich habe eine unglaubliche Leidenschaft für Poker entwickelt. Und ich kam zu dem Schluss, Poker als grundlegendes Werkzeug zu sehen für jeden, der lernen möchte, bessere Entscheidungen zu treffen. Ich glaube, die Welt würde besser aussehen, wenn jeder Poker lernen würde. Ich fing auch an, einen gewissen Erfolg beim Spielen zu haben. Ich fing an, Turniere zu gewinnen. Dann habe ich irgendwann entschieden, Poker-Profi zu werden. Und hier sind wir jetzt also! Ich arbeite immer noch an meinem Buch und schreibe auch sonst immer noch. Aber ich bezeichne mich nun selbst als Autorin und Poker-Spielerin.

SPORT1: Was genau kann man denn jetzt durch Poker fürs Leben lernen?

Konnikova: Ich denke, das kann man nicht kurz zusammenfassen, einfach weil es so viel ist. Aber wenn man destillieren will, warum Poker so ein wunderbares Werkzeug ist: Es ist ein Spiel mit unvollständigen Informationen. Ich weiß, was ich für Karten habe, aber ich weiß nicht, was du für Karten hast. Und dann gibt es ein paar Informationen, die wir alle gemeinsam haben. So ist das auch in jeder Situation im normalen Leben. Wir wissen, was in unseren eigenen Köpfen vorgeht, aber nicht, was alle anderen denken. Wenn man sich dessen bewusst ist, werden viele Entscheidungsprozesse viel einfacher. Außerdem geht es bei Poker um Wahrscheinlichkeiten. Also kann man mit einem gewissen Grad von Sicherheit sagen: Zu so und so viel Prozent hat diese Person gute Karten. Zu so und so viel Prozent ist diese Situation gut für mich. Also sollte man in Wahrscheinlichkeiten denken. So funktioniert unser Gehirn eigentlich nicht, aber es ist unglaublich hilfreich, wenn wir Entscheidungen treffen. Und vor allem, wenn wir die bestmögliche Entscheidung treffen wollen, in Anbetracht dessen, dass wir nie alle Informationen dazu haben werden. Poker lehrt einen, gut damit umzugehen. Denn wer gut in Poker sein will, muss gut mit Ungewissheit umgehen können. Man muss sich damit abfinden: Ich werde nie alles wissen, aber das ist okay. Ich denke, das ist eine riesige Lehre, die man fürs Leben ziehen kann.

SPORT1: Wie konnten Sie ihr Wissen über Psychologie am Pokertisch nutzen?

Konnikova: Ich glaube, mein Psychologie-Hintergrund war sehr hilfreich beim Live-Poker. Denn ich habe Entscheidungsprozesse studiert. Also habe ich mich theoretisch damit befasst, wie Menschen Entscheidungen unter ungewissen Bedingungen treffen. Und in risikoreichen und emotionalen Umgebungen. Theoretisch kenne ich also die Vorurteile, die wir haben, und Fehler, die wir machen. Beim Poker kann ich das in der Praxis beobachten und sehen, wie Menschen auf bestimmte Dinge reagieren. Es hilft mir zu verstehen, wie ich dann darauf reagieren kann. Darum denke ich, dass mir mein Hintergrund als Psychologin meinen größten Vorteil gegenüber anderen verliehen hat.

SPORT1-Reporter Sebastian Mittag sprach auf den Bahamas mit Maria Konnikova
SPORT1-Reporter Sebastian Mittag sprach auf den Bahamas mit Maria Konnikova © SPORT1

SPORT1: Mit Erik Seidel konnten Sie einen der besten Spieler der Welt als Mentor und Trainer gewinnen. Wie haben Sie das gemacht?

Konnikova: Ich hatte unfassbares Glück, dass Erik Seidel zugestimmt hat, mich zu trainieren. Er hatte noch nie Schüler angenommen. Aber ihn hat das Projekt wirklich gereizt. Ich wusste zuvor nicht wirklich viel mehr über ihn, als dass er wirklich sehr, sehr gut über einen sehr, sehr langen Zeitraum hinweg war. Und dass er einen wirklich netten Eindruck machte. (lächelt) Es traf sich gut, dass er wie ich aus New York kommt. Er liebt Kultur, liest die ganze Zeit, und ihm gefiel, dass ich für den New Yorker schreibe. Und er hat einfach so viel Leidenschaft für Poker. Für ihn war das, denke ich, eine Möglichkeit, Poker mit noch mehr Menschen zu teilen. Er stimmte zu, es einmal zu testen - und wir kamen sehr gut miteinander aus. Unsere Gehirne funktionieren ähnlich. Das hat einfach gut gepasst.

SPORT1: Wie sah ihr Training aus?

Konnikova: Ich wusste wirklich rein gar nichts über Poker. Erst einmal habe ich also viele Bücher gelesen. Erik gab mir eine Leseliste und sagte: "Lies das, mach dir Notizen, und stell mir Fragen." Und das habe ich gemacht. Dann habe ich angefangen mir Poker anzusehen, vor allem sah ich Erik beim Spielen zu. Dann habe ich irgendwann selbst gespielt. Bei sehr günstigen Turnieren mit Buy-Ins von 30 oder 40 Dollar. Die Idee war, dass ich nichts Teureres spielen darf, bevor ich nicht eines davon gewann. Das passierte dann und ich habe ungefähr 900 Dollar gewonnen. Das war wirklich aufregend. Dann habe ich dieses Geld genutzt, um mich in ein 120-Dollar-Turnier einzukaufen. Dann wurde ich da Zweite und nahm rund 2500 Dollar mit. Dann habe ich das genutzt, um größer zu spielen. Wie die Trainingstage aussahen, kam darauf an, ob ich in Las Vegas oder New York war. In New York spielte ich entweder oder schrieb einfach Hände auf und sprach danach über meine Entscheidungsprozesse. Ich versuchte zu analysieren, welche Fehler ich machte, wo ich mich verbessern musste, was ich gut machte. Aber alles Schritt für Schritt, es gab keinen genauen Zeitplan.

SPORT1: Nach den Erfahrungen, die Sie bisher machen konnten: Was bewundern Sie am meisten an den Poker-Profis?

Konnikova: Was ich wirklich an Poker-Spielern bewundere: ihre Leidenschaft in einer Umgebung, die so unfassbar unvorhersehbar ist. Du weißt nie, was morgen sein wird. Die Swings sind enorm. Die Tatsache, dass sie das Spiel trotzdem lieben und dabei bleiben, ist unglaublich inspirierend für mich.

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