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München - Für die Jags nur noch ein Problem, bei den Rams der Retter? Jalen Ramsey soll dem abgestürzten Favoriten wieder in die Spur helfen - das Hauptproblem löst er aber nicht.

Jalen Ramsey ist ein Problem.

Für gegnerische Wide Receiver, weil er an ihnen klebt und sie gerade einmal die Hälfte aller Bälle fangen lässt.

Für gegnerische Quarterbacks, die sich Sorgen machen müssen beim Wurf in seine Richtung, weil Ramsey eine ständige Interception-Gefahr ist.

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Und zuletzt war Jalen Ramsey sogar ein Problem für sein eigenes Team.

Weil ihm die Jacksonville Jaguars nicht die von ihm geforderte lukrative Vertragsverlängerung - ganz dezent, indem er mit einem gepanzerten Geldtransporter zum Training erschien - anboten, forderte er einen Trade, schnauzte seinen Trainer vor versammelter Mannschaft an der Seitenlinie an - und meldete sich für die vergangenen drei Spiele mit einer "Rückenverletzung" krank.

Kurzum: Ramsey war ein Stinkstiefel und zwang sein Team letztlich dazu, ihn wirklich zu traden. Jetzt hat er seinen Willen bekommen, die Los Angeles Rams holten sich den Pro-Bowl-Cornerback zu einem hohen Preis ins Team.

Ausgerechnet der Problemprofi soll in der Stadt der Engel zum Problemlöser werden. Denn nach der Super-Bowl-Teilnahme letzte Saison und einem 3:0-Start sind die Rams ziemlich abgeschmiert und müssen nach drei Pleiten in Serie die Kurve bekommen. Zweifel sind allerdings erlaubt.

Für Superstar Ramsey müssen die Rams umplanen

Ramseys Superstar-Talent ist unbestritten. Mit 24 ist er noch einmal zwei Jahre jünger als Marcus Peters (Trade zu den Baltimore Ravens), den er als Cornerback ersetzt. Der derzeit verletzte zweite Starter Aqib Talib ist schon 33. In vier Jahren erlaubte Ramsey gerade einmal eine Fangquote von 51,4 Prozent, wenn der Ball in seine Richtung geworfen wurde - nur drei Corner sind besser (bei mindestens 200 Versuchen). In den letzten drei Jahren hat niemand weniger Yards zugelassen als der Ex-Jag.

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Allerdings bleiben noch genug Fragen in L.A. offen - angefangen bei Ramseys Gegenüber. Talib kommt frühestens zu den Playoffs zurück und ist zudem Free Agent nach der Saison. Troy Hill (wohl der kommende Starter) und David Long (Drittrundenpick 2019) müssen erst noch den Beweis erbringen, dass sie den Laden dichthalten können.

Zudem müssen die Rams ihre Defensive für Ramsey umstellen. Direkte Mann-gegen-Mann-Verteidigung spielt das Team von Chefcoach Sean McVay bislang nur in 34 Prozent der Fälle - genau hier, wo er gegnerischen Wide Receivern auf die Pelle rücken und sie komplett abmelden kann, ist Ramsey aber am stärksten. Dass er seiner Lieblingsbeschäftigung durch das Defense-Konzept nicht mehr oft genug nachgehen konnte, war einer der Streitpunkte mit dem Ex-Team.

Mit Ramsey wird sich die zuletzt miese Rams-Defense sicherlich verbessern - während der 0:3-Pleitenserie erlaubte schließlich nur ein Team ein noch besseres Quarterback-Rating. Ob das allerdings reicht, um den abgeschmierten Favoriten wieder auf Kurs zu bringen? Fraglich.

Probleme in der Defense bleiben

Trotz Superstar-Neuzugang bleibt die Defense ein Problem der Rams. Der inkonstante Peters war als Cornerback nicht die Lösung (trotz zweier Interceptions in dieser Saison), Ramsey als Upgrade kaschiert aber nicht die restlichen Baustellen. Neben dem zweiten Corner ist auch der Pass-Rush ungenügend.

Star-Neuzugang Clay Matthews (kam aus Green Bay) hat sich den Kiefer gebrochen und fällt einen Monat aus. Den teuren Ndamukong Suh konnte sich L.A. nicht mehr leisten.

Zwar erhielt man für Peters Linebacker Kenny Young, nach drei Starts zu Saisonbeginn kam er bei den Ravens zuletzt aber nur noch von der Bank. Macht er in L.A. keinen Sprung, ist die Defense nicht wahnsinnig viel besser.

Offensive Line katastrophal

Auch die Probleme der Offense sind noch lange nicht behoben. Die löchrige O-Line (schon im Super Bowl gegen New England) bereitet dem im Vorjahr noch so gefeierten Coaching-Genie McVay arges Kopfzerbrechen.

Die Abgänge von John Sullivan und Roger Saffold wurden nicht gleichwertig ersetzt, der junge Joseph Noteboom riss sich nun das Kreuzband. Speziell im Pass-Blocking drückt der Schuh.

Routinier Andrew Whitworth ist nach Statistik der O-line-Experten von Pro Football Focus auf Rang 32 von 75 noch der beste Blocker. Der andere Tackle Rob Havenstein rangiert auf Rang 74. Die beiden Guards Jamil Demby und Austin Blythe belegen die Plätze 72 und 76 - von 77. Brian Allen ist der drittschlechteste Center der Liga.

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Goff und Gurley machen Sorgen

Quarterback Jared Goff, im Sommer mit einem 134-Millionen-Vertrag ausgestattet, gibt seinen Kritikern Futter und hat bei sieben Touchdowns bereits ebenso viele Interceptions produziert - dabei ist das Receiver-Corps mit Cooper Kupp, Brandin Cooks und Robert Woods immer noch elitär und dieses Jahr auch komplett fit - ganz im Gegensatz zu Running Back Todd Gurley. Der Superstar wird von Knieproblemen gebremst, fehlte in Woche sechs komplett.

Schwache O-Line und weniger Gefahr vom Running Back bedeutet, dass sich Gegner immer mehr auf das Passspiel der Rams stürzen können. Ob Guard Austin Corbett (kommt aus Cleveland für einen weiteren Draftpick) hier entscheidend weiterhelfen wird? Ebenfalls fraglich, schließlich enttäuschte er 2018 als Rookie bei den Browns.

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Klar ist: Die Sünden der Vergangenheit holen die Rams schon jetzt ein - und fatalerweise wird das mit Ramsey eher noch schlimmer.

Für Peters bekam man mit Linebacker Young und einem Fünftrundenpick nicht gerade viel. Selbst investierte L.A. 2018 noch einen Zweitrundenpick plus einen Pick-Tausch.

Auch für Sammy Watkins (jetzt in Kansas City) und Brandin Cooks tradeten die Entscheider bereitwillig Draftpicks weg. In der Zwischenzeit mussten sie allerdings Defense-Monster Aaron Donald (20,5 Sacks letzte Saison), Quarterback Jared Goff und Running Back Todd Gurley mit fetten Deals halten, auch bei Cooks war Zahltag.

Auf Donald (erst drei Sacks in sechs Spielen) können sich Gegner dieses Jahr komplett fokussieren, weil ein gefährlicher Nebenmann fehlt. Goff ist hinter der wackligen O-Line nicht wiederzuerkennen, Gurleys Knie macht große Sorgen. Kurz: L.A. hat viel Geld ausgegeben, die hohen Investitionen verpuffen aber aus verschiedenen Gründen.

Und nun werden die Rams auch Ramsey teuer bezahlen müssen - denn darum motzte dieser sich aus Jacksonville weg. Mit der Investition von drei Draftpicks (1. Runde 2020, 2021 und 2. Runde 2021) hat sich L.A. schon selbst dazu gezwungen.

Das Problem: Für die offensichtlichen Löcher im Kader ist immer weniger Geld da - und billige Hilfe in Form von selbst gedraftetem Talent bekommen die Rams so schnell auch nicht. Denn genau diese Top-Wahlrechte verbraten sie seit Jahren für Star-Trades.

Ob sich das ausgerechnet bei Problemprofi Ramsey jetzt entscheidend auszahlt? Fraglich.

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