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München - Axel Witsel trainiert schon beim BVB mit, sein Wechsel ist trotzdem noch nicht endgültig perfekt. SPORT1 erklärt, wie ein Transfer im Profifußball abläuft.

Er trainiert schon mit seinen neuen Teamkollegen, strampelt zwar mit einem zu seiner Wuschelfrisur nicht passenden Helm, aber munter durch den Schweizer Kurort Bad Ragaz und knipst nebenbei noch Selfies mit den Fans des BVB.

Dabei ist der Wechsel von Axel Witsel zu den Schwarz-Gelben noch gar nicht endgültig perfekt. Wie die Dortmunder am Montag mitteilten, müsse der Deal mit dem chinesischen Erstligisten Tianjin Quanjian noch "formal" über das FIFA Transfer Matching System "abgewickelt werden".

Was genau ist unter diesem System zu verstehen? Und welche Schritte sind notwendig, um einen Transfer im Profibereich abzuwickeln? SPORT1 klärt auf.

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Nicht jeder Wechsel verläuft nach dem gleichen Prozedere. Er ist von mehreren Faktoren abhängig. In erster Linie von der Vertragslaufzeit des Spielers.

Diese entscheidet darüber, ob zwei Parteien (der Spieler und der aufnehmende Verein) oder drei Parteien (der Spieler, der aufnehmende Verein und der abgebende Verein) in den Transfer involviert sind. Bei auslaufenden Verträgen verhandeln nur zwei, bei laufenden Verträgen drei. Umso einfacher gestalten sich beispielsweise die Verhandlungen eines interessierten Klubs mit einem vertragslosen Spielers.

Ein perfekter Transfer lässt sich in sechs Schritten zusammenfassen.

1. Schritt: Die Kontaktaufnahme

Ein Transfer kann zu jeder Zeit von jeder der genannten Parteien angestoßen werden.

Beispiel eins: Ein Spieler sieht keine Zukunft mehr bei seinem Verein. Er informiert seinen Berater über seinen Wechselwunsch. Dieser sucht nach einer Lösung - in der Regel zunächst in Form eines Gesprächs mit dem Verein des Spielers, um sich zu vergewissern, ob und zu welchen Konditionen der Verein denn bereit wäre, den Spieler ziehen zu lassen. Bekommt er grünes Licht, nimmt der Berater Kontakt mit einem oder mehreren potenziellen neuen Vereinen auf.

Beispiel zwei: Ein Verein sieht keine Verwendung mehr für einen Spieler. Er teilt ihm mit, sich einen neuen Arbeitgeber suchen zu können und lässt andere Vereine wissen, dass der Spieler zu bestimmten Konditionen zu haben ist. 

2. Schritt: Die Verhandlungen zwischen Spieler und aufnehmendem Verein

Ehe es zu Verhandlungen zwischen dem aufnehmenden und abgebenden Verein kommt, muss eine Einigung zwischen dem Spieler und dem aufnehmenden Verein bestehen.

Die sportlichen und wirtschaftlichen Interessen des Spielers werden meist durch dessen Agenten vertreten. Oft sitzen mehrere Berater und Anwälte mit am Tisch, um den bestmöglichen Vertrag auszuhandeln. Hier scheitert es nicht selten schon an zu weit auseinander driftenden Gehaltsvorstellungen.

So geschehen beim Tauziehen um Alexis Sanchez, der vergangenen Sommer auch beim FC Bayern im Gespräch war. Der deutsche Rekordmeister distanzierte sich von einem Transfer, als klar wurde, dass der mittlerweile bei Manchester United unter Vertrag stehende Chilene angeblich bis zu 25 Millionen Euro pro Jahr verlangte.

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Hin und wieder verlaufen solche Gespräche auch wegen zu gieriger Berater im Sande, die noch auf eine stattliche Eigenprovision pochen. Vielen Spielern sind hier die Hände gebunden, weil sie nicht persönlich anwesend sein können. Die Regularien der FIFA besagen nämlich, dass ein Verein nicht mit einem Spieler sprechen darf, der noch länger als sechs Monate bei einem Klub unter Vertrag steht.

Daran halten sich aber längst nicht mehr alle. Atletico Madrid reichte beispielsweise im Mai eine Klage gegen den FC Barcelona beim Weltverband ein, nachdem sich Vertreter der Katalanen mit Torjäger Antoine Griezmann getroffen hatten. Der Franzose stand damals noch bis 2022 bei Atletico unter Vertrag, verlängerte sogar anschließend um ein Jahr.

3. Schritt: Die Verhandlungen zwischen aufnehmendem und abgebendem Verein

Ist zwischen dem Spieler und dem aufnehmenden Verein alles geklärt, muss der aufnehmende Verein mit dem abgebenden Verein auf einen Nenner kommen. Sprich: eine Transferentschädigung vereinbaren, die Ablösesumme. 

Es gibt zwei Wege, die den für die meisten Funktionäre unangenehmsten Verhandlungsschritt erheblich erleichtern. Entweder der Vertrag des Spielers läuft aus - in diesem Fall ist gar keine Ablösesumme, sondern höchstens eine Ausbildungsentschädigung erforderlich - oder der Vertrag des Spielers beinhaltet eine Ausstiegsklausel. 

In Spanien beispielsweise besitzen fast alle Spieler eine festgeschriebene Ablösesumme. Nur deshalb war der Mega-Deal von Neymar mit PSG möglich. Barcelona hätte sonst viel mehr Geld als die fix vereinbarten 222 Millionen Euro für den Ausnahmekönner verlangt.

Dass es aber auch hier zu Spannungen zwischen den Vereinen kommen kann, zeigt aktuell der Fall Witsel. Der BVB macht nach eigenen Angaben von der 20 Millionen Euro schweren Ausstiegsklausel des Belgiers Gebrauch.

Tianjin Quanjian hatte zuvor allerdings noch bestritten, dass eine solche Klausel existiere. Schließlich gaben die Chinesen aber klein bei. 

4. Schritt: Der Medizincheck

Sind sämtliche Verhandlungen abgeschlossen, ist der Weg für den Spieler zu seinem neuen Klub frei. Das heißt aber nicht, dass der Transfer schon in trockenen Tüchern ist. Zunächst steht noch der obligatorische Medizincheck auf dem Programm. 

Alle Profivereine sind verpflichtet, "jährlich zu Beginn des Spieljahres und bei Transfers während eines Spieljahres für die Restlaufzeit der Saison die Sporttauglichkeit sämtlicher auf der Spielberechtigungsliste aufgeführten Spieler nach einer vorgeschriebenen ärztlichen Untersuchung auf orthopädischem und kardiologisch-internistischem Gebiet nachzuweisen", heißt es in Lizenzordnung der DFL unter § 5.7.

In der Regel fällt der Medizincheck in die Kategorie "reine Formsache". Es gibt aber auch Fälle, die das Gegenteil beweisen. 2015 scheiterte etwa der Wechsel von Sidney Sam zu Eintracht Frankfurt, weil beim Ex-Nationalspieler Blut im Urin war und auffällige Nierenwerte festgestellt wurden.

5.  Schritt: Der Eintrag ins FIFA TMS

Das TMS ist eine Online-Plattform, über die die FIFA-Mitgliedsverbände seit 2010 verpflichtend ihre Transfers abwickeln müssen, um speziell bei Übersee-Transfers mehr Transparenz und Effizienz zu gewährleisten. An diesem Punkt befindet sich gerade noch der BVB im Fall Witsel.

"Im Prinzip ist das ein Transfer in papierloser Form", erklärt Jörg Schmadtke, Geschäftsführer Sport des VfL Wolfsburg, bei SPORT1. "Das TMS-System sorgt für einen schnelleren und reibungsloseren Ablauf als früher, als die Abwicklung beispielsweise über Fax lief."

Zur Beruhigung für alle Dortmund-Fans: Dieser Verwaltungsakt ist nach Vereinsangaben nur "ein ganz normaler Vorgang", der ein paar Tage in Anspruch nehmen kann. Weil das Transferfenster noch bis zum 31. August geöffnet ist, droht der Witsel-Transfer nicht zu platzen. 

Anders war es beispielsweise 2015, als Real Madrid den spanischen Nationalspieler David de Gea kurz vor Toreschluss an der Angel hatte, den Transfer zusammen mit dem abgebenden Verein (Manchester United) aber nicht mehr rechtzeitig über das TMS abgewickelt bekam.

6. Schritt: Die Vertragsunterzeichnung

Wenn auch die FIFA ihren Segen gegeben hat, bleibt nur noch eine Formalität: die Vertragsunterzeichnung. 

Zwar schließen manche Vereine bereits nach dem zweiten oder dritten Schritt schon Vorverträge, um sich rechtlich abzusichern. Ein Transfer ist aber erst dann perfekt, wenn die Tinte auf dem finalen Arbeitspapier getrocknet ist. 

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