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Alexander Zverev ist bei Wimbledon in der zweiten Runde ausgeschieden
Alexander Zverev ist bei Wimbledon in der zweiten Runde ausgeschieden © SPORT1-Grafik: Getty Images
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München - In Wimbledon scheitert Alexander Zverev bereits in Runde drei. Im SPORT1-Interview spricht Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann über die Zukunft des 21-Jährigen.

In Wimbledon erlebte der beste deutsche Tennisspieler Alexander Zverev eine herbe Enttäuschung.

Bereits in der dritten Runde musste der 21-Jährige nach einer Niederlage gegen Ernests Gulbis die Koffer packen. Zum elften Mal erreichte der Deutsche bei einem Grand Slam nicht die zweite Woche.

Was fehlt Zverev noch zum großen Triumph und warum war in Wimbledon so früh Schluss?

Im SPORT1-Interview spricht Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann über die Zukunft des Deutschen und nimmt zu Arroganz-Vorwürfen Stellung. 

SPORT1: Herr Kohlmann, Alexander Zverev ist in der dritten Runde von Wimbledon ausgeschieden. Inwieweit hat ihn der Magen-Darm-Virus beeinträchtigt?

Kohlmann: Im vierten und fünften Satz hat Alexander sehr ausgepowert gewirkt. Auch das vorherige Match gegen Taylor Fritz ging zwei Tage lang über fünf Sätze. Das gesamte Turnier stand für ihn unter keinem guten Stern. Bereits die Vorbereitung ist aufgrund seiner Verletzung, die er sich bei den French Open zugezogen hatte, suboptimal gelaufen. Zusätzlich hat er sich einen Virus eingefangen. Deshalb muss man die Leistung differenziert betrachten.

SPORT1: Könnte man von der Nummer drei der Welt nicht auch erwarten, dass er das Match spätestens nach vier Sätzen erfolgreich beendet?

Kohlmann: Das hat er selbst auch kritisch in der Pressekonferenz angemerkt. Er hätte schon den ersten Satz gewinnen müssen. Das wäre auch sein Anspruch gewesen. Wenn man aber anschaut, wie das Match gelaufen ist, auch die Tage vorher, muss man feststellen, dass im Sport manchmal unerwartete Dinge passieren. Darauf muss man sich einstellen. Bei Alex war es schlicht und ergreifend so, dass ihm die Kraft ausgegangen ist.

SPORT1: Beim 13. Grand-Slam-Turnier hat er zum elften Mal nicht die zweite Woche erreicht. Was muss sich ändern, damit er bei den US Open erfolgreicher ist?

Kohlmann: Ich gehe davon aus, dass er sich auf die US Open sehr gut vorbereiten wird. Es liegt jetzt eine lange Phase vor ihm, in der er sich wieder fit machen kann. Man sollte Wimbledon nicht überbewerten. Bei den French Open hat er bis zum Viertelfinale gezeigt, dass er seinem Platz in der Setzliste absolut gerecht geworden ist. In Paris hat er dreimal fünf Sätze gespielt und dreimal fünf Sätze gewonnen, das ist außergewöhnlich. Dass er sich dann aufgrund von Müdigkeit eine Verletzung zugezogen hat, ist ganz normal - gerade bei jungen Spielern. Das ist eine Schutzfunktion des Körpers.

SPORT1: Man hatte in den fünften Sätzen manchmal den Eindruck, dass sich Zverev hinter die Grundlinie immer weiter zurückdrängen lässt.

Kohlmann: Dieser Eindruck täuscht. Seine Platzposition ist generell sehr weit hinten, er steht nicht nur im fünften Satz sehr weit hinter der Linie. Das ist sein Spiel. Best-of-five ist immer ganz speziell, das darf man nicht unterschätzen. Wenn die Kraft dann ausgeht, ist es schwer, die Konzentration und die Intensität in den Schlägen hochzuhalten. Manche können dies besser als andere.

SPORT1: Kann man dann also im Hinblick auf die US Open sagen, dass Zverev eine deutlich bessere Chancen hätte auf den Sieg, wenn er die ersten Runden schneller gewinnen würde?

Kohlmann: Absolut! Das hat Paris gezeigt. Als im Viertelfinale mit Dominic Thiem ein Top Ten-Spieler auf der anderen Seite stand, hat man gesehen, dass Thiem einen Tick fitter war. Alex hat sich auch verletzt, weil er deutlich mehr Sätze in den Knochen hatte. Für alle Topspieler ist es entscheidend, in den ersten Runden wenige Kräfte zu verlieren, damit man hinten raus noch genügend Power im Tank hat. Das ist mit Sicherheit der Ansatz. Für Alexander ist aber jetzt am wichtigsten, sich bei den großen Turnieren in Amerika Selbstvertrauen zu holen. Dann bin ich mir sicher, dass er bei den US Open eine gewichtige Rolle spielen wird.

Trotz Aus in Paris: Zeverev kann noch lachen

SPORT1: Hat er noch die nötige Geduld bei den Grand Slams oder ist er mittlerweile gereizt, weil es mit den ganz großen Turnieren nicht klappt?

Kohlmann: Natürlich hat er extrem hohe Erwartungen an sich selbst. Auf der anderen Seite weiß er auch, dass er nicht im nächsten Jahr aufhört. Das sollte ihm auf jeden Fall eine gewisse Ruhe und Gelassenheit geben. Bisher war das Viertelfinale in Paris das beste Resultat bei einem Grand Slam. Als Nummer drei der Welt hat er möglicherweise den Anspruch an sich selbst, regelmäßig ins Halbfinale einzuziehen. Ich bin überzeugt, dass seine Zeit noch kommen wird.

Im Davis Cup arbeiten Alexander Zverev und Michael Kohlmann eng zusammen
Im Davis Cup arbeiten Alexander Zverev und Michael Kohlmann eng zusammen © Getty Images

SPORT1: Häufig werden Aussagen von Zverev als arrogant wahrgenommen. Nach dem Wimbledon-Aus hat er zu den Journalisten gesagt: "Ihr seht mich hier erstmal nicht wieder". Zverev wollte sich in seiner Heimat Monte Carlo auf einer Yacht erholen. Müsste er sich vielleicht etwas bescheidener zeigen?

Kohlmann: Es soll von seiner Seite aus mit Sicherheit nicht so rüberkommen. Er möchte mit Sicherheit nicht sagen: "Hey, ich geh jetzt auf meine Yacht". Davon abgesehen besitzt er meines Wissens nach keine. Ich bin mir sicher, dass das falsch rüberkommt und ich möchte ihn da in Schutz nehmen. Er ist auch im Davis Cup einer von allen, ein absoluter Teamplayer.

SPORT1: Wird er in Zukunft ruhiger?

Kohlmann: Davon gehe ich aus. Dass er emotional und ein Typ ist, ist ja auch der Grund dafür, dass man ihm gerne zuschaut. Bei einem Boris Becker hat man auch mitgelitten und mitgefiebert. Sascha geht auch in die Richtung, er ist auch ein emotionaler Spieler. Solche Spieler polarisieren teilweise, überheblich ist er aber auf gar keinen Fall, da kann man auch jeden anderen Spieler fragen. Er ist auch zu seinen deutschen Kollegen unglaublich höflich und unheimlich nett.

SPORT1: Können Sie sich vorstellen, dass ein gewonnener Grand Slam ein Auslöser sein kann, um ruhiger zu werden?

Kohlmann: Ich glaube, die Aufmerksamkeit ist national ohnehin schon sehr groß. Wenn er einen großen Titel holt, dann wird sie auch weltweit noch größer. Das würde mit Sicherheit ein Schritt in seiner Entwicklung sein, der für ihn wichtig wäre. Ich wünsche mir für ihn, dass er diese große Hürde Grand-Slam-Titel überwindet und in seiner Karriere dann ganz viele Titel gewinnt. Vom Potenzial her kann er das ohnehin schaffen.

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