Vierschanzentournee: Sven Hannawald über Freitag, Schlierenzauer, Grand Slam

Hannawald: Grand Slam war mir egal

Sven Hannawald gewann bei der Vierschanzentournee 2001/02 alle vier Springen

Jonas Nohe

Sven Hannawald ist der letzte deutsche Tourneesieger. Bei SPORT1 spricht er über Freitags Chancen und erklärt, wieso sein Grand Slam so schwer zu wiederholen ist.

Fast 16 Jahre ist es her, dass Sven Hannawald mit seinem historischen Vierfach-Triumph bei der Vierschanzentournee (alle Springen ab Samstag im LIVETICKER) die Skisprung-Welt aus den Angeln hob.

Nie zuvor hatte ein Springer den Grand Slam mit Siegen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen geschafft.

Noch immer ist der heutige Eurosport-Experte der letzte deutsche Gesamtsieger bei der Tournee - dank des Gesamtweltcup-Führenden Richard Freitag aber stehen die Chancen wohl so gut wie nie, diese schwarze Serie endlich zu beenden.

Im SPORT1-Interview spricht Hannawald über Freitags Chancen, den Mythos Vierschanzentournee und erklärt, warum sein Vierfachtriumph so schwer zu wiederholen ist.

SPORT1: Herr Hannawald, was spricht für den ersten deutschen Tourneesieg seit 16 Jahren?

Sven Hannawald: Es ist einfach an der Zeit. Man sieht, dass über die Jahre alle großen Skisprung-Nationen wie Polen, Österreich oder Norwegen Tourneesieger gestellt haben - nur die Deutschen nicht.

Die Vierschanzentournee ist das große Spektakel zum Jahreswechsel. Am Freitag startet der Wettbewerb mit der Quali in Oberstdorf. Welcher Springer wird sich dieses Jahr den Gesamtsieg sichern? © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Imago
Bei der Tournee 2002 schrieb Sven Hannawald Geschichte. Als bislang einziger Athlet gewann der Deutsche alle vier Springen. Dieses Jahr begleitet er die Tournee als "Eurosport"-Experte. Bei SPORT1 macht der 43-Jährige den Favoritencheck © Getty
AUSSENSEITERCHANCEN: Setzt sich möglicherweise ein absoluter Außenseiter durch? Der Pole David Kubacki könnte alle überraschen. Dieter Thoma, Tournee-Sieger von 1990, analysierte bei SPORT1: "Er ist ein Springer mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, der zu Besonderem in der Lage ist." © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Es gibt immer einen Überraschungsspringer, das hat man in den letzten Jahren vor allem an Thomas Diethart gesehen. Aber es wäre ja keine Überraschung, wenn ich da jetzt einen Namen nennen würde." © Getty Images
PLATZ 8 - JUNSHIRO KOBAYASHI (Japan): Beim Weltcup-Auftakt in Wisla sorgte Kobayashi mit seinem Sieg für eine Überraschung. Im Gesamtweltcup liegt der 26-Jährige derzeit auf Rang sieben. © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Sehe ich nicht ganz vorne, auch wenn es mich für die Japaner freuen würde. Er hat eine gute, stabile Technik - ich glaube aber nicht, dass er mit den absoluten Topspringern mithalten kann." © Getty Images
PLATZ 7 - MARKUS EISENBICHLER (Deutschland): Am Ende der vergangenen Saison rangierte Eisenbichler im Gesamtweltcup auf Rang acht. Aktuell belegt er 26-Jährige die selbe Platzierung. Eisenbichler etabliert sich also als Top-Ten-Springer © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Bei der Tournee kommen Schanzen, die ihm liegen - insbesondere Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen. Deswegen könnte es vielleicht auch mal Klick machen und er ist am Ende die Überraschung. Im Hinterkopf habe ich ihn auf jeden Fall auf der Rechnung." © Getty Images
PLATZ 6 - JOHANN ANDRE FORFANG (Norwegen): Aktuell liegt Forfang auf Platz sechs im Gesamtweltcup. Dreimal landete der 22-Jährige dieses Jahr unter den Top vier © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Er hat in einzelnen Sprüngen seine tolle Flugtechnik gezeigt - und wenn er den Absprung trifft, dann funktioniert’s bei ihm. Er ist aber ein bisschen zu wetterabhängig: Bei ruhigem Wind oder Aufwind ist er brandgefährlich, bei Rückenwind tut er sich schwer." © Getty Images
PLATZ 5 - STEFAN KRAFT (Österreich): 2014 und 2016 gewann Kraft jeweils das Auftaktspringen der Tournee, 2015 triumphierte er in der Gesamtwertung. Diese Saison konnte der 24-Jährige drei Weltcup-Podestplätze verzeichnen © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Er ist für mich ein Fragezeichen. Kann seine besten Sprünge nicht regelmäßig abrufen, obwohl er letzte Saison noch komplett dominiert hat. Aber die Erfahrung zeigt, dass die Österreicher pünktlich zur Tournee plötzlich eine ganz andere Hausnummer sind." © Getty Images
PLATZ 4 - DANIEL ANDRE TANDE (Norwegen): Bei der Tournee im letzten Jahr lag Tande lange auf Kurs Gesamtsieg. Die ersten zwei Springen konnte der 23-Jährige gewinnen. Doch im letzten Springen in Bischofshofen ging eine Bindung auf und Tande musste notlanden. Es blieb nur Gesamtplatz drei © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Hat einige überragende Sprünge gezeigt, aber nicht so viele wie zum Beispiel Wellinger. Wenn er über Weihnachten noch ein paar Kleinigkeiten gefunden hat, kann er gefährlich werden. Denn: Er ist ein Flieger und die Schanzen bei der Tournee liegen ihm." © Getty Images
PLATZ 3 - ANDREAS WELLINGER (Deutschland): Wellinger zeigte diese Saison bisher starke Leistungen. Die Bilanz des 22-Jährigen: Ein Einzelsieg, zwei Podestplätze. Der größte Erfolg seiner Karriere bisher war Gold mit der deutschen Mannschaft bei Olympia 2014 © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Er hat in einzelnen Sprüngen gezeigt, dass er auf dem selben Niveau ist wie Freitag, ihm fehlt aber die Stabilität. Hat zudem die eine oder andere kleine Baustelle, die er über die Tournee hinweg abarbeiten muss." © Getty Images
PLATZ 2 - KAMIL STOCH (Polen): In dieser Saison landete der 30-Jährige dreimal auf dem Podest, zweimal davon bei der Tournee-Generalprobe in Engelberg. Das bedeutet: Stoch ist möglicherweise pünktlich in Top-Form © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Für mich der Springer, der Freitag am gefährlichsten werden kann. Er hat sich seit Saisonbeginn Stück für Stück verbessert. Er hat ein kleines technisches Manko in seinem Sprungablauf und teilweise Probleme mit der Anlaufgeschwindigkeit. Bekommt er das in den Griff, ist er mit Freitag auf Augenhöhe." © Getty Images
PLATZ1 - RICHARD FREITAG (Deutschland): Der 26-Jährige ist der beste Springer der Saison. Freitag gewann drei von sieben Einzelspringen und landete zwei weitere Male auf dem Podest. Damit liegt Freitag auch im Gesamtweltcup ganz vorne. Erstmals in seiner Karriere hält er sich konstant in der Weltspitze © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Er ist der Topfavorit. Das Gelbe Trikot gibt ihm Recht und zeigt, dass er in dieser Saison bisher der Beste ist. So stabil wie er sich präsentiert hat, hat er die besten Chancen auf den Tourneesieg. Richard ist die Nummer eins, die gejagt wird in diesem Jahr." © Getty Images

SPORT1: Richard Freitag ist in bestechender Form. Was kann ihn überhaupt stoppen?

Hannawald: Es kommt einzig und allein darauf an, wie er mit allem umgeht. Wenn er weiter so locker bleibt, dann läuft es. Wenn er aber zu viel will, dann ist immer ein Stück Gewalt dabei - und das funktioniert im Skispringen nicht. Aber ganz klar: Richard ist die Nummer eins, die gejagt wird in diesem Jahr.

SPORT1: Würden Sie sich denn freuen, wenn Sie als letzter deutscher Tourneesieger abgelöst würden?

Hannawald: Klar, ich würde mich unheimlich freuen, wenn es so weit ist. Werner Schuster und sein Team leisten unglaublich akribische Arbeit, das sollte jetzt auch mal belohnt werden. Natürlich gab es Olympiasiege und andere Erfolge, aber Tourneesieger ist ein ganz besonderer Titel - der ist sogar einem Martin Schmitt leider verwehrt geblieben. Daran sieht man schon, wie schwierig es ist, die Tournee zu gewinnen.

SPORT1: Was ist das Besondere an der Tournee? Was macht den Mythos aus?

Hannawald: Allein der Termin ist ein Alleinstellungsmerkmal, weil rund um den Jahreswechsel sonst kaum sportliche Großereignisse stattfinden. Außerdem ist es kein einzelner Tageswettbewerb, sondern eine Serie. Die vollen Stadien, das ganze Drumherum - das ist genau das, was du als kleiner Junge erleben willst, wenn du mit dem Skispringen anfängst. Wenn du diesen Traum leben kannst, bist du einfach nur unheimlich stolz und unglaublich motiviert.

Die Chancen auf den Gesamtsieg bei der 66. Vierschanzentournee stehen für die DSV-Adler so gut wie lange nicht mehr. Mit Richard Freitag und Andreas Wellinger haben die Deutschen gleich zwei Mitfavoriten in den Reihen. SPORT1 stellt das Tournee-Aufgebot vor © SPORT1-Grafik: Davina Knigge/ Picture Alliance/ iStock
RICHARD FREITAG: Erstmals seit Jahren ist mit Freitag ein Deutscher Topfavorit auf den Titel. Der 26-Jährige hat drei der sieben Saisonspringen gewonnen und belegte in den letzten fünf Springen entweder den ersten oder zweiten Rang. Freitag ist in der Form seines Lebens und fährt als erster Deutscher seit Martin Schmitt vor 17 Jahren als Führender des Gesamtweltcups zur Tournee © Getty Images
Mit seiner neunten Teilnahme an der Tournee ist der gebürtige Sachse einer der Erfahrensten im DSV-Aufgebot. Seine beste Platzierung holte der Sportsoldat 2015, als er Sechster wurde. In diesem Jahr spricht vor allem seine Konstanz für ihn: In den sieben Saisonspringen war er nie schlechter als Sechster © Getty Images
ANDREAS WELLINGER: Auch Wellinger ist ein Kandidat für den Gesamtsieg. Der 22-Jährige reist als Weltcup-Zweiter zum ersten Springen nach Oberstdorf. Hinter Freitag (550) hat Wellinger 399 Punkte auf seinem Weltcup-Konto. Für den 1,83 m großen Skispringer ist es bereits die fünfte Tournee-Teilnahme © Getty Images
Wellinger, von Beruf Zollbeamter, konnte in diesem Jahr zwei Springen gewinnen und schaffte es 2013 bereits einmal in die Top Ten der Tournee-Gesamtwertung. Bis 2010 startete er in der Nordischen Kombination, bevor er sich fürs Skispringen entschied © Getty Images
MARKUS EISENBICHLER: Auch Eisenbichler ist für einen Podestplatz gut. Der 26-Jährige nimmt bereits zum sechsten Mal an der Vierschanzentournee teil. Sein bestes Resultat in dieser Saison war ein vierter Platz beim Springen in Nischni Tagil. "An der Konstanz meiner Sprünge habe ich in den Trainingstagen vor Weihnachten gearbeitet. Jetzt fühle ich mich gut vorbereitet für das erste Highlight des Winters", sagt Eisenbichler © Getty Images
Bereits bei der vergangenen Tournee zeigte Eisenbichler, dass mit ihm zu rechnen ist. Der Bundespolizist belegte den siebten Platz. Zudem wurde er in diesem Jahr Weltmeister mit dem Mixed-Team und WM-Dritter auf der Normalschanze. Auf der Flugschanze von Planica stellte er mit 248 Metern sogar einen neuen deutschen Weitenrekord auf © Getty Images
KARL GEIGER: Geiger gehört mit bislang fünf Tournee-Teilnahmen zu den Erfahrerenen im DSV-Team. 2016/17 wurde er immerhin 18. Zuvor hatte der 24-Jährige eher schlechte Erfahrungen gemacht: 2012 und 2013 scheiterte er hauchdünn in der Qualifikation auf seiner Heimschanze in Oberstdorf © Getty Images
Erst 2015 konnte er seinen "Fluch" beenden und erreichte den zweiten Durchgang. In diesem Jahr scheint seine Form zu stimmen, in der Weltcup-Gesamtwertung liegt er auf dem 14. Platz. Sein bestes Resultat erzielte er in Nischni Tagil, als er auf den sechsten Rang sprang © Getty Images
STEPHAN LEYHE: Leyhe hat sich bei der Tournee stetig gesteigert. Während er im vorletzten Jahr nur 26. wurde, erreichte er im vergangenen Jahr einen starken achten Rang. Die Tendenz zeigt also nach oben. In dieser Saison lieferte er seine beste Leistung auf der Schanze in Kuusamo ab, als er Neunter wurde © Getty Images
Ein großer Einzelerfolg fehlt dem 25-Jährigen aber noch. Mit dem Team konnte er bei der Skiflug-WM 2016 immerhin die Silbermedaille holen. Das Besondere für ihn an der Tournee sind jedoch die Fans: "Mit ihrer Unterstützung springen zu dürfen, ist Gänsehaut pur und ein einzigartiges Erlebnis" © Getty Images
PIUS PASCHKE: Mit seinen 27 Jahren gehört Paschke zu den älteren DSV-Adlern im Tournee-Aufgebot. Trotzdem ist es für den Landespolizisten erst der dritte Auftritt bei der Vierschanzentournee. 2015/16 holte er mit Rang 39 seine beste Platzierung © Getty Images
In den vergangenen Jahren war für Paschke immer nach dem Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen Schluss. Das Ziel in diesem Jahr: Bis zum letzten Springen in Bischofshofen durchspringen. Sein 12. Platz beim Weltcup-Auftakt in Wisla lässt dabei durchaus hoffen © Getty Images
CONSTANTIN SCHMID: Am wenigsten Erfahrung in der Weltcup-Gruppe hat Constantin Schmid. Der 19-Jährige gab erst im vergangenen Jahr sein Debüt bei der Vierschanzentournee und belegte am Ende den 51. Platz. In Titisee-Neustadt gelang ihm in dieser Saison das erste Mal der Sprung in die Punkteränge im Weltcup - und das mit einem tollen achten Platz © Getty Images
Nachdem Schmid im letzten Jahr schonmal reinschnuppern konnte, will er bei der 66. Tournee nun punkten. Seine größte Chance sieht er selbst in Garmisch-Partenkirchen, denn diese Schanze liegt ihm. "Ein Traum wäre es, auch noch bei den letzten beiden Stationen dabei sein zu dürfen", sagt Schmid © Getty Images
FELIX HOFFMANN: Neben der Weltcup-Gruppe befinden sich bereits sechs weitere Springer in der nationalen Gruppe, die bei den ersten beiden Stationen an den Start gehen. Ein Platz ist noch offen. Einer von ihnen ist Hoffmann, der wie Schmid erst zum zweiten Mal bei der Tournee dabei ist und beim ersten Versuch 2015 ohne Punkte blieb © Getty Images
DAVID SIEGEL: Siegel hatte 2016 seine zwei größten Erfolge zu feiern: Er wurde Junioren-Weltmeister im Einzel und Team. Sein bestes Resultat in dieser Saison war der 23. Platz in Wisla. Auch für ihn ist es erst die zweite Tournee-Teilnahme © Getty Images
MORITZ BAER: Der 20-Jährige ist der einzige Tournee- und Weltcup-Debütant im Aufgebot des DSV. Beim Continental-Cup-Wettbewerb in Whistler wurde er in diesem Jahr 13. © Imago
ANDREAS WANK: Er ist der erfahrenste DSV-Adler und nimmt bereits zum elften Mal an der Tournee teil. Der Team-Olympiasieger von Sotschi 2014 gibt sein Saisondebüt im Weltcup, zuletzt war er im Continental Cup unterwegs, da er seine Topform sucht © Getty Images
MARTIN HAMANN: Hamann war bereits 2014/15 dabei, blieb aber wie Hoffmann ohne Punkte. In diesem Jahr durfte der 20-Jährige bereits seine zweiten Plätze bei der Junioren-WM im Team und Mixed feiern © Imago
TIM FUCHS: Der 20-Jährige holte bei der Junioren-WM 2017 Silber im Mannschaftswettbewerb. Rutschte als letzter Springer in den Kader, weil er beim Continental Cup in Engelberg an beiden Tagen unter die Top 30 kam © Imago

SPORT1: Wieso hat außer Ihnen noch niemand alle vier Springen gewonnen? Was ist die besondere Schwierigkeit daran?

Hannawald: Im Laufe der Tournee kommen Dinge zusammen, die man nicht trainieren kann. Sobald du Oberstdorf gewinnst und anschließend auch in Garmisch, fängt es an zu ticken. Am schlimmsten wird es nach Innsbruck, weil du dann erst wirklich merkst, was für ein Kaliber da auf dich zukommt. Das kann kein Außenstehender nachvollziehen.

SPORT1: Was ging damals vor dem letzten Sprung in Bischofshofen in Ihnen vor?

Hannawald: Ich war froh, dass es vorbei war. Mir war es vollkommen egal, ob ich Zweiter werde - Hauptsache, das ganze Theater war rum. Das hatte nichts mehr mit Skispringen zu tun. Es war einfach nur ein riesiger Rucksack, den man mit sich herumschleppt. Irgendwann geht es nur noch um die Frage: Schafft der Typ das? Deswegen rennt jeder dir hinterher. Das ist unheimlich viel Druck und lässt dich nicht mehr das tun, was du eigentlich möchtest.

SPORT1: Im Vergleich zu Ihren aktiven Zeiten: Ist es leichter oder schwieriger geworden, die Tournee zu gewinnen?

Hannawald: Damals waren die Schanzen viel unterschiedlicher, die haben sich seit meiner Zeit deutlich angeglichen. Durch die Windpunkte kann man inzwischen gewisse Wettereinflüsse herausrechnen lassen, durch die grüne Linie hat man als Springer einen Anhaltspunkt. Das sind alles Dinge, die es einfacher machen. Auf der anderen Seite ist aber die Konkurrenz natürlich unheimlich gewachsen. Damals wie heute konnte man sich kaum Fehler erlauben - und es ist insgesamt wahrscheinlich genauso schwer, die Tournee zu gewinnen.

SPORT1: Der Hype damals war riesig, Martin Schmitt und Sie wurden gefeiert wie Popstars. Lässt sich das wiederholen?

Hannawald: Die Stadien sind inzwischen wieder voll, das ist positiv und kommt an unsere Zeiten früher heran. Aber ich glaube nicht, dass die Jungs auf der Straße erkannt werden, so wie das damals bei uns der Fall war.

Wer krönt sich zum neuen König der Lüfte? Zum 66. Mal kämpfen die besten Skispringer der Welt vom 29. Dezember bis 6. Januar in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen um den Tourneesieg © Getty Images
Vor dem Auftakt der Vierschanzentournee wirft SPORT1 einen Blick zurück - und zeigt, wie der Mythos der legendären Veranstaltung entstand © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Getty Images/Imago
1953 wird die Vierschanzentournee zum ersten Mal ausgetragen - zum einzigen Mal innerhalb eines Jahres vom 1. bis 11. Januar. Danach dauert die Tournee immer vom 30. Dezember bis 6. Januar © Imago
Helmut Recknagel (l.) ist der erste deutsche Skispringer, der die Tournee gewinnt © Imago
Bei seinem ersten Sieg 1958 ist sein Autogramm heiß begehrt. Auch 1959 und 1961 gewinnt Recknagel den prestigeträchtigen Wettbewerb © Imago
In den 60ern springt man noch waghalsig mit den Armen nach vorne gestreckt, so wie Max Bolkart © Imago
Der in Oberstdorf geborene Bolkart gewinnt die Tournee im Winter 1959/60 © Imago
Die Anlage in Oberstdorf Mitte der 60er Jahre © Imago
Der Norweger Björn Wirkola (r.) gewinnt Ende der 60er die Tournee drei Mal hintereinander © Imago
Die 80er-Jahre werden geprägt vom Duell des Finnen Matti Nykänen (Bild) mit Jens Weißflog aus dem sächsischen Oberwiesenthal. Nykänen gewinnt 1983 und 1988 © Imago
Nykänen (l.) macht aber auch abseits der Schanzen Schlagzeilen - meist negative. Er verfällt dem Alkohol und wird wegen versuchten Totschlags zu einer Freiheitsstrafe verurteilt © Imago
Jens Weißflog gewinnt in den 80ern ebenfalls zwei Mal die Tournee-Wertung. In den 90ern versucht der "Floh vom Fichtelberg", seine dritte Vierschanzentournee erst noch im Parallelstil zu gewinnen © Imago
Doch der V-Stil wird immer populärer, so dass auch Weißflog nicht daran vorbeikommt. Er packt die Umstellung auf die neue Technik und gewinnt die Tournee noch zwei Mal (1991 und 1996) © Imago
Der inzwischen verstorbene Skisprung-Trainer Reinhard Hess (l.) bespricht sich 1995 mit Schützling Weißflog © Imago
Bei der Materialpflege packt der viermalige Tournee-Sieger selbst mit an © Imago
Ein Skispringer, den man nicht vergisst: Eddie the Eagle ist jahrelang Englands Skispringer Nummer eins © Imago
Für seine Flugkünste ist Eddie aber nicht gerade berühmt - die sind nämlich eher beschränkt © Imago
Georg Thoma gewinnt in den 60er-Jahren viele Springen, aber nie die Tournee... © Imago
Sein Neffe Dieter Thoma macht es da besser: 1989/90 holt er sich die Tournee-Wertung © Imago
In den 90ern sieht es auch in Oberstdorf schon wesentlich moderner aus © Imago
Die Pressegespräche werden beim Skispringen - wie hier mit Weißflog (r.) - gleich neben dem Backen gemacht © Imago
Einer, den man in der Geschichte der Vierschanzen-Tournee unbedingt erwähnen muss, ist Janne Ahonen: Zwischen 1998 und 2008 steht der Finne fünf Mal und damit öfter als jeder andere Springer auf Platz eins der Gesamtwertung © Getty Images
Ebenfalls einer der besten und beständigsten der Szene ist lange Zeit Adam Malysz. Zum großen Wurf bei der Vierschanzen-Tournee reicht es aber nur einmal (2000/01) © Getty Images
Bei der 50. Ausgabe in der Saison 2001/02 gelingt Sven Hannawald das Meisterstück... © Getty Images
Er gewinnt als erster Springer überhaupt alle vier Springen in einer Tournee. Da zieht sogar der damalige Bundestrainer Reinhard Heß den Hut © Getty Images
Hannawald schreibt damit Geschichte und wird vor allem von den weiblichen Fans wie ein Superstar gefeiert © Imago
Im Jahr 2006 gibt es erneut ein Novum: Das erste Mal überhaupt in der Geschichte der Tournee gibt es zwei Springer, die genau dieselbe Punktzahl in der Gesamtwertung haben. Jakub Janda (Tschechien) und Janne Ahonen (rechts, Finnland) teilen sich also den ersten Platz © Getty Images
Der lange Zeit letzte Deutsche, der es nach den vier Springen auf das Treppchen schafft, ist Michael Neumayer in der Saison 2007/08 © Getty Images
Im selben Jahr wird auch erstmals in der Geschichte der Vierschanzen-Tournee ein Springen komplett abgesagt. In Innsbruck kann wegen eines Föhnsturms nicht gesprungen werden, der Wettkampf wird am 5. Januar in Bischofshofen nachgeholt. Da die Tournee damit erstmals nur auf drei Schanzen, wenn auch mit vier Springen, ausgetragen wird, nennt man die Tournee scherzhaft schon die "Dreischanzentournee" © Getty Images
In den folgenden zwei Jahren gewinnen mit den Österreichern Wolfgang Loitzl (l.) und Andreas Kofler (Mitte) nicht die ausgemachten Favoriten © Getty Images
Bei der Tournee 2010/11 macht Thomas Morgenstern den Hattrick für Österreich perfekt. Mit seinem Auftaktsieg in Oberstdorf legt der spätere Gesamtsieger den Grundstein für den Erfolg. Auch in Innsbruck siegt Morgenstern © Getty Images
In der Liste aller Springer, die auf jeder der vier Schanzen mindestens einmal gewinnen können, steht mit Schlierenzauer nur noch ein derzeit aktiver Springer. Rang eins dieser Tabelle teilen sich der Norweger Björn Wirkola und Skisprung-Ikone Jens Weißflog, Ahonen ist Dritter © Getty Images
Im Winter 2012/13 können sich die deutschen Skispringer endlich wieder einmal berechtigte Hoffnungen auf den ersten Gesamtsieg seit Hannawalds Coup 2002 machen. Severin Freund geht als Weltcup-Zweiter ins Auftaktspringen in Oberstdorf... © Getty Images
Doch die Tournee entwickelt sich zum Duell der beiden Überflieger Gregor Schlierenzauer und Anders Jacobsen. Beide teilen die Siege unter sich auf. Der Norweger gewinnt die ersten beiden Stationen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen, der Österreicher in Innsbruck und Bischofshofen © Getty Images
Am Ende gewinnt Schlierenzauer die Tournee mit einem knappen Vorsprung vor dem Norweger. Es ist sein zweiter Gesamtsieg bei der Tournee © Getty Images
Zum Auftakt der Ausgabe 2013/14 gibt es gleich ein vielbeachtetes Comeback: Eddie the Eagle (bürgerlich Eddie Edwards) springt auf einer kleinen Schanze gegen Kinder. Die dicke Brille von früher ist inzwischen überflüssig: Der kurioseste Skispringer aller Zeiten ließ sich die Augen lasern © Getty Images
Simon Ammann, der bis dahin noch nicht überzeugt hat, verzückt die Skisprung-Welt und sichert sich den Sieg in Oberstdorf © Getty Images
Noch überraschender ist dieser Rookie. Thomas Diethart springt bei seinem dritten Weltcupeinsatz gleich aufs Podium. Er wird hinter Ammann und Anders Bardal Dritter © Imago
Beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen, dem traditionsreichsten Springen des Weltcupkalenders, setzt der Österreicher noch einen drauf: Diethart siegt und übernimmt die Spitze in der Gesamtwertung. Das Schwein in seiner Hand entwickelt sich zum Kultobjekt - sein Vater streichelt es vor jedem Sprung des Sohnemannes © Getty Images
"Adieu" sagt einer der ganz Großen im Skispringen: Martin Schmitt verabschiedet sich mit dem 27. Rang von der Skisprung-Bühne und beendet seine Karriere © Getty Images
Seine ambitionierten Teamkollegen um Severin Freund enttäuschen bei der Tournee. In Innsbruck verpasst Freund sogar den zweiten Durchgang und fällt weit zurück. Bester Deutscher wird am Ende Andreas Wellinger auf Rang zehn © Getty Images
Geschichte schreibt ein anderer: Diethart holt in Bischofshofen seinen zweiten Einzelsieg bei der Tournee und sichert sich damit auch den Gesamtsieg © Getty Images
Im nächsten Jahr strahlt zumindest in Innsbruck ein Deutscher: Richard Freitag siegt auf der Bergiselschanze. Doch in der Gesamtabrechnung schafft es wieder einmal kein Deutscher auf das Podest © Getty Images
Geschichte wiederholt sich nicht? Von wegen! Ein Jahr nach dem Triumph von Diethart verblüfft erneut ein österreichischer Senkrechtstarter die Experten. Stefan Kraft gewinnt zuerst das Auftaktspringen in Oberstdorf und holt sich dann auch den Tourneesieg © Getty Images
Doch irgendwann muss es auch einmal gut sein mit der Dominanz der Österreicher. In der Saison 2015/16 lässt Severin Freund endlich einmal alle Springer aus dem Nachbarland hinter sich - doch zu Platz eins reicht es dennoch nicht © Getty Images
Denn ein Springer ist noch besser als der Deutsche: Der Slowene Peter Prevc gewinnt gleich drei Springen und holt sich verdient den Gesamtsieg. Nur Wind-Pech in Oberstdorf verhindert wohl, dass er Hannawalds Kunststück von 2002 wiederholt © Getty Images
Im Januar 2017 nimmt der Pole Kamil Stoch die Trophäe für den Gesamtsieg in Empfang. Mit einem Sieg in Bischofshofen zieht er noch am Norweger Daniel Andre Tande vorbei, der am Ende hinter Stochs Landsmann Piotr Zyla Dritter in der Gesamtwertung wird © Getty Images

SPORT1: Sie sind zwischenzeitlich in ein Loch gefallen, haben dem Skispringen den Rücken gekehrt. Wie sind Sie da wieder herausgekommen?

Hannawald: Irgendwann hat mein Körper damals nicht mehr mitgemacht, aber mein Kopf war die Maschine, die den Takt vorgegeben hat. Inzwischen weiß ich, dass am Ende der Körper entscheidet, wie lange du das mitmachen kannst. Inzwischen habe ich die Ruhe gefunden, mich zuerst einmal um meine Familie zu kümmern, mich dann beruflich neu aufzustellen und jetzt bei Eurosport auch wieder die Chance zu haben, vor Ort an der Schanze zu sein. Aber eben ohne den Gedanken, alles besser machen zu müssen als alle anderen. Das ist kein Vergleich dazu, bei der Tournee oben auf dem Balken zu sitzen.

SPORT1: Gregor Schlierenzauer hat eine ähnliche Erfahrung gemacht, ist nach langer Pause jetzt aber zurück im Weltcup. Glauben Sie, dass er noch mal an alte Zeiten anknüpfen kann?

Hannawald: Ich freue mich sehr, dass Gregor wieder springt. Man sieht aber schon, dass sich die Zeit weitergedreht hat und die Jungen natürlich unheimlich Gas geben. Er war damals derjenige, der den Alten gezeigt hat, wo der Hase langläuft - jetzt ist es andersherum. Ich finde es gut, dass er gezeigt hat, dass auch er kein Roboter ist, sondern ein Mensch, der auch mal Auszeiten braucht. Er hat das Skispringen auf seine Weise geprägt - und ich drücke ihm die Daumen, dass er wieder vorne rankommt.

Auf der Paul-Außerleitner-Schanze in Bischofshofen findet alljährlich der Showdown der Vierschanzentournee statt. Schon oft wurde es in der Vergangenheit hier dramatisch. SPORT1 zeigt die knappsten Entscheidungen in der Geschichte des traditionsreichen Wettbewerbs © SPORT1-Grafik: Getty Images/ Imago/ iStock
1953 kommt es zur drittengsten Entscheidung aller Zeiten: Sepp Bradl fliegt im Parallel-Stil zum Tournee-Sieg. Nur 1,1 Punkte liegen zwischen dem Österreicher und seinem norwegischen Rivalen Halvor Naeas. Vor "BiHo" hatte dessen Landsmann Asgeir Dolplads - am Ende Dritter - noch vorne gelegen © dpa Picture Alliance
Ähnlich knapp ist es 1955: Bei einem finnischen Dreifach-Triumph fliegt Hemmo Silvennoinen zum Tournee-Sieg. Eino Kirjonen hält er um 2,8 Punkte auf Distanz. Vor dem letzten Springen waren es lediglich 2,0 Punkte Abstand. Zwei Jahre später landet Kirjonen 0,7 Zähler hinter Landsmann Pentii Uotinen auf Rang zwei © dpa Picture Alliance
Aus dem Jahr 1958 datiert eine der größten Sensationen der Historie. Der spätere Olympiasieger Helmut Recknagel aus Thüringen holt sich den nicht mehr für möglich gehaltenen Gesamtsieg, indem er in Bischofshofen 15,7 Punkte auf den zuvor führenden Nikolai Kamenski aus der Sowjetunion wettmacht © Imago
Allerdings entglitten deutschen Skispringern auch schon große Vorsprünge im Abschlussspringen. Dieter Neuendorf etwa lässt sich 1966 von einem Finnen trotz eines Zwölf-Punkte-Polsters den Tourneesieg noch entreißen © Imago
Olympiasieger Veikko Kankkonen schnappt sich in Bischofshofen den Gesamtsieg. Auf Rang zwei folgt mit 3,5 Punkten Rückstand Neuendorf aus der DDR © imago
Dramatisch wird es auch 1970: Horst Queck kann es nicht glauben. Der DDR-Skispringer holt sich den Titel mit 2,8 Punkten vor Björn Wirkola aus Norwegen. Dazu reicht ihm ein vierter Platz auf der Paul-Außenleitner-Schanze © imago
Rang vier in der Liste der engsten Entscheidungen belegt die Tournee 1971. Jiri Raska aus der Tschechoslowakei hat gut lachen: Mit 2,1 Punkten Vorsprung vor Ingolf Mork holt er sich ohne Einzelsieg den Titel. Vor Bischofshofen hatte der Norweger, der drei Springen gewann, noch um 0,2 Zähler die Nase vorne © dpa Picture Alliance
1981 rettet Hubert Neuper im österreichischen Duell im vierten Springen den Sieg. Landsmann Armin Kogler folgt mit 3,6 Punkten Abstand © Getty Images
Ebenso eng wie dramatisch ist es 1989: Jens Weißflog (M.) ist mit vier Tourneesiegen der erfolgreichste deutsche Skispringer aller Zeiten. Aber er hätte die begehrte Trophäe sogar noch häufiger holen können... © Imago
...Weißflog führt vor dem Springen in Bischofshofen 2,5 Punkte vor Risto Laakkonen - und zeigt dann Nerven. Der Finne profitiert vom 19. Platz des Athleten aus der DDR und behält am Ende um 2,5 Punkte die Oberhand © imago
Ein Jahr später das Deja-vu. Auch 1990 hatte Weißflog (r.) Vorsprung vor Bischofshofen. Doch Dieter Thoma nimmt ihm dort 22 Punkte ab und gewinnt das erste und einzige Mal die Tournee. Weißflog bleibt Rang drei © Imago
Bischofshofen entwickelt sich fortan zu einer ungeliebten Schanze für Weißflog. Auch 1994 kommt er als Führender hierher - mit einem Vorsprung von zwölf Punkten. Und wieder scheitert er am Ende © Getty Images
Diesmal aber helfen die Norweger mit unfairen Mitteln nach. Der vor Weißflog springende Lasse Ottesen bleibt so lange auf dem Balken sitzen, bis Rückenwind aufkommt. So ist es für Weißflog unmöglich, weit zu fliegen. Ottesens Landsmann Esper Bredesen trägt schließlich den Sieg davon - und Weißflog ist noch heute nicht gut auf Ottesen zu sprechen © Imago
Der Japaner Kazuyoshi Funaki verliert 1995 auf tragische Art und Weise die Tournee. Nach einem starken Sprung - den Sieg vor Augen - kommt er zu Fall. Funaki verliert viele Punkte, wird nur Achter... © Imago
...und der Österreicher Andreas Goldberger schnappt sich mit 23 Punkten Vorsprung den Tourneesieg © Imago
2006 toppt alles, es kommt zu einem Novum in der Tournee-Geschichte: Janne Ahonen (r.) aus Finnland und der Tscheche Jakub Janda sind nach vier Wettbewerben bis auf die Zehntelstelle punktgleich. Zum ersten und bisher einzigen Mal gibt es gleich zwei Gesamtsieger © Getty Images

SPORT1: Auch Sie sind als TV-Experte bei Eurosport wieder nah am Geschehen: Was geht heute in Ihnen vor, wenn Sie an die Schanze kommen?

Hannawald: Das ist jedes Mal ein unglaubliches Gänsehaut-Feeling, weil ich jetzt die Möglichkeit habe, Dinge von außen zu betrachten. Das ganze Drumherum mit den Zuschauern und der Stimmung: Da ist man als Springer zu sehr fokussiert auf seine Leistung, um das wahrzunehmen. Heute habe ich da mehr Gänsehaut, als wenn man mittendrin ist und sowieso schon durchdreht, weil es nichts Geileres gibt.