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Denise Herrmann gewann bei der Biathlon-WM in Antholz Silber in der Verfolgung
Denise Herrmann gewann bei der Biathlon-WM in Antholz Silber in der Verfolgung © Getty Images
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München - Denise Herrmann ist nicht erst seit WM-Silber in Antholz die Frontfrau im deutschen Team. Olympiasieger Michael Rösch erklärt bei SPORT1 ihre Stärke.

Es war wohl vorbestimmt, dass Denise Herrmann die neue Frontfrau wird.

Nach den Rücktritten von Magdalena Neuner und Laura Dahlmeier brauchte Biathlon-Deutschland dringend eine Leistungsträgerin für Großereignisse wie die WM in Antholz. (Biathlon-WM: Einzel der Frauen am Dienstag ab 14.15 Uhr im LIVETICKER)

Herrmann passt perfekt. Denn zu ihren Hobbys zählen die Berge und Stricken. Für Biathlon sind das offenbar beste Voraussetzungen - wie Strick-Expertin Neuner und Berg-Liebhaberin Dahlmeier jahrelang unter Beweis gestellt haben.

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Und Herrmann selbst hat mit der Silbermedaille in der Verfolgung nachgewiesen, das sie der Erwartungshaltung gewachsen ist. "Der Druck war enorm groß. Sie macht sich auch selbst viel Druck. Aber dass sie trotzdem schon eine Medaille geholt hat, zeigt einfach ihre Klasse", schwärmt Olympiasieger Michael Rösch bei SPORT1.

Schießleistung von Herrmann begeistert Rösch

Das Tempo, mit dem sich Herrmann (wechselte erst 2016 vom Langlauf zum Biathlon) in der Weltspitze etabliert hat, beeindruckt Rösch, der 2006 bei Olympia in Turin mit der Staffel Gold gewann.

Er lobt vor allem Herrmanns Leistung an der Waffe. "Sie macht erst seit ein paar Jahren Biathlon, ist schon Weltmeisterin, Vize-Weltmeisterin - daran sieht man schon, wie groß ihr Schießtalent ist. In den letzten zwei Jahren hat sie noch einmal einen enormen Sprung gemacht. Da ging die Trefferquote extrem nach oben", erklärt der 36-Jährige.

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Herrmann: "Es macht Riesenspaß"

Und Herrmanns Reise ist noch lange nicht am Ende. Während Neuner und Dahlmeier schon mit 25 ihre Karrieren beendeten, startete die Sächsin ihre im Biathlon erst im Alter von 27.

Dies erhöht die Langzeitmotivation, da sich bei Herrmann nicht so schnell eine Alltagsroutine einstellt wie bei Biathletinnen, die den Sport seit frühestem Kindesalter ausüben. Speziell beim Schießen, aber auch im Laufen – richtiges Tempo vor Schießen wählen - lernt sie immer noch täglich dazu. In der Loipe ist ihr an guten Tagen eh niemand gewachsen.

"Es macht Riesenspaß, jeden Tag entdecke ich wieder etwas, was ich noch verbessern kann. Wenn man jeden Tag mit Leidenschaft und Motivation angeht, und das ist bei mir der Fall, dann macht man das Richtige, deshalb war der Wechsel auch richtig", sagte die 31-Jährige erst vor wenigen Tagen der AZ.

Herrmann verblüfft in Pokljuka alle

Und auch was das Schießen angeht, ist Experte Rösch (Mitglied des Schieß-Kompetenzteams beim DSV) voll des Lobes:

"Was die Zielbildanalyse angeht, wo die Fehler lagen, das hat sie immer schon sehr gut erkannt - das kann manch erfahrener Athlet nicht so gut einschätzen. Ihre Auffassungsgabe ist auf einem sehr hohen Niveau - umso mehr, wenn man bedenkt, dass sie erst seit 2016 Biathlon macht. Das darf man nie vergessen."

Unter diesem Aspekt sind ihre Schießleistungen sensationell. Bei der WM-Generalprobe in Pokljuka schaffte sie es Ende Januar sogar, alle 20 Scheiben im Einzel zu treffen.

Ihre Schießquoten pendeln sich in den vergangenen beiden Saisons zwar bei knapp 80 Prozent ein, dabei verhageln ihr aktuell aber ein paar wenige richtig schlechte Anschläge die Quote. Insgesamt ist ihr Schießen dennoch stabiler geworden, weshalb sich Herrmann an ihre zweite Baustelle machen kann: die Schießzeit.

"Das läuft sie auf der Strecke eh wieder raus"

Hier hat die Vize-Weltmeisterin in der Verfolgung deutliche Fortschritte erzielt. Die DSV-Athletin brauchte im Sprint für alle vier Schießen 1:48 Minute – Schnellschützin Dorothea Wierer war insgesamt gerade einmal vier Sekunden schneller.

"Ihre Schießzeiten sind jetzt schon sehr gut", lobt auch Rösch: "Bei den Abläufen ist da relativ wenig Luft nach oben, da ist sie schon sehr weit. In der Vorbereitung braucht sie manchmal noch ein, zwei Sekunden mehr. Da kann sie aber ganz entspannt sein - denn das läuft sie auf der Strecke eh wieder raus (lacht)."

Zeiten, in den Herrmann bei einem Liegendschießen 15 Sekunden auf die Weltspitze einbüßte, sind vorbei. Und das Wissen, Patzer in der Loipe ausgleichen zu können, zusätzliches Selbstbewusstsein.

Kirchner: "Sie wird die absolute Frontfrau"

Herrmanns Verbesserung im Schießen ist für das DSV-Team goldwert - denn ohne Neuner und Dahlmeier fehlen die Frontfrauen, die mit ihren Erfolgen den Druck auf die Teamkolleginnen reduzieren. Auch wenn sich Herrmann selbst nicht als Frontfrau sieht – alle anderen tun es. 

So prognostizierte Bundestrainer Mark Kirchner bereits vor der Saison: "Sie wird dieses Jahr die absolute Frontfrau des Damenteams sein. Sie wird sich auch noch weiterentwickeln. Sie ist sehr ehrgeizig und weiß genau, was sie will."

Rösch rechnet mit weiteren Herrmann-Medaillen

Sollte ihr bei der aktuellen WM im Einzel oder Massenstart noch ein Coup wie beim Verfolgungstitel 2019 gelingen, würde sie mit zweimal Gold und zweimal Silber mit Dahlmeier bei ihren ersten zwei WM-Teilnahmen gleichziehen.

Rösch glaubt an weitere Herrmann-Medaillen bei der WM - aus mehreren Gründen.

"Der Druck ist weg, sie hat schon eine Medaille. Im Einzel hat sie schon in Pokljuka gezeigt, dass sie gut schießen kann", erklärt der Olympiasieger: "Noch stärker sehe ich sie sogar im Massenstart, wo es wirklich Frau gegen Frau geht. Sie hat das große Plus, dass sie extrem laufstark ist und einen Fehler einfach mal in der Loipe kompensieren kann. Auch die Strecke kommt ihr extrem entgegen, weil es hier vor allem um Kraft-Ausdauer geht - und die hat sie. Wenn sie am Schießstand halbwegs durchkommt, ist hier noch mit ein bisschen Edelmetall zu rechnen."

Herrmann holt sich Mentaltrainer

In jedem Fall bringt Herrmann all die Qualitäten mit, die eine Frontfrau braucht. Sie ist von ihren Stärken überzeugt und weiß, dass sie sich darauf verlassen kann. Gleichzeitig kennt sie aber ihre Schwächen. Herrmann ist wohl als ihre größte Kritikerin - und lässt nichts unversucht. Seit vergangenem Winter arbeitet sie zum Beispiel mit einem Mentaltrainer zusammen.

Für Rösch ein sinnvoller Schritt. "Ich erlebe jetzt ja das Spektakel Biathlon bewusst von der anderen Seite, wenn man am Schießstand steht, gerade hier in Antholz, aber auch Oberhof, Ruhpolding", berichtet Ex-Biathlet, heute Stützpunkttrainer in Altenberg: "Wenn einem da 20.000 Mann im Nacken stehen - da ist die Psyche gefragt."

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Die Stärke in diesem Bereich hat Herrmann im WM-Verfolger nun schon nachgewiesen.

"Meine Erwartungen sind hoch, die werden auch hoch bleiben", erklärte sie dem ZDF. Ihre Akribie geht so weit, dass Herrmann sogar in ihrer heimischen Wohnküche mit aufgemalten Scheiben an den Schränken das richtige Aufsetzen des Gewehres übt.

Bei der WM zahlt sich das nun aus. Es wäre daher nicht verwunderlich, wenn Herrmann am Ende der Wettkämpfe in Antholz wie bei der WM 2019 erneut einen kompletten Medaillensatz vorzuweisen hätte - im Stile einer echten Frontfrau eben.

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