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Britta Steffen fordert mehr Ruhe im DSV
Britta Steffen fordert mehr Ruhe im DSV © Imago
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Die ständige Unruhe innerhalb des DSV ist für Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen ein wesentlicher Grund für ausbleibende Erfolge. Sie fordert Michael Groß.

Die ständige Unruhe innerhalb des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) ist für Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen ein wesentlicher Grund für ausbleibende Erfolge. "Wir brauchen also gar keine Konkurrenz in der Welt, wir zerstören und sabotieren uns in solchen Fällen selbst", sagte Steffen im Interview mit dem SID: "Man sagt ja, aus verbrannter Erde könne etwas Neues entstehen, aber wir kommen gar nicht dazu, mal etwas wachsen zu lassen. Wir brennen immer gleich alles nieder. Und das ist Mist." 

Die jüngsten Missbrauchs-Vorwürfe, die Posse um den Sportdirektor-Posten, interne Machtkämpfe - der ganze Wirbel "fällt den Athleten auf die Füße", berichtete die 37-Jährige aus eigener Erfahrung: "Sie wollen eigentlich nur schnell schwimmen, wenn man aber permanent auf solche Dinge angesprochen wird, kann man sich dem gar nicht entziehen. Das schwächte mich damals enorm."

Vor allem die Abberufung von Dirk Klingenberg nur einen Tag nach seiner Ernennung zum Leistungssportdirektor wegen eines "frivolen Berichts" aus seiner Vergangenheit sei peinlich gewesen, so Steffen. "Leute haben mich angerufen und gesagt: Wenn man ein Fettnäpfchen hinstellt, der DSV tritt hinein", berichtete die zweimalige Weltmeisterin.

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Missbrauchs-Vorwürfe machen Steffen "tief betroffen"

Deutlich ernsthafter und schwerwiegender sind jedoch die jüngsten Missbrauchs-Vorwürfe, die auch Steffen "tief betroffen" machen. "Als ich die Artikel gelesen habe, wurde mir echt schlecht. Wenn das alles stimmt, hätte man viel früher reagieren müssen", sagt sie. 

Marco Troll, der Ende des vergangenen Jahres zum neuen DSV-Präsidenten gewählt wurde, hatte sich bereits im Namen des Verbandes für mögliche interne Versäumnisse entschuldigt und eine lückenlose Aufklärung angekündigt. Damit wurden Franka Weber (leitende Neuropsychologin der August-Bier-Klinik) und Michael Angele (selbstständiger Rechtsanwalt für Strafrecht und Sportrecht) beauftragt. Die beschuldigte Person arbeitet inzwischen nicht mehr für den DSV.

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Im Zuge dessen hat sich Steffen für Michael Groß in einer tragenden Rolle beim Deutschen Schwimm-Verband (DSV) ausgesprochen. "Wenn er im Change Management eine große Fachkompetenz hat, könnte er eine Schlüsselposition bekleiden", sagte sie.

Köhler schlägt Groß vor

Der DSV sei eigentlich "seit 30 Jahren" reif für einen Richtungswechsel, so Steffen: "Vielleicht ist Michael Groß so jemand, bei dem weniger Neid und Missgunst aufkommen und die Leute sagen: Der hat einen richtig guten Weg hingelegt, er hat die entsprechende Fachkompetenz, den akzeptiere ich auch über mir."

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Zuvor hatten die Bundestrainer und Athletensprecherin Sarah Köhler in einem Brief an die DSV-Führung den dreimaligen Olympiasieger Groß für die vakante Stelle des Leistungssportdirektors vorgeschlagen. Dieser sei "unter bestimmten Bedingungen" zur Mitarbeit bereit.

"Der DSV ist am Zug. Wir werden gemeinsam sehen, ob es eine Lösung gibt", hatte Groß, der beruflich im Veränderungsmanagement tätig ist, der Bild am Sonntag gesagt: "Ich werde natürlich nicht meinen Job aufgeben. Ich möchte sie in der Krise auch nicht hängen lassen. Ich denke, es könnte dann alles sehr schnell gehen."

Steffen hofft auf Wellbrock und Köhler

Im Hinblick auf die Olympischen Spiele hofft sie, dass 13 Jahre nach ihrem Doppel-Triumph von Peking in diesem Sommer Florian Wellbrock endlich wieder olympisches Schwimm-Gold nach Deutschland holt: "Ich wünsche es ihm, er ist ein Ausnahmekönner. Es wäre mega, wenn er dem Druck vor Ort genauso standhält, wie er das die letzten Jahre getan hat."

Dass Doppel-Weltmeister Wellbrock und Kurzbahn-Weltrekordlerin Köhler als erfolgreiches Schwimm-Paar im Mittelpunkt stehen, erinnert Steffen an ihre damalige Beziehung mit Paul Biedermann. "Oh ja", sagte Steffen, "aber die beiden machen es echt gut." Bei Wettkämpfen mache "jeder sein Ding, bei Paul und mir war das anders", berichtete die Berlinerin: "Ich habe das manchmal gemischt und mich dadurch etwas vom Team entfernt."

Daher hofft Steffen, dass Wellbrock und Köhler in Tokio oder bei anderen Wettkämpfen "besser als ich damit umgehen können, wenn der andere mal nicht den Erwartungen gerecht wird". Biedermanns gescheiterter Final-Einzug bei Olympia 2012 in London habe ihr damals "ziemlich die Beine weggerissen".

Steffen hofft zudem, dass das deutsche Team seinen leichten Aufwärtstrend auch in Tokio bestätigen kann. Doch die Erfahrung der Vergangenheit hat sie skeptisch gemacht. Schon oft habe man "im Vorfeld ein gutes Team auf Weltklasseniveau zusammen" gehabt, sei dann aber "während der Spiele sukzessive entzaubert" worden. So oder so seien die Sommerspiele in Japan aufgrund der Verschiebung der der Unsicherheiten "für alle extrem herausfordernd".

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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)

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