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Remco Evenepoel war einst ein hoffnungsvoller Fußballer
Remco Evenepoel war einst ein hoffnungsvoller Fußballer © Getty Images
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München - Remco Evenepoel rast bei der WM zu Silber im Einzelzeitfahren. Dabei spielte das Ausnahmetalent bis vor zwei Jahren noch Fußball. Erinnerungen an Eddy Merckx kommen auf.

War das die endgültige Geburtsstunde eines neuen Radsport-Superstars?

Das erst 19 Jahre alte belgische Top-Talent Remco Evenepoel gewann am Mittwoch bei der Straßenrad-WM in der britischen Grafschaft Yorkshire im Einzelzeitfahren die Silbermedaille.

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Der Youngster musste sich nur Titelverteidiger Rohan Dennis aus Australien geschlagen geben und ließ bei seiner furiosen Fahrt zahlreiche etablierte Fahrer wie den deutschen Zeitfahrspezialisten Tony Martin hinter sich. 

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Kapitän beim belgischen Nachwuchs

Evenepoels Silbermedaille ist umso bemerkenswerter, wenn man sich seinen sportlichen Werdegang ansieht. Bis 2017 spielte er nämlich Fußball. Und das so gut, dass der Sohn eines ehemaligen Radsport-Profis in den Nachwuchsabteilungen bekannter Klubs in Belgien und den Niederlanden und sogar in den belgischen Nachwuchsteams spielte. 

Nach seinen frühen Anfängen beim RSC Anderlecht wechselte er im Alter von elf Jahren in den Nachwuchs der PSV Eindhoven - eine sehr gute Adresse im europäischen Nachwuchsfußball.

Schon zu dieser Zeit wurden seine außergewöhnlichen Werte bezüglich der maximalen Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Körpers bei Belastung registriert, was insbesonders bei Ausdauersportarten wie dem Radsport von Vorteil ist. "Als er im Alter von elf Jahren für einige Jahre zur PSV ging, sagte mir sein Vater, dass er ein riesiges VO2-Maximum habe",  erklärte der Nachwuchskoordinator des RSC Anderlecht, Jean Kindermanns, damals dem belgischen Sportsender Sporza.

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Da seine Mutter schwer erkrankte, ging er nach drei Jahren in Eindhoven zurück zum RSC, was seiner fußballerischen Entwicklung jedoch keinen Abbruch tat. Bei dem Klub aus dem Brüsseler Vorort stieg der meist auf der Linksverteidiger-Position spielende Evenepoel zum Kapitän der U17-Mannschaft und auch des belgischen U17-Nationalteams auf. Insgesamt macht er fünf U-Länderspiele für Belgien. 

Schnell erfolgreich bei den Junioren

Dennoch kam es überraschend zum Bruch zwischen Evenepoel und dem RSC.

"An einem bestimmten Punkt seiner Karriere war er einfach nicht gut genug. Und er hatte vielleicht auch zu wenig Geduld", erklärt Kindermans, der Evenepoel als "ultimativen Kapitän für einen Trainer" bezeichnet. (Alle Informationen zur Straßenrad-WM)

Das Talent wechselte Anfang 2017 aus Anderlecht in die U19 des KV Mechelen, nur vier Monate später beendete er seine Fußball-Karriere und konzentrierte sich von da an voll und ganz auf den Radsport - zurecht, wie seine herausragenden Ergebnisse in den letzten Jahren zeigen. 

Bereits im Herbst 2017 gewann er sein erstes Junioren-Rennen, in den nächsten eineinhalb Jahren ließ er 34 Siege bei 44 Starts folgen. Seinen Alterskollegen war Evenepoel enteilt.

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"Die Leistungen, die er jetzt bringt, dürften auch mit dem sehr großen inneren Antrieb zu tun haben, der ihn kennzeichnet. Auch schon als Fußballer", erinnert sich der Nachwuchschef Anderlechts. "Aber was jetzt passiert, konnte keiner voraussagen. Das ist Weltklasse-Niveau und wir können nur zujubeln."

Doppel-Gold bei EM und WM

Dies demonstrierte er eindrucksvoll bei der Junioren-EM 2018 in Glasgow. Dem Titel im Einzelzeitfahren ließ er den Sieg beim Straßenrennen folgen - und das mit einem Vorsprung von 9:44 Minuten. Nur wenige Wochen später war er auch bei der WM in Innsbruck im Einzelzeitfahren und im Straßenrennen nicht zu schlagen. 

Im radsportverrückten Belgien war der Seriensieger in aller Munde. Die Presse gab ihm in Anlehnung an die belgische Radsport-Legende Eddy Merckx den Spitznamen "Kannibaal van Schepdaal" (Anm. d. Red.: "Kannibale aus Schepdaal"). Merckx, fünffacher Sieger der Tour de France, wurde wegen seines Siegeshungers einst selbst Kanibale genannt. 

Vergleiche mit Merckx lehnte der damals 18-Jährige jedoch ab. "Ich will nicht als der nächste Merckx bezeichnet werden. Heutzutage ist alles anders und jeder Fahrer unterschiedlich. Ich bin der neue Ich", betont der Evenepoel bei Cyclingnews. Der Umstieg vom Fußball zum Radsport ist ihm trotz der schnellen Erfolge nicht leicht gefallen. "Ich hatte viele Muskelprobleme, weil die Sportarten so unterschiedlich sind."

Dennoch hält er den Umstieg aufs Fahrrad für richtig: "Ich bereue es nicht, dass ich aufgehört habe, Fußball zu spielen."

Erster großer Sieg im Baskenland

Klar, dass nach den Seriensiegen bei den Junioren namhafte Profiteams auf Evenepoel aufmerksam wurden. Schließlich machte das renommierte belgische Team Deceuninck-QuickStep das Rennen um das Ausnahmetalent. 

Den Wechsel von den Junioren zu den Profis vollzog er im Stile eines Spitzenmannes - und ohne den Umweg über die U23-Klasse. Nachdem er im Juni 2019 die Gesamtwertung der Belgien-Rundfahrt gewann, stieg er zum jüngsten Sieger der World-Tour-Geschichte auf: Im August gewann er überraschend das Eintagesrennen Clasica San Sebastian im spanischen Baskenland.

Evenepoel setzte sich am letzten Anstieg des Tages von Mitausreißer Toms Skujins (Lettland) ab. Im Ziel hatte er 38 Sekunden Vorsprung auf seinen Landsmann Grag van Avermaet (CCC Team), Olympiasieger von 2016.

Wenig später folgte die Goldmedaille bei der EM in Alkmaar im Einzelzeitfahren. Und nun die Silbermedaille im WM-Einzelzeitfahren. Es wird mit Sicherheit nicht sein letzter großer Triumph sein. 

Steimle: "Unglaublich, was er leistet"

Dieser Meinung ist auch sein neuer Teamkollege Jannik Steimle. "Was er leistet, ist einfach unglaublich. In dem Alter so eine Leistung abzurufen - Hut ab", sagte Steimle zu SPORT1. Der 23-Jährige aus Weilheim an der Teck unterschrieb kürzlich einen Zweijahresvertrag bei Quick Step.

Für den Neu-Profi stecke hinter seinen Erfolgen "viel Talent und harte Arbeit". 

In Zukunft soll Evenepoel zu einem Klassementfahrer bei den großen Rundfahrten geformt werden. Bringt er dort schnell gute Ergebnisse, werden die Rufe nach dem Nachfolger von Merckx noch lauter. 

Auch Merckx hat eine Meinung zum neuen belgischen Supertalent. "Ob Evenepoel mein Nachfolger ist? Er wird vielleicht noch besser als ich. Remco hat alle Qualitäten, um es zu schaffen", sagte er kürzlich in der Nachrichtensendung VTM Nieuws.

Auch Tony Martin erinnert der Youngster an die belgische Rad-Legende. "Mit 19 so eine Leistung zu bringen, ist unglaublich. Wahrscheinlich haben wir da den neuen Eddy Merckx", sagte der deutsche Superstar nach dem WM-Zeitfahren.

In einer Beziehung ist Evenepoel seinem Landsmann bereits voraus. Merckx beendete 1966 sein erstes WM-Rennen als Profi als Zwölfter.

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