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Michael Rösch (l.) war früher Teamkollege von Arnd Peiffer (r.)
Michael Rösch (l.) war früher Teamkollege von Arnd Peiffer (r.) © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago
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München - Michael Rösch blickt im SPORT1-Interview auf die Biathlon-Saison zurück. Der Olympiasieger spricht über die Folgen des Peiffer-Rücktritts und den Mallorca-Zoff.

Vor fünf Jahren waren die deutschen Biathleten in Sachen Weltcupsiege und Podestplätze noch die erfolgreichste Nation im Biathlon - sogar vor Norwegen. Vier Deutsche befanden sich in der Saison 2015/2016 noch unter den besten Acht der Weltrangliste, in dieser Saison ist dies lediglich Franziska Preuß gelungen.

Neben Norwegen ist Frankreich an der DSV-Mannschaft deutlich vorbeigezogen und auch Schweden hat nicht nur mehr Weltcupsiege eingefahren, sondern lag in der Staffel-Wertung sowohl bei den Herren als auch bei den Damen vor Deutschland.

Nun tritt mit Arnd Peiffer auch noch der über alle Jahre gesehen konstanteste deutsche Biathlet des vergangenen Jahrzehnts zurück. Die Aussichten für die Olympischen Spiele in Peking 2022 und die Heim-WM 2023 in Oberhof sind daher alles andere als rosig.

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Nach dem Saisonfinale hat SPORT1 mit dem 2019 zurückgetretenen Biathlon-Olympiasieger Michael Rösch einen Rückblick gewagt und über den Rücktritt von Peiffer sowie dessen Folgen gesprochen. Auch zu dem von Ex-Skistar Felix Neureuther angestoßenen Thema rund um die Corona-Regeln für Kinder hat Rösch eine Meinung.

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SPORT1: Herr Rösch, wie fällt Ihre Bilanz zur abgelaufenen Saison bei deutschen Biathletinnen und Biathleten aus?

Michael Rösch: Wir sind ein erfolgsverwöhntes Biathlonvolk und wenn man Magdalena Neuner, Laura Dahlmeier und Co. zum Maßstab nimmt, sind die ganz großen Erfolge ausgeblieben. Wenn man aber genauer hinschaut, gab es nicht nur Schatten, sondern auch Licht, vor allem bei den Frauen: Dass Franziska Preuß es noch auf dem dritten Platz der Gesamtwertung geschafft hat, das ist schon mehr als nur sehenswert. Auch Vanessa Hinz und Janina Hettich haben aus meiner Sicht gute Leistungen gezeigt.

Herrmann fehlte läuferische Überlegenheit

SPORT1: Was lief schief bei Denise Herrmann, die es trotz höherer Ansprüche nur auf Platz 10 in der Gesamtbilanz geschafft hat?

Rösch: Denise hat im Voraufbau ein paar neue Sachen probiert, die ihr nicht so gut gelungen sind. Anscheinend sind da intern ein paar Sachen zu klären, auch zum Thema Trainingsvorbereitung – ich habe keinen direkten Einblick, aber ein bisschen links und rechts was gehört, was da falsch gelaufen sein könnte. Letztlich ist dann eins zum anderen gekommen. Die läuferische Überlegenheit der vergangenen Saison war diesmal nicht da, dann kommt die Komponente Schießen dazu und die Komponente Kopf und die Leistungen kommen nicht mehr so, wie man es sich wünscht und alle Probleme verstärken sich gegenseitig. Aber ich bin sicher, dass sie erfahren genug ist und ihren Körper gut genug kennt, um das richtig zu analysieren und nächste Saison besser dazustehen.

SPORT1: Ist für Franziska Preuß mittelfristig gesehen mehr drin, kann sie den Gesamtweltcup angreifen?

Rösch: Rein vom Potenzial her ist Franzi in der Lage, das zu schaffen, das hat man gesehen – aber es ist brutal schwer gegen die starke Konkurrenz aus Skandinavien. An ihrer Stelle würde ich das jetzt nicht als Ziel rauswerfen – das ging bei Denise Herrmann leider in die Hose -, sondern einfach so konsequent weiterarbeiten, wie sie es jetzt dieses Jahr gemacht hat. Sie hat einen Riesensprung gemacht und ist jetzt unheimlich wichtig für das ganze Team. Es ist wichtig, so eine Leistungsträgerin zu haben, die den anderen mit ihrem Windschatten hilft. Wenn Deutschland so jemanden mal nicht mehr hat, wird es eine größere Durststrecke geben. (Biathlon: Weltcup-Stände)

Peiffer-Rücktritt ein "Schock" für Rösch

SPORT1: Bei den Männern gibt es mit dem Rücktritt von Peiffer nun so einen Einschnitt.

Rösch: Ja, das ist ein Schock und da klafft jetzt eine Riesenlücke. Er war einer der Arrivierten, der die Kohlen aus dem Feuer geholt hat, gerade jetzt noch einmal bei der WM mit der Einzelmedaille.

Das Bild zeigt Arnd Peiffer, Florian Graf, Andreas Birnbacher und Michael Rösch (v.l.n.r.)
Das Bild zeigt Arnd Peiffer, Florian Graf, Andreas Birnbacher und Michael Rösch (v.l.n.r.) © Imago

SPORT1: Ist für Sie irgendwie absehbar, wie die Lücke gefüllt werden kann?

Rösch: Nun, die etablierteren Kräfte Benni Doll und Erik Lesser sind auch schon 30 beziehungsweise 32. Erik kann punktuell immer einen raushauen, am ehesten sehe ich aber bei Doll das Potenzial, über sich hinauszuwachsen: Er hat das läuferische Vermögen, in der Weltspitze die Akzente zu setzen – er muss halt aber auch treffen, um eine andere Basis zu schaffen. Wenn ich es richtig überblicke, hat er in dieser Saison in keinem Rennen die Null gesetzt. Johannes Kühn ist auch ein Athlet, der vom läuferischen Vermögen in den Top 5, Top 6 ist – weltweit – und landet dann halt aber beim Sprint in Östersund mit acht Fehlern auf Platz 93, das ist schon krass. Generell muss da am Schießstand viel passieren, bei allen.

Rösch fordert: Ansprüche etwas zurückschrauben

SPORT1: Können Sie sich das Problem erklären? Wo kann man ansetzen?

Rösch: Man muss wissen, dass Engelbert Sklorz, der deutsche Schießtrainer, den Job erst seit einem Jahr hat – daher kann man ihm nicht die Schuld geben: Das Schießen ist ein Prozess, da braucht es teilweise wirklich mehrere Jahre, bis man Abläufe verändert und Effekte erzielt, wie man sich das vorstellt. Und ich bin überzeugt, dass diese Effekte noch sichtbar werden, wenn man ihn in Ruhe machen lässt. Generell: Ich bin für faire und realistische Erwartungen. Beim Biathlon, Männlein und Weiblein, ist die Leistungsdichte in der ganzen Welt krass eng zusammengerutscht und Fans und Medienöffentlichkeit müssen ihre Ansprüche vielleicht etwas zurückschrauben. Den jüngeren Weltcup-Startern fehlt noch eine ganze Latte an Erfahrungen, an Praxis bis zur Weltspitze und es wird ein paar Jahre dauern, bis da mal wieder jemand ganz oben anklopft. 

SPORT1: Wie sind dann Ihre Erwartungen für Olympia 2022 in Peking?

Rösch: Prinzipiell bin ich positiv gestimmt, Medaillen sind immer möglich, aber es wird in jeder Disziplin schwer, da darf man sich nichts vormachen. Es muss sich viel ändern, wenn die Bilanz besser werden soll als bei der WM. Aber wir haben viele gute Leute im Verband und vor allem auch die Sportler selbst, die wissen werden, an welchen Schrauben sie drehen müssen, um das Bestmögliche rauszuholen. (Biathlon-Weltcup: Kalender und Ergebnisse der Saison 2020/21)

SPORT1: Ein anderes Thema: Felix Neureuther hat vielen aus der Seele gesprochen mit seiner Brandrede, weil Mallorca-Flüge jetzt wieder möglich sind, der Vereinssport auch für Kinder weiterhin nicht. Teilen Sie seine Meinung?

Rösch: Ich teile die Ansicht von Felix Neureuther zu hundert Prozent. Natürlich muss man berücksichtigen, dass der Sport an sich gerade nicht das gesellschaftliche Hauptthema ist, aber es geht hier ja um etwas Größeres: Ich merke an meinen eigenen Kindern, wie schwer die Einschränkungen für sie sind, dass sie keinen Gruppensport machen dürfen, Freunde nicht sehen. Bei unseren Kindern, die unsere Zukunft sind, für eine Erleichterung der Situation zu sorgen, wo es möglich und verantwortbar ist, sollte uns wichtiger sein als andere Dinge.

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