Nicht fit für Olympia? Das deutsche Biathlon-Rätsel
teilentwitternE-MailKommentare

München und Ruhpolding - Nur ein Einzel-Podium in acht Heimrennen für Laura Dahlmeier und Co. - und das so kurz vor Olympia. Muss man sich Sorgen machen um die deutschen Biathleten?

Deutschland, Biathlon, Olympia.

Wenn es so etwas wie eine Medaillenformel gäbe, hätte sie jahrzehntelang wohl ziemlich genau so ausgesehen.

Seit der Olympia-Premiere der Frauen 1992 holten die deutschen Biathleten immer mindestens fünf Medaillen - bis zur Ernüchterung 2014 in Sotschi, wo es nur zu zwei Silbermedaillen reichte.

Erik Lesser (Bild) und die Männer-Staffel holten 2014 die einzigen deutschen Biathlon-Medaillen
Erik Lesser (Bild) und die Männer-Staffel holten 2014 die einzigen deutschen Biathlon-Medaillen © Getty Images

Nun warten die Olympischen Spiele in Pyeongchang - und vor der Generalprobe in Antholz (ab 14.15 Uhr täglich im LIVETICKER) scheinen die Podestplätze für die deutschen Athleten auch diesmal ein gutes Stück entfernt.

Fragezeichen hinter Dahlmeier

Erst acht Mal landeten deutsche Biathleten in Einzelrennen unter den ersten Drei - zum selben Zeitpunkt im Vorjahr schon 14 Mal, ein Jahr zuvor sogar schon 22 Mal!

Müssen sich die deutschen Fans also Sorgen machen?

Viele Fragezeichen drehten sich bei den Heim-Weltcups in Oberhof und Ruhpolding ausgerechnet um eine, die eigentlich für die Ausrufezeichen sorgen soll: Laura Dahlmeier.

Ein grippaler Infekt gefolgt von der schlechtesten Weltcup-Platzierung ihrer Karriere mit Platz 48 sorgten für Zweifel, ob Dahlmeier bis Olympia auch nur annähernd an ihre überragende Form der vergangenen Saison anknüpfen kann.

Beispiel Magdalena Neuner macht Hoffnung

Im Vorjahr hatte Dahlmeier vor den Rennen in Antholz schon sieben Mal auf dem Podest gestanden, anschließend holte sie bei der WM in Hochfilzen fünf Goldmedaillen und eine Silbermedaille - und schürte damit Erwartungen, denen sie aktuell nicht gerecht werden kann.

"Biathlon ist vielleicht nicht so einfach wie es aussieht. Wir müssen auch hart dafür trainieren", betonte Dahlmeier auf SPORT1-Nachfrage: "Im letzten Jahr hatte vor allem ich einen super Lauf, das hat ausgesehen, als ginge es von allein - es ging aber eben doch nicht von allein."

Hoffnung macht ausgerechnet das Beispiel Magdalena Neuner: Die einstige Biathlon-Dominatorin hatte 2010 zum selben Zeitpunkt im Gegensatz zu Dahlmeier in dieser Saison (ein 1. Platz) noch gar keinen Sieg auf dem Konto - und gewann bei Olympia in Vancouver dennoch zwei Mal Gold und ein Mal Silber.

Magdalena Neuner war die überragende Biathletin bei Olympia 2010 in Vancouver
Magdalena Neuner war die überragende Biathletin bei Olympia 2010 in Vancouver © Getty Images

Dass es bei Dahlmeier vor heimischer Kulisse zuletzt nicht richtig rund lief, hat zumindest den ehemaligen Bundestrainer Uwe Müßiggang nicht überrascht. "Bei der Laura hat man riesige Erwartungen gehabt, gerade bei den Heimweltcups: So schön es ist auf der Strecke, da wird man sicherlich gepusht", sagte Müßiggang bei SPORT1, "aber am Schießstand wage ich zu behaupten, dass es nicht unbedingt ein Vorteil ist".

Dahlmeier meldet sich mit Platz zwei zurück

Das machte sich vor allem im Einzel über 15 Kilometer bemerkbar: 20 Schießfehler leisteten sich die sechs deutschen Starterinnen da - und waren chancenlos.

Immerhin aber gelang Dahlmeier und Co. ein versöhnlicher Abschluss: Am Samstag der Sieg in der Staffel, am Sonntag im Massenstart Platz zwei hinter der Finnin Kaisa Mäkäräinen.

"Ich glaube, ich habe in Ruhpolding auch sehr gute Rennen gezeigt nach dem etwas verpatzten Einzel", bilanzierte sie: "Ich fühle mich gut in Form, es ist nicht mehr lang bis Olympia - der Fahrplan passt."

Vor allem in der Loipe - und das nicht nur bei ihr, sondern auch bei den Kolleginnen.

Herrmann und Hammerschmidt top in der Loipe

Denise Herrmann setzte im Massenstart die mit Abstand schnellste Laufzeit, Maren Hammerschmidt die viertschnellste - weshalb beide trotz jeweils vier Schießfehlern nur knapp am Podest vorbeiliefen.

Denise Herrmann stand zum Saisonstart in Östersund zwei Mal ganz oben auf dem Podest
Denise Herrmann stand zum Saisonstart in Östersund zwei Mal ganz oben auf dem Podest © Getty Images

"Die Situation lässt uns schon entspannt in die nächsten Wochen schauen", meint Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig bei SPORT1: "Die Laufform passt jetzt schon sehr gut und wir sind glaube ich noch nicht am Ende der Fahnenstange."

Am Schießstand flop, in der Loipe top - das gilt auch für die deutschen Männer: Zwar schaffte es in der aktuellen Weltcup-Saison nur Erik Lesser zwei Mal als Dritter aufs Podest, die Laufform stimmt aber auch im Team von Bundestrainer Mark Kirchner.

Boe und Fourcade dominieren Saison

Im Massenstart von Ruhpolding waren Arnd Peiffer (4.), Simon Schempp (6.) und Benedikt Doll (7.) allesamt unter den Schnellsten auf der Strecke. Dass es erneut nicht fürs Podest reichte, hatte mal wieder vor allem zwei Gründe: Johannes Thingnes Boe und Martin Fourcade.

Die beiden Über-Athleten blockierten in zehn von zwölf Saisonrennen zwei der drei vorderen Plätze - zuletzt standen sie neun Mal in Folge gemeinsam auf dem Podium.

Johannes Thingnes Boe (l.) und Martin Fourcade sind in dieser Saison kaum zu schlagen
Johannes Thingnes Boe (l.) und Martin Fourcade sind in dieser Saison kaum zu schlagen © Getty Images

"Die beiden zeigen die ganze Saison, dass sie schon in einer eigenen Liga sind, eine eigene Qualität haben", erkennt Kirchner bei SPORT1 neidlos an.

Den Kopf in den Sand stecken wollen die Deutschen trotzdem nicht.

Schempp: "Können noch aufholen"

"Es ist momentan schon noch eine Lücke da", sagt Schempp zwar, aber "es ist noch ein bisschen Zeit und wir können noch ein bisschen was aufholen".

Das gilt in erster Linie am Schießstand. Vielleicht ja schon ohne den Druck der Heimrennen bei der Olympia-Generalprobe in Antholz.

"Es ist natürlich eine Kopfsache, denn die Fähigkeiten sind ja da", meint Frauen-Bundestrainer Hönig, für Trainerkollege Kirchner fehlt derzeit "einfach mal das Quäntchen Glück. Dann ist das Podest auch mal wieder drin."

Und in Pyeongchang könnte wieder die alte Erfolgsformel gelten: Deutschland, Biathlon, Olympia = Medaillen.

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel