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München - Das Chaos um Davis Cup, ATP Cup, Laver Cup spaltet die Tennis-Welt. SPORT1 erklärt den Machtkampf - und die Rollen von Federer, Djokovic, Nadal und Piqué.

Als Spaniens Superheld Rafael Nadal und der von Schicksalsschlägen gebeutelte Roberto Bautista Agut sich im Finale von Madrid mit den tapfer kämpfenden Kanadiern duellierten, kam tatsächlich so etwas wie alte Davis-Cup-Stimmung auf.

Die Halle kochte, 12.000 Fans feuerten ihre am Ende siegreichen Landsmänner frenetisch an - und ein paar hundert Kanadier versuchten stimmgewaltig dagegen zu halten. Auch das Halbfinale zwischen Spanien und Großbritannien hatte bereits diese besondere Atmosphäre versprüht, wie sie nur der Davis Cup bietet.

Barca-Fußballstar Gerard Piqué, der mit seiner Kosmos Group verantwortlich für die Reform des Turniers ist, nutzte dieses positive Ende daher zu seinem ganz persönlichen Fazit: "Es war ein einzigartiges Event. Wir sind sehr glücklich darüber, wie es lief."

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Nadal und Spanien überdecken Probleme

Die letzten Partien mit Gastgeber Spanien und Superstar Nadal, der die Zuschauer aufputschte, hatte aber vieles überdeckt, was zuvor schief gelaufen war. Hinter verschlossenen Türen wissen Piqué und der veranstaltende Tennis-Weltverband ITF sicher, dass noch viel Arbeit auf sie wartet.

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Gerade beim Spielplan (einige Partien ging teils bis 4 Uhr nachts), beim Modus (Kanada schenkte den USA den Sieg im Doppel), in punkto Fan-Nähe (fehlende Fanzone, fehlerhafte App) und beim Austragungsort (jedes Jahr Spanien den Heimvorteil zu geben, ist nicht fair) ist noch reichlich Luft nach oben.

Im ersten Jahr nach der Reform mag das zu verzeihen sein - doch bei seiner zweiten Ausgabe im neuen Format muss all dies ausgemerzt sein, sonst wird der Davis Cup im aktuellen Kampf um Termine und Turniere nicht überleben können.

Davis Cup kämpft um besseren Termin

Entbrannt ist dieser Kampf bereits 2018. Denn der Laver Cup belegt den von Piqué und der ITF bevorzugten Termin im September nach den US Open. Der Davis Cup wird daher erst Ende November ausgetragen, was für reichlich Kritik sorgte und Alexander Zverev sogar zur Absage bewegte.

"Weil ich im November kein Tennis mehr spielen will. Ein zehntägiges Turnier Ende November anzusetzen, ist verrückt", begründete Zverev damals seine Entscheidung. Stattdessen ist er aktuell auf Südamerika-Tour mit Roger Federer, um dort ein paar Schau-Partien zu spielen.

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Apropos Federer: Der Mitbegründer des Laver Cups legte sich im Streit um den neuen Davis Cup bereits öffentlich mit Piqué an. Und als ob der Streit zwischen Laver Cup und Davis Cup nicht schon schlimm genug wäre, schuf die ATP mit dem ATP Cup noch ein weiteres Teamevent.

Dieser wird 2020 erstmals in Australien ausgetragen und entspricht im Prinzip dem Davis Cup - mit einem etwas anderen Modus. Da dieser von der Herren-Profispielervereinigung ATP ausgerichtet wird, gibt es zudem Weltranglistenpunkte zu ergattern - ein Anreiz für die Spieler, der dem Davis Cup fehlt.  

Djokovic und Nadal gegen drei Team-Events

Drei große Team-Events sind vielen Spielern aber mindestens eines zu viel. So sagte Djokovic am Rande des Davis Cups: "Die Ansetzungen waren immer ein Problem - für ATP Cup und Davis Cup. Meiner Meinung nach sollte es einen Zusammenschluss geben." Ähnlich äußerte sich auch Nadal.

Djokovic wünschte sich sogar eine Art von "Super Cup", der statt aus 18 Teilnehmerländern wie beim Davis Cup 2019 nur aus acht Nationen besteht. Zuvor soll es eine Qualifikation nach dem alten Muster mit Heim- und Auswärtsbegegnungen geben.

Der Präsident des Spielerrats schlägt September als idealen Termin vor, womit Djokovic wieder einmal auf Konfrontationskurs mit Federer geht. Es ist daher sicher kein Zufall, dass sich der Schweizer und Nadal zuletzt wieder in den Spielerrat haben wählen lassen. 

Gipfel mit Piqué und ATP

Dies erhält zusätzliche Brisanz, da Chris Kermode nicht mehr länger ATP-Präsident ist. Während Federer und Nadal sich immer pro Kermode äußerten, wird Djokovic nachgesagt, nicht der größte Fan des Briten gewesen zu sein.

Andrea Gaudenzi schaffte es als aktiver Spieler bis auf Platz 18 der Weltrangliste
Andrea Gaudenzi schaffte es als aktiver Spieler bis auf Platz 18 der Weltrangliste © Getty Images

Ab Januar 2020 ist der Italiener Andrea Gaudenzi neuer ATP-Chef, was beim Gerangel um Termine und Turniere für entscheidende Veränderungen sorgen könnte. "Die Situation mit dem ehemaligen Präsidenten war nicht optimal, um einen Deal zu ermöglichen", sagte Piqué vor dem Davis-Cup-Finale in Madrid.

Das soll sich nun ändern, ein Treffen zwischen Kosmos, der ITF um Präsident David Haggerty sowie der ATP ist für Januar geplant. "Es macht keinen Sinn zwei verschiedene Wettbewerbe zu haben, die sich sehr ähnlich sind", sagte Piqué und verriet, welche Art von Wettbewerb ihm vorschwebt.

Federer gegen Davis Cup und ATP Cup

"Wir wollen einen einzigartigen Wettkampf, ein Super-Event über zwei Wochen und dafür den besten Termin im Kalender finden", sagte Piqué: "Ich denke Novak und Rafa haben ausgedrückt, dass sie dasselbe wollen. Ein Event - und falls möglich, über zwei Wochen im September."

Dies könnte zu einem Machtkampf zwischen Kosmos und Roger Federers Vermarktungsagentur Team 8 führen. Zudem bleibt abzuwarten, ob sich die ATP, die den innovativen Showkampf namens Laver Cup sogar offiziell in ihren Kalender aufnahm, und die ITF so einfach einigen.

Darin verwickelt sind auch die Spieler. Während Federer kein gutes Haar am neuen Davis Cup lässt und auch am ATP Cup nicht teilnimmt, gilt Djokovic nicht als größter Fan des Laver Cups. Einzig Nadal nimmt überall teil, was beim Davis Cup aber auch am Austragungsort und seiner Freundschaft mit Piqué liegt.

Kehrt der Hopman Cup zurück?

In nicht allzu langer Zeit könnte bei all dem Gerangel um Termine noch die WTA, die Vereinigung der Damen-Tennisprofis, miteinbezogen werden müssen. Denn Piqué und Haggerty haben den Wunsch geäußert, in einigen Jahren auch den Fed Cup in das geplante Super Event zu integrieren.

Womöglich könnten dann sogar Herren und Damen in einem einzigen Wettkampf für ihr Land antreten. In etwas kleinerer Form gab es dies bereits mit dem Hopman Cup, der 2020 allerdings zugunsten des ATP Cups ersatzlos gestrichen wurde - zum Leidwesen vieler Spielerinnen.

Haggerty selbst brachte zuletzt allerdings ein Comeback des Hopman Cups für 2021 ins Gespräch gebracht - es wäre das vierte Teamevent im Kalender.

Dem Tennis-Sport steht jedenfalls eine Zeit voller Änderungen bevor, an der Federer, Djokovic und Nadal auch kurz vor ihrem Karriereende noch kräftig mitmischen wollen. Für den Davis Cup wird vermutlich Jahr zwei darüber entscheiden, ob der traditionsreiche Wettbewerbe eine Zukunft hat.

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