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München - Björn Andrae erklärt vor dem Halbfinale im DVV-Pokal (LIVE auf SPORT1) im SPORT1-Interview seinen Wechsel nach Düren. Um die deutsche Zukunft macht er sich keine Sorgen.

Die SWD powervolleys Düren treten im Halbfinale des deutschen Volleyball-Pokals beim VfB Friedrichshafen als Außenseiter an. Das Bundesliga-Spiel im Oktober konnte der Favorit mit 3:1 gewinnen. (DVV-Pokal Halbfinale, Konferenz: VfB Friedrichshafen - SWD powervolleys Düren; SVG Lüneburg - Berlin Recycling Volleys, ab 18 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und die Einzelspiele im LIVESTREAM)

Doch Ex-Nationalspieler Björn Andrae sieht seine Dürener keinesfalls chancenlos. Der 37-Jährige war erst vor kurzem von den Powervolleys unter Vertrag genommen worden. Im SPORT1-Interview erklärt Andrae die Hintergründe, die Nationalmannschaft und die größten Talente des deutschen Volleyballs.

SPORT1: Herr Andrae, Sie gehören beim Pokalhalbfinale wieder zu den Protagonisten. Mit den SWD powervolleys Düren geht es gegen VfB Friedrichshafen. Wie stehen die Chancen?

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Björn Andrae: Ein Pokalhalbfinale ist ja nochmal ein bisschen was anderes als ein Bundesligaspiel. Natürlich liegen die Chancen leicht höher bei Friedrichshafen, weil sie zuhause spielen. Davon abgesehen sind sie aktuell auch das größte Top-Team in Deutschland. Aber Pokal ist immer so eine Sache. Es ist nur ein Spiel. Wenn du das gewinnst, bist du im Finale. Da kommt es auch immer auf die Tagesform an. Die Mannschaft, die besser reinkommt und das Niveau länger halten kann, hat auch die besseren Chancen zu gewinnen. Das kann genauso Düren sein. Wir fahren da auf jeden Fall hin, um zu gewinnen und rechnen uns auch durchaus Chancen aus. Man muss sie halt auch nutzen.

SPORT1: Sie kennen ja das Umfeld in Friedrichshafen, haben dort länger gespielt. Das kann auch helfen. Man kann den Mannschaftskollegen etwas verraten. Wobei auch noch mehrere Spieler mit Friedrichshafen-Vergangenheit im Kader stehen.

Andrae: Ich glaube nicht, dass die Jungs da groß beeindruckt sind von der Kulisse. Wenn man da jeden Tag trainiert, ist man natürlich ein bisschen im Vorteil. Aber ich glaube nicht, dass das Ambiente die Jungs irgendwie einschüchtern würde. Es ist eine schöne Stimmung in der Halle. Sie wird gut besucht sein. Da gehen alle mit einer großen Euphorie ran.

Kein neuer Vertrag bei den Netzhoppers

SPORT1: Sie hatten jetzt eine kurze Pause und wurden von Düren nachverpflichtet. Wie kam es dazu?

Andrae: Grundsätzlich hatte ich noch Ambitionen zu spielen. Ich war bei den Netzhoppers (Netzhoppers Solwo Königspark KW, Anm. d. Red.) zwei Jahre unter Vertrag und stand mit denen auch in Verhandlungen. Eigentlich wollten auch beide Seiten probieren, um ein Jahr nochmal zu verlängern. Da gab es aber finanzielle Engpässe. Das wurde von den Sponsoren nicht mehr ermöglicht. Da sich dann bei Düren Lucas Coleman verletzt hat, haben sie sich bei mir gemeldet, ob ich mir vorstellen könnte, bei ihnen einzuspringen. Das klang für mich natürlich erstmal gut. Düren ist ein Topverein. Ich kenne die Jungs schon relativ gut. Die haben mich super empfangen und dementsprechend motiviert bin ich hier angekommen. Natürlich dauert es noch ein paar Tage, bis ich auf Hochform komme. Ich habe mein letztes Bundesligaspiel Ende Februar gemacht. Gegen TV Rottenburg habe ich jetzt meine erste Einwechslung gehabt. Es war auch problematisch, weil Düren vier Spiele in acht Tagen hatte. Da kommt man dann auch nicht zum Trainieren, was ich eigentlich jetzt bräuchte. Man hüpft gerade nur von Spiel zu Spiel. Das ist natürlich die Zeit, die mir im Training fehlt. Aber wir sind da auf einem guten Weg und arbeiten gut miteinander. Ich hoffe, dass das dann in ein paar Tagen abgegessen ist – am besten schon am Donnerstag.

Insgesamt bestritt Björn Andrae (M.) 280 Spiele für den DVV
Insgesamt bestritt Björn Andrae (M.) 280 Spiele für den DVV © Getty Images

"Habe mich immer fit gehalten"

SPORT1: Grundsätzlich haben Sie ja genug Erfahrung, wie man sich in Form bringt. Aber für den Kopf ist es wahrscheinlich eine schwierige Situation, wenn man nicht genau weiß, wo und wie es weitergeht. Wie sind Sie damit umgegangen? Hatten Sie auch eine spezielle Form, sich fit zu halten?

Andrae: Eine Unsicherheit in dem Sinne gab es eigentlich gar nicht. Hätte KW das noch geschafft, hätte ich nochmal unterschrieben. Egal, wann. Dadurch war ich jetzt auch nicht groß unter Druck. Ich habe mich fit gehalten, wie ich mich immer fit halte. Ich habe in meiner Freizeit viel Tennis oder Beachvolleyball gespielt. Ich bin ja nicht faul und setz mich nur hin und werde dick. Dadurch war ich körperlich schon fit. Aber die Spielpraxis und die Vorbereitungszeit ist nicht zu unterschätzen. Ein paar Spiele zum Warmwerden und den Rhythmus mit der Mannschaft zu finden, sind schon wichtig. Aber aufgrund der Erfahrung wird es etwas schneller gehen als bei anderen. Ich bin da guter Dinge und die Jungs sind eine super Truppe. Ich werde auch nicht schon dringend benötigt auf dem Feld. Wir haben zwei Annahme außen, die spielen das super. Aber es ist einfach wichtig, dass 14 Mann da sind. Gegen Friedrichshafen hat man im letzten Spiel schon gemerkt, dass man einfach ein paar Alternativen braucht, wenn es bei einem mal nicht so läuft. Dafür wurde ich auch verpflichtet und im Pokal wirst du alle brauchen. Gegen Friedrichshafen hast du es selten, dass alle sechs Mann einen Toptag haben und die aus der Halle wegklatschen. Da muss man sich dann auf jeden verlassen und dann wird da auch der Punkt kommen, das ich einspringen muss bei uns. Dann muss das auch funktionieren. Dafür trainiere ich gerade und hoffe, dass das am Donnerstag schon funktioniert.

SPORT1: Wie wollen Sie der Mannschaft helfen? Natürlich wollen Sie schon kurzfristig was bewirken, aber so eine Saison dauert ja länger. Was können Sie der Mannschaft da geben?

Andrae: Ich glaube, dass jeder Spieler seinem Team erstmal mit Leistung weiterhilft. Aber daneben ist natürlich meine Erfahrung ein großer Pluspunkt. Ich habe schon viel erlebt, kommuniziere auch viel mit dem Trainer. Der Trainer erwartet auch viel und ist sehr interessiert, genau wie die Spieler. Ein erfahrener Spieler, der auch schon im Ausland gespielt hat, ist nie schlecht für eine Mannschaft. Es ist jetzt nicht so, dass ich da in ein Konstrukt reinkomme und die großen Ansagen mache. Aber es wird schon gefragt, was ich machen würde. Diese Kleinigkeiten kommen dann irgendwann zum Tragen. Auf dem Feld sowieso, aber seine Erfahrung kann man immer einbringen und das versuche ich auch.

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SPORT1: Jetzt läuft der Vertrag bis Ende Februar. Gibt es schon Pläne, wie es weitergeht?

Andrae: Jetzt ziehen wir das Ding hier erstmal durch und da gibt es ja noch die Option bis Saisonende. Aber jetzt schauen wir mal, wie die nächsten Wochen ablaufen und ob das passt zwischen uns. Was dann passiert, weiß ich noch nicht. Ich war generell nie ein Fan von langem Vorausplanen. Ob ich jetzt noch ein oder zwei Jahre spiele oder aufhöre, ist situationsabhängig. Solange es mir noch Spaß macht und mein Körper noch mitspielt, spiele ich noch sehr gerne. Aber es muss dann alles passen und das entscheide ich dann, wie es gelaufen ist.

In Deutschland gibt es viele Talente

SPORT1: Ganz abgesehen von Ihrem neuen Verein und dem Pokalhalbfinale muss ich Sie natürlich auch noch zur Nationalmannschaft fragen. Sie waren so lange Kapitän. Wie schätzen Sie da aktuell die Entwicklung ein?

Andrae: Ich muss gestehen, dass ich die Nationalmannschaft jetzt nicht super intensiv verfolgt habe. Natürlich war die verpasste Qualifikation zur Weltmeisterschaft ein Tiefschlag. Da ist auch ein großer Umbruch entstanden. Das nächste große Ziel ist jetzt natürlich die Qualifikation für die Olympischen Spiele und die hat es in sich. Das habe ich selbst mehrfach erlebt. Oft ist die Qualifikation schwerer als die Olympiade. Aber wir haben viele Talente und Erfahrene. Das ist ein guter Mix. Der Trainer passt auch perfekt. Der führt die Mannschaft dahin, wo sie hingehört. Aber es hängt natürlich auch davon ab, ob alle Spieler zum richtigen Zeitpunkt fit sind. Und eine gute Saison spielen. Das ist ja auch für den Kopf nicht so unwichtig. Wenn man topfit aus dem Verein in die Nationalmannschaft kommt, profitieren alle voneinander. Aber ich traue der Truppe alles zu. Ich hoffe, dass die Olympia-Qualifikation geschafft wird, weil es einfach das absolute Nonplusultra für jeden Sportler ist.

Andrae spielte sowohl bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking als auch 2012 in London
Andrae spielte sowohl bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking als auch 2012 in London © Getty Images

Talente müssen auf höchstem Niveau spielen

SPORT1: Sie haben erwähnt, dass die Struktur in der Mannschaft sehr ausgeglichen ist. Aber wie ist das Potenzial in der Mannschaft? Gibt es da ein, zwei Spieler in der Bundesliga, die in der nächsten Zukunft für Furore sorgen können?

Andrae: Wer für mich im Moment eine sehr überragende Rolle spielt bei seinem Verein, ist der David Sossenheimer von Friedrichshafen. Der spielt wirklich super solide. Oder Tobias Krick, der ist gerade verletzt, aber hat sich schon gut etabliert in der Nationalmannschaft. Das Problem, das ich aber immer sehe, ist, dass man die Bundesliga nicht mit der Nationalmannschaft vergleichen kann. Man kann in der Bundesliga der Topspieler sein, aber dann sind da noch andere Deutsche, die in anderen Ligen auf einem höheren Niveau spielen. Mit denen muss man sich ja messen. Das kann man dann in der Bundesliga nicht immer. Aber es sind viele Junge mit Potenzial vorhanden. Auch der Lorenz Karlitzek von den United Volleys ist ein super Spieler. In Berlin wächst der Egor Bogacev ran. Da würde ich mir wünschen, dass er etwas mehr Einsatzzeit bekommt. Talente hat Deutschland genug. Die müssen nur ihren Weg finden. Man sieht es ja bei VCO. Die haben eine super Truppe dieses Jahr. Da werden einige rauskommen, die schnell Teil der Nationalmannschaft sein werden. Daher, die Spieler sind da, die Talente sind da. Man muss einfach nur dafür sorgen, dass die Talente irgendwann dann auch funktionieren. Irgendwann muss man von diesem Status Talent wegkommen und eine Mannschaft führen. Es bringt dann nichts, wenn man zehn Talente hat. Man braucht auch Spieler, die dann abliefern.

SPORT1: Da ist die Nationalmannschaft dann vielleicht einen Schritt weiter in der Reifestufe!

Andrae: Natürlich. Man misst sich mit den Besten der Welt. In der Bundesliga geht noch einiges durch. Aber wenn dann so ein Srecko Lisinac von den Serben im Block ist, kommt der Ball zurück. Das ist kein anderer Planet, aber man muss sich an dieses Niveau gewöhnen.

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