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Richard Carapaz und Michal Kwiatkowski fuhren für Ineos Grenadiers einen Doppelsieg auf der 18. Etappe ein
Richard Carapaz und Michal Kwiatkowski fuhren für Ineos Grenadiers einen Doppelsieg auf der 18. Etappe ein © Imago
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Trotz des Doppelsiegs auf Etappe 18 ist Ineos Grenadiers - das frühere Sky - die Enttäuschung der Tour de France. Eine Legende legt den Finger in die Wunde.

Der Kritik haftete Stallgeruch an, sie kam aus berufenem Munde und fiel deutlich aus.

"Bei einem Rennen wie diesem nimmst du deine Big Player mit", monierte Ex-Tour-Champion Bradley Wiggins, "in diesem Aufgebot fehlt einfach etwas, eine Führungsfigur, die sagt, wo es langgeht. Wären wir beim Fußball, wäre Dave Brailsford entlassen!" 

Brailsford, 56, ist der Teamchef des britischen Top-Teams Ineos Grenadiers und in dieser Rolle in etwa so unantastbar wie einst Sir Alex Ferguson bei Manchester United. Tadel wie diesen ist er nicht gewohnt.

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Tour de France: Kein Gesamtsieg 2020

Der Engländer hat das dominante Radsport-Team der letzten Dekade aufgebaut, seine Sky/Ineos-Mannschaft gewann innerhalb der vergangenen acht Jahre siebenmal die Tour de France, für den ersten Triumph sorgte Wiggins 2012. Bei der Tour 2020 wird die Siegesserie reißen (Tour de France: Alle Etappen im SPORT1-LIVETICKER).

Brailsford bedient gern das Mantra der "marginal gains", dem Drehen an kleinsten Stellschrauben, einer detailversessenen Suche nach Vorteilen. In diesem Jahr scheiterte er an Grundlegendem: der Teamzusammenstellung.

Der erlösende und in demonstrativer Eintracht gefeierte Doppelsieg auf der 18. Etappe durch Michal Kwiatkowski (Polen) und Richard Carapaz (Ecuador) lieferte zwar schöne Bilder, die von der Krise ablenkten. Darüber hinwegtäuschen konnte er jedoch nicht (Die Gesamtwertung der Tour de France).

Titelverteidiger Bernal steigt aus

Dem jungen Titelverteidiger Egan Bernal, der am Mittwoch angeschlagen aus der Tour ausstieg, mangelte es an Form und Autorität für den erneuten Triumph in Paris. Die Ex-Champions Chris Froome und Geraint Thomas wurden schmerzlicher vermisst als befürchtet, im Falle Froomes nicht zwingend sportlich, doch wohl als Wortführer.

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Dem Ineos-Team fehlte die Struktur, Bernal wirkte mit der Führung der Mannschaft mitunter überfordert. Vor allem Thomas, der anders als Froome in guter Verfassung ist und das Etappenrennen Tirreno-Adriatico als starker Zweiter beendete, hätte dem Team gutgetan.

Wiggins ging sogar noch weiter. Selbst ein außer Form fahrender Thomas wäre in der Lage gewesen, eine vergleichbare Rolle wie derzeit Richie Porte zu spielen. Der Australier (Trek-Segafredo) war nach 17 Etappen Vierter der Gesamtwertung. "Geraint in Form hätte das Zeug, diese Tour zu gewinnen", sagte Wiggins.

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Brailsford vernahm die Kritik seines einstigen Schützlings - und verteidigte seine Wahl. Die Leute könnten ihre Meinung vertreten, "aber sie kannten nicht die Fakten, die ich kannte", sagte Brailsford, der, nachdem er Bernal aus der Tour genommen hatte, allerdings keinen Hehl aus seiner Enttäuschung machte: "Ab und zu brauchst du einen Tritt in die Eier, um wieder in die Spur zu finden."

Superstar Froome wechselt das Team 

Die Mission Tour-Sieg 2021 beginne jetzt, sagte Brailsford. Bernal wird eine wichtige Rolle dabei spielen, vermutlich auch Thomas. Froome dagegen nicht. Der viermalige Champion verlässt Ineos Grenadiers zur kommenden Saison.

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