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Primoz Roglic (M.) soll den Angriff von Jumbo-Visma anführen
Primoz Roglic (M.) soll den Angriff von Jumbo-Visma anführen © Imago
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München - Team Ineos dominiert seit Jahren die Tour de France. Jumbo-Visma will diese Vorherrschaft nun brechen. Dafür blasen die Niederländer bei der Tour zum Großangriff.

Der Radsport-Thron wackelt.

Seit Jahren ist das britische Team Ineos das Maß aller Dinge. Sieben der vergangenen acht Austragungen der Tour de France konnte das ehemalige Sky-Team für sich entscheiden.

Den Auftakt der Siegesserie machte 2012 Bradley Wiggins, ehe Dominator Chris Froome das Zepter übernahm (2013, 2015, 2016, 2017). Lediglich 2014 konnte der Italiener Vincenzo Nibali die Titelserie unterbrechen. 2018 sorgte Geraint Thomas für den letzten Triumph unter dem alten Namen, ehe Egan Bernal im vergangenen Jahr für den ersten Sieg als Ineos sorgte.

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Wenn es nach Team Jumbo-Visma geht, soll diese Erfolgsserie nun aber sein Ende finden. Der Tour-Sieg 2020 ist das erklärte Ziel und dafür ist das neue Superteam bereit, "All-in" zu gehen.

Ex-Profi Jens Voigt traut dem Team bei SPORT1 Großes zu: "Sie haben eine unglaubliche Stärke in der Breite. Deren schlechtester Tour-Fahrer wird mindestens Tour-Etappensieger sein. Sie haben mit Dumoulin und Roglic Fahrer, die sind unglaublich. Sie können es schaffen, Ineos als Superpower abzulösen und sowohl die Mannschafts- als auch die Einzelwertung zu gewinnen."

Verletzungspech vereitelt Plan von Jumbo-Visma

Mit Steven Kruijswijk, Primoz Roglic und Tom Dumoulin planten die Niederländer, alle Stars auf die Große Schleife durch Frankreich zu schicken. Das Verletzungspech der letzten Wochen im Radsport macht dem jedoch einen Strich durch die Rehnung.

Auf Kruijswijk muss das Team in Frankreich definitiv verzichten. Der Vorjahresdritte der Tour fällt nach seinem Sturz beim Criterium du Dauphiné verletzungsbedingt aus. Hofften die Verantwortlichen zuerst noch auf eine ausgekugelte Schulter, diagnostizierten die Mediziner nun einen Schulterbruch, womit ein Start unmöglich ist.

Allerdings wäre es die Frage gewesen, ob es der Teamleitung gelungen wäre, alle drei Top-Fahrer auf das gemeinsame Ziel Tour-Sieg einzuschwören und dafür ihre Egos hinten anzustellen. So könnte das Verletzungspech ironischerweise vielleicht sogar zu einem Vorteil werden.

Zumal mit Robert Gesink, der deutschen Radsport-Legende Tony Martin, Laurens De Plus, Crosser Wout Van Aert, der sich in beeindruckender Manier die Siege bei Strade Bianche und Mailand-Sanremo sicherte, und Sepp Kuss auch das Helferteam namhaft bestückt ist.

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Kuss als Edelhelfer

Da die Tour (ab 29. August) sehr berglastig konzipiert ist, wird vor allem dem US-Amerikaner Kuss eine tragende Rolle zukommen. Dass er diese in den Bergen erfüllen kann, bewies er bereits 2018, als er bei der Tour of Utah drei Etappen und die Bergwertung gewinnen konnte.

Bei der Vuelta a España 2019 fuhr er als Helfer des späteren Gesamtsiegers Roglic und konnte auf der 15. Etappe einen Tagessieg feiern - mit einer Bergankunft.

Auch 2020 hatte Jumbo-Visma, das aktuell erfolgreichste Radsportteam der Welt, bereits seine Muskeln spielen lassen. Bei der Dauphiné gewann man die ersten beiden Etappen und fuhr konsequent von vorne, wie es sonst nur der große - aber auch sehr umstrittene - Kontrahent tat. Die Herausforderung wurde eindeutig ausgesprochen.

Bei Ineos war man bestrebt, diesen Angriff auf die eigene Vormachtstellung kleinzureden. "Jumbo? Es ist kein Kampf zwischen Jumbo und Ineos. Es gibt hier viele starke Teams und Fahrer", sagte Ineos-Kapitän Egan Bernal. Eine kleine Form der Anerkennung musste er dann aber doch hinzufügen: "Man muss jeden respektieren."

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Dass an Ineos die Herausforderung der Niederländer nicht spurlos vorbeigegangen war, zeigten sie jedoch auf der zweiten Etappe. Auf der 18 km langen Schlusssteigung am Col de Porte blies Ineos mit den drei Tour-Siegern Froome, Thomas und Bernal zur Attacke.

Aber Roglic konnte mit Helfer Kuss mühelos folgen und setzte seinerseits kurz vor dem Ziel zum entscheidenden Sprint an - im Sitzen. So wurde der Angriff von Ineos zu einer Machtdemonstration des Herausforderers, der damit auch für die Tour de France seine Visitenkarte abgab.

Froome fährt dagegen völlig außer Form nicht einmal mit zur Tour, Bernal gab mit Rückenproblemen auf.

Jumbo-Visma überzeugt bei Generalprobe

Momentan steht hinter der Jumbo-Visma-Attacke allerdings ebenfalls ein Fragezeichen - dafür ist aber nicht Ineos verantwortlich, sondern die aktuelle Sturzwelle im Radsport.

Vor der letzten Dauphiné-Etappe musste Roglic aufgeben. Der ehemalige Skispringer, der in der Gesamtwertung geführt hatte, war am Vortag bei der von Lennard Kämna (Bora-hansgrohe) gewonnenen vierten Etappe auf einer Abfahrt heftig gestürzt, aber noch ins Ziel gefahren.

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Zwar stand die Tour-Teilnahme des Slowenen kurzzeitig in Frage, mittlerweile ist das kein Thema mehr. Dennoch ist fraglich, inwieweit ihn die Folgen des Sturzes beeinflussen.

Tom Dumoulin sorgte dadurch bei der Tour-Generalprobe mit Rang sieben der Endwertung für das beste Ergebnis eines Jumbo-Visma-Fahrers. Trotz dieser Ausfälle brachte die Rundfahrt aber auch gute Nachrichten für den Herausforderer.

Der Belgier Van Aert holte für sein Team das Grüne Trikot und Edelhelfer Kuss bewies seine gute Verfassung - die finale Etappe entschied er für sich. Dazu landete er in der Bergwertung auf einem starken siebten Rang.

Wird Roglic zum Nummer-1-Fahrer?

Unter diesen Eindrücken könnte Jumbo-Visma daher alles auf die sprichwörtliche eine Karte setzen. Mit der starken Form Roglic' könnten die Niederländer alles dem Tour-Sieg des Slowenen unterordnen - mit dem früheren Giro-Sieger Dumoulin als Helfer.

Der viermalige Zeitfahrweltmeister Martin, der gab kurz vor Tour-Star seinen Vertrag bis Ende 2022 verlängerte, kann als Führungspersönlichkeit das immer noch junge Team führen und auf den flachen Abschnitten das Feld kontrollieren.

Der Vorteil wäre, dass eine so enorm starke Helfertruppe Ineos dazu zwingen würde, sich nach dem Gegner zu richten. Dieser Plan scheint auch schon aufgegangen zu sein, immerhin sucht man im Tour-Aufgebot von Ineos neben Froome auch Thomas vergeblich.

Wahrscheinliches Duell Roglic gegen Bernal

Damit läuft wahrscheinlich alles auf das Duell Roglic gegen Bernal hinaus. Bei der diesjährigen Tour de l'Ain mussten sich Froome und Thomas am Grand Colombier bereits in den Dienst des Kolumbianers stellen.

Gereicht hat es aber auch hier nicht. Der Slowene hatte die besseren Beine und fuhr vier Sekunden vor dem Kolumbianer zum Etappensieg. Auch am Tag zuvor hatte Roglic im Ziel die Nase vorn und verwies Bernal auf Rang zwei.

"Wir sind positiv überrascht davon, wie stark wir als Team schon sind. Nach so einer langen Pause weiß man nie genau, wo man steht. Aber soweit scheinen wir auf einem ordentlich hohen Level zu sein", zog Roglic bereits nach zwei Etappen ein zufriedenes Zwischenfazit.

Dabei scheint die Leistungskurve eher noch nach oben zu gehen. Immerhin gab Dumoulin an, auf der ersten Etappe keine guten Beine gehabt zu haben, weswegen er sich in der Helferarbeit zurücknehmen musste. Bei der Dauphiné zeigte er klar aufsteigende Tendenz.

Wenn man die Siege bei den Eintagesrennen dazuzählt, ist Jumbo jetzt bereits dominanter als es Sky/Ineos je waren - der Tour-Sieg wäre die endgültige Wachablösung.

Geht es nach Voigt, wird es dazu kommen: "Beim Tour-Sieg geht ich All In für Roglic, er gewinnt dieses Jahr die Tour."

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