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Florian Wellbrock ist die große deutsche Hoffnung bei der Schwimm-WM
Florian Wellbrock ist die große deutsche Hoffnung bei der Schwimm-WM © Getty Images
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München - Die am Freitag startende Schwimm-WM erhält so wenig Aufmerksamkeit wie selten zuvor. Im DSV herrscht Chaos, ein Mann gilt als großer Hoffnungsträger.

Chaos im Verband, Rücktritt des Bundestrainers, kaum Medaillenchancen, TV-Blackout: Zehn Jahre nach dem Goldregen von Rom sind die deutschen Schwimmer ganz tief abgetaucht.

Bei der Weltmeisterschaft in Südkorea soll nun Florian Wellbrock die arg gebeutelte Sportart aus der Krise führen - quasi im Alleingang. "Er hat das Zeug dazu, das Gesicht des deutschen Schwimmsports zu werden. Die Zeit dafür ist reif", sagt Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz dem SID. "Er schwimmt in einer eigenen Liga."

TV-Blackout: "Peinlich und traurig"

Nach seinem EM-Triumph im vergangenen Jahr über 1500 Meter Freistil zählt Wellbrock nicht nur im Becken zu den Favoriten, sondern auch im Freiwasser. Was 2009 Paul Biedermann, Britta Steffen, Thomas Lurz und Angela Maurer drinnen und draußen mit sieben WM-Titeln noch gemeinsam erreichten, soll der 21-Jährige jetzt alleine schaffen: Dem zur Randsportart verkommenen Schwimmen wieder goldenen Glanz verleihen (Alle Infos zur Schwimm-WM).

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Zuerst will Wellbrock bei der am Freitag beginnenden WM in Yeosu über zehn Kilometer das Olympiaticket für Tokio buchen, danach kämpft er in Gwangju über 800 und 1500 Meter Freistil ebenfalls aussichtsreich um Edelmetall.

Doch im Gegensatz zur WM 2009, bei der Britta Steffen und Biedermann jeweils Weltmeister wurden, sind die Rennen nur im Livestream im ZDF zu sehen. "Es ist schon traurig, dass die Schwimmer so viel Aufwand leisten und so wenig Aufmerksamkeit bekommen", sagte Steffen über die fehlenden Live-Zeiten im deutschen Fernsehen. Für die Zukunft sieht sie schwarz: "Schwimmen wird wahrscheinlich nicht mehr interessant werden, es sei denn, wir haben eine Handvoll gut aussehender, patenter Leute, die die Sportart nochmal pushen. Aber ich glaube es nicht."

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Wassersprungstar Patrick Hausding, der am Freitag ins Finale vom 1-Meter-Brett einzog, findet den TV-Blackout gar "peinlich und traurig".

DSV gibt chaotisches Bild ab

Zwei Olympische Spiele in Folge ohne Medaillen für die Beckenschwimmer und die schlechteste Ausbeute der WM-Geschichte vor zwei Jahren blieben nicht ohne Folgen. Daran ändert auch der positive EM-Auftritt 2018 in Glasgow kaum etwas. Außerdem gibt der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) ein schlechtes Bild ab.

"In den vergangenen Jahren war es ein ziemliches Chaos", sagte Athletensprecherin Sarah Köhler. Nach dem Rücktritt der Präsidentin Gabi Dörries vor sieben Monaten infolge eines Streits um eine Mitgliedsbeitragserhöhung um 60 Cent warf auch Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz hin.

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Die Arbeit seiner Nachfolger um Berkhahn kritisiert der 48-Jährige. "Im Moment darf jeder trainieren, wie er möchte", sagte Lambertz: "Insellösungen sind Zufallsprodukte." Auch Lambertz' Vorgänger Dirk Lange hält nichts von der neuen Konstellation: "Salopp gesagt: Jeder kann machen, was er will. Aber es ist wie auf einem Schiff: Es muss einen Kapitän geben, der die Entscheidungen trifft."

Statt eines Bundestrainers soll ein ganzer Betreuerstab mit dem Namen "Team Tokio 2020" die dritte olympische Nullnummer in Folge für deutsche Beckenschwimmer verhindern.

Verbesserte Stimmung

Doch nicht alle sehen die Veränderungen, zu denen auch deutlich abgeschwächte Qualifikationsnormen zählen, negativ. "Die Stimmung ist besser geworden", sagte Köhler, und Lurz betonte: "Es ist ein Ruck durch den Verband gegangen. Die Gelder aus der öffentlichen Hand fließen ordentlich, wir haben mehr Personal."

Die Leistungsträger sind aber fast die gleichen. Marco Koch, der einzige deutsche Schwimm-Weltmeister nach 2009 (2015 in Kasan), wird weiter von Lambertz betreut, der im Hauptberuf nun Realschullehrer ist.

Koch ist nach schwierigen Jahren auf dem Weg zurück in die Weltspitze, über 200 Meter Brust aber noch kein Medaillenkandidat. Franziska Hentke, die vor zwei Jahren in Budapest mit Silber über 200 Meter Schmetterling das einzige Edelmetall der deutschen Schwimmer holte, und Wellbrocks Freundin Köhler, EM-Zweite über 1500 Meter Freistil, haben Außenseiterchancen.

Doch die größte Hoffnung ist Wellbrock.

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