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Olympia-Starter aus Russland dürfen ihre Nationalflagge nicht öffentlich zeigen
Wurde der russische Staffel-Sieg bei der WM 2017 Hochfilzen etwa nicht mit sauberen Mitteln erkämpft? © Getty Images
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Nach den Doping-Razzien gibt es gegen den Weltverband schwere Vorwürfe. Die Machenschaften reichen offenbar weit zurück, der Präsident zieht Konsequenzen.

Bestechungsgelder an die Top-Funktionäre, 65 vertuschte Dopingfälle - und schon wieder führt die Spur nach Russland: Der Biathlon-Sport versinkt in einem gigantischen Korruptionssumpf und benötigt auf höchster Ebene mehr denn je einen kompletten Neuanfang.
Nach den beiden Razzien, die am Dienstag praktisch zeitgleich in der Zentrale des Weltverbands IBU in Österreich und dem Wohnsitz des Präsidenten Anders Besseberg in Norwegen erfolgt waren, treten immer mehr erschütternde Details zutage.

So sollen die Machenschaften mindestens bis in das Jahr 2012 zurückreichen und viele russische Sportler - gedeckt von höchster Stelle - mit verbotenen Substanzen im Körper an der WM 2017 in Hochfilzen teilgenommen haben.

"Wegen der Anwendung verbotener Substanzen, schweren Betrugs im Zusammenhang mit Doping sowie der Geschenkannahme von Bediensteten" werde gegen Mitglieder des russischen Teams und zwei IBU-Funktionäre - die nicht benannten Besseberg und Generalsekretärin Nicole Resch - ermittelt.

Nicole Resch war seit 2008 bei der IBU aktiv
Nicole Resch war seit 2008 bei der IBU aktiv © Imago

Dies teilte die in Österreich federführende Zentrale Staatsanwaltschaft zur Verfolgung von Wirtschaftsstrafsachen und Korruption WKSTA mit. Durch Schmiergelder und "erschwindelte Preisgelder" gehen die Ermittler von einem Schaden in Höhe von 275.000 Euro aus.

65 Dopingfälle vertuscht?

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) reagierte zurückhaltend und drückte sein "vollstes Vertrauen in die ermittelnden Behörden" aus. Diese beschlagnahmten bereits am Dienstag Telefone, Computer und Dokumente von Besseberg - der sich allerdings keiner Schuld bewusst ist.

"Ich denke, wir haben absolut im Einklang mit den Richtlinien gehandelt", sagte der Norweger, einst selbst Biathlet, dem Fernsehsender NRK.

Seine Ergänzung lässt Raum für Spekulationen: "Aber ich kann nicht sagen, ob die Ermittler das genauso sehen." NRK hatte ebenso wie die Zeitung Verdens Gang unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtet, dass die IBU seit 2011 ungeheuerliche 65 Dopingfälle verheimlicht haben soll.

Personelle Konsequenzen

Dafür, dies geht aus den bisherigen Ermittlungen hervor, sollen Gelder in Höhe von umgerechnet 240.000 Euro geflossen sein.

"Das verstehe ich nicht. Ich habe keine Krone, keinen Euro und keinen Dollar von irgendeinem Russen angenommen", sagte Besseberg. Doch diese Annahme stützt die Thesen, welche von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) in einem 16-seitigen Bericht aufgestellt werden.

Darin wird unter Berufung auf den russischen Doping-Whistleblower Grigori Rodtschenkow und einen nicht genannten Informanten ein verheerendes Bild gezeichnet. "Hinter den Praktiken stand die Absicht, die russischen Sportler zu schützen", heißt es in dem Bericht, in den die französische Tageszeitung Le Monde Einsicht hatte: "Herr Besseberg und Frau Resch sind mitschuldig und sehr wohl über das falsche Verhalten des jeweils anderen im Bilde."

Wahrscheinlich zogen sich auch deshalb beide vorerst zurück. Resch wurde für den Zeitraum der laufenden Ermittlungen von ihren Aufgaben entbunden, Besseberg teilte zudem dem IBU-Vorstand seinen vorläufigen Rücktritt mit. Beim nächsten IBU-Kongress im September könnte eine neue Führung gewählt werden, nach 25 Jahren im Amt tritt Besseberg dann ohnehin nicht mehr zur Wahl an.

"Er hatte mehrere Chancen, die IBU zu einem sauberen Sport zu führen, und das hat er nicht getan. Daher denke ich schon lange, dass er ersetzt werden sollte", sagte der Staffel-Olympiasieger Sebastian Samuelsson der schwedischen Zeitung Expressen. Der 21-Jährige hatte wie zahlreiche andere Athleten und Nationen Ende März das Weltcup-Finale der Biathleten im russischen Tjumen boykottiert.

DSV entsetzt

Der Deutsche Skiverband (DSV) sah von einer solchen Maßnahme ab, bezeichnete die jüngsten Vorgänge nun aber als "nicht gut für den Sport im Allgemeinen und den Biathlon im Speziellen".

DSV-Sprecher Stefan Schwarzbach sagte am Donnerstag: "Es wäre ein Schlag in das Gesicht des gesamten organisierten Sports, sollten sich die Verdächtigungen bestätigen."

Danach sieht es mittlerweile aus.

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