Vierschanzentournee: Darum kann Richard Freitag auf den Sieg hoffen

Das spricht für Freitags Tourneesieg

Richard Freitag hat noch gute Chancen auf den Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee

Nadine Münch

Zur Halbzeit bei der Vierschanzentournee hat Mitfavorit Richard Freitag bislang überall den Titelverteidiger vor sich. Trotzdem spricht einiges für den Gesamtsieg des Deutschen.

Auf den ersten Blick hat das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen die Rangfolge bei der Vierschanzentournee zementiert. Wie in Oberstdorf gewann Kamil Stoch vor Richard Freitag und der Pole baute seinen Vorsprung in der Gesamtwerung auf den deutschen Hoffnungstäger aus. (SERVICE: Die Gesamtwertung der Vierschanzentournee)

Schwinden damit die Chancen auf den ersten deutschen Tourneesieg seit 16 Jahren? Keineswegs, Freitag gibt noch nicht auf.

"Grundsätzlich ist noch alles offen, alles ist noch drin. Es wird eng bleiben, hoffe und denke ich", sagte der 26-Jährige.

11,8 Punkte beträgt Stochs Vorsprung in der Gesamtwertung, umgerechnet sind das 6,5 Meter. Bei insgesamt noch vier ausstehenden Sprüngen ist es kein Ding der Unmöglichkeit, diesen Rückstand noch aufzuholen.

Gleich mehrere Faktoren sprechen dafür, dass Freitag das Blatt noch wendet.

1. Schlierenzauer als mögliches Vorbild

Dass zwei Einzelsiege zum Auftakt nicht zum Tournee-Gesamtsieg reichen, hat Anders Jacobsen in der Saison 2012/13 demonstriert.

Vor Stoch in diesem Jahr war der Norweger der letzte Springer, der mit zwei Siegen in die Tournee startete und damit auch die Chance hatte, mit zwei weiteren Siegen den Grand-Slam-Rekord von Sven Hannawald einzustellen.

Allerdings ging es vor fünf Jahren für Jacobsen ab dem dritten Springen bergab. In Innsbruck wurde er nur Siebter - und am Ende ging auch der Gesamtsieg flöten. Den holte sich damals Gregor Schlierenzauer, der in den ersten beiden Springen jeweils auf dem zweiten Platz landete.

2. Gute Erinnerungen an Innsbruck

Seinen bislang einzigen Einzelsieg bei der Vierschanzentournee feierte Freitag nicht in Oberstdorf oder Garmisch - sondern an der dritten Station in Innsbruck. Am 4. Januar 2015 triumphierte er dort vor Stefan Kraft aus Österreich sowie den damals punktgleichen Dritten Noriaki Kasai (Japan) und Simon Ammann (Schweiz).

Es war zu diesem Zeitpunkt der erste deutsche Sieg in Innsbruck nach 13 Jahren und der erste Einzelsieg auf der Tournee seit zwölf Jahren. Ein gutes Omen für Freitag?

"Ich habe sicher schöne Erinnerungen an Innsbruck. Aber das heißt nicht, dass es das einfacher macht. Ich werde versuchen, einfach gut reinzukommen und die Umstellung anzunehmen. Innsbruck ist einer der Orte mit der besten Stimmung. Es wird definitiv laut sein", so der 26-Jährige.

Neben der Stimmung kommt Freitag auch der Schanzentyp in Innsbruck mit dem kurzen Schanzentisch entgegen. Wenn Stoch zu knacken ist, dann am Bergisel.

Die Vierschanzentournee ist das große Spektakel zum Jahreswechsel. Am Freitag startet der Wettbewerb mit der Quali in Oberstdorf. Welcher Springer wird sich dieses Jahr den Gesamtsieg sichern? © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Imago
Bei der Tournee 2002 schrieb Sven Hannawald Geschichte. Als bislang einziger Athlet gewann der Deutsche alle vier Springen. Dieses Jahr begleitet er die Tournee als "Eurosport"-Experte. Bei SPORT1 macht der 43-Jährige den Favoritencheck © Getty
AUSSENSEITERCHANCEN: Setzt sich möglicherweise ein absoluter Außenseiter durch? Der Pole David Kubacki könnte alle überraschen. Dieter Thoma, Tournee-Sieger von 1990, analysierte bei SPORT1: "Er ist ein Springer mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, der zu Besonderem in der Lage ist." © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Es gibt immer einen Überraschungsspringer, das hat man in den letzten Jahren vor allem an Thomas Diethart gesehen. Aber es wäre ja keine Überraschung, wenn ich da jetzt einen Namen nennen würde." © Getty Images
PLATZ 8 - JUNSHIRO KOBAYASHI (Japan): Beim Weltcup-Auftakt in Wisla sorgte Kobayashi mit seinem Sieg für eine Überraschung. Im Gesamtweltcup liegt der 26-Jährige derzeit auf Rang sieben. © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Sehe ich nicht ganz vorne, auch wenn es mich für die Japaner freuen würde. Er hat eine gute, stabile Technik - ich glaube aber nicht, dass er mit den absoluten Topspringern mithalten kann." © Getty Images
PLATZ 7 - MARKUS EISENBICHLER (Deutschland): Am Ende der vergangenen Saison rangierte Eisenbichler im Gesamtweltcup auf Rang acht. Aktuell belegt er 26-Jährige die selbe Platzierung. Eisenbichler etabliert sich also als Top-Ten-Springer © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Bei der Tournee kommen Schanzen, die ihm liegen - insbesondere Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen. Deswegen könnte es vielleicht auch mal Klick machen und er ist am Ende die Überraschung. Im Hinterkopf habe ich ihn auf jeden Fall auf der Rechnung." © Getty Images
PLATZ 6 - JOHANN ANDRE FORFANG (Norwegen): Aktuell liegt Forfang auf Platz sechs im Gesamtweltcup. Dreimal landete der 22-Jährige dieses Jahr unter den Top vier © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Er hat in einzelnen Sprüngen seine tolle Flugtechnik gezeigt - und wenn er den Absprung trifft, dann funktioniert’s bei ihm. Er ist aber ein bisschen zu wetterabhängig: Bei ruhigem Wind oder Aufwind ist er brandgefährlich, bei Rückenwind tut er sich schwer." © Getty Images
PLATZ 5 - STEFAN KRAFT (Österreich): 2014 und 2016 gewann Kraft jeweils das Auftaktspringen der Tournee, 2015 triumphierte er in der Gesamtwertung. Diese Saison konnte der 24-Jährige drei Weltcup-Podestplätze verzeichnen © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Er ist für mich ein Fragezeichen. Kann seine besten Sprünge nicht regelmäßig abrufen, obwohl er letzte Saison noch komplett dominiert hat. Aber die Erfahrung zeigt, dass die Österreicher pünktlich zur Tournee plötzlich eine ganz andere Hausnummer sind." © Getty Images
PLATZ 4 - DANIEL ANDRE TANDE (Norwegen): Bei der Tournee im letzten Jahr lag Tande lange auf Kurs Gesamtsieg. Die ersten zwei Springen konnte der 23-Jährige gewinnen. Doch im letzten Springen in Bischofshofen ging eine Bindung auf und Tande musste notlanden. Es blieb nur Gesamtplatz drei © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Hat einige überragende Sprünge gezeigt, aber nicht so viele wie zum Beispiel Wellinger. Wenn er über Weihnachten noch ein paar Kleinigkeiten gefunden hat, kann er gefährlich werden. Denn: Er ist ein Flieger und die Schanzen bei der Tournee liegen ihm." © Getty Images
PLATZ 3 - ANDREAS WELLINGER (Deutschland): Wellinger zeigte diese Saison bisher starke Leistungen. Die Bilanz des 22-Jährigen: Ein Einzelsieg, zwei Podestplätze. Der größte Erfolg seiner Karriere bisher war Gold mit der deutschen Mannschaft bei Olympia 2014 © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Er hat in einzelnen Sprüngen gezeigt, dass er auf dem selben Niveau ist wie Freitag, ihm fehlt aber die Stabilität. Hat zudem die eine oder andere kleine Baustelle, die er über die Tournee hinweg abarbeiten muss." © Getty Images
PLATZ 2 - KAMIL STOCH (Polen): In dieser Saison landete der 30-Jährige dreimal auf dem Podest, zweimal davon bei der Tournee-Generalprobe in Engelberg. Das bedeutet: Stoch ist möglicherweise pünktlich in Top-Form © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Für mich der Springer, der Freitag am gefährlichsten werden kann. Er hat sich seit Saisonbeginn Stück für Stück verbessert. Er hat ein kleines technisches Manko in seinem Sprungablauf und teilweise Probleme mit der Anlaufgeschwindigkeit. Bekommt er das in den Griff, ist er mit Freitag auf Augenhöhe." © Getty Images
PLATZ1 - RICHARD FREITAG (Deutschland): Der 26-Jährige ist der beste Springer der Saison. Freitag gewann drei von sieben Einzelspringen und landete zwei weitere Male auf dem Podest. Damit liegt Freitag auch im Gesamtweltcup ganz vorne. Erstmals in seiner Karriere hält er sich konstant in der Weltspitze © Getty Images
Das sagt Hannawald: "Er ist der Topfavorit. Das Gelbe Trikot gibt ihm Recht und zeigt, dass er in dieser Saison bisher der Beste ist. So stabil wie er sich präsentiert hat, hat er die besten Chancen auf den Tourneesieg. Richard ist die Nummer eins, die gejagt wird in diesem Jahr." © Getty Images

3. Gute Sprünge trotz schlechter Bedingungen

Was bislang am meisten beeindruckt, ist Freitags starke und konstante Leistung trotz der bisher stets schlechten Bedingungen.

In seiner Wahlheimat Oberstdorf gewann der Sachse mit höchst erstaunlichen 130,5 Metern die Qualifikation zum Auftaktspringen. Höchst erstaunlich deshalb, weil er mit verkürztem Anlauf, deutlichem Rückenwind und einer langen Unterbrechung vor seinem Sprung als Letzter in die Spur gegangen war.

Im Dauerregen von Oberstdorf landete er trotz der Windlotterie auf dem zweiten Platz. "Wir sind nicht unbedingt auf die Butterseite gefallen", hatte Bundestrainer Werner Schuster zu den immer wieder wechselnden Verhältnissen am Schattenberg gesagt.

Auch beim zweiten Springen in Garmisch-Partenkirchen führten die Windverhältnisse zu Unterbrechungen, aber erneut trotzte Freitag den Bedingungen und holte sich mit einem bärenstarken zweiten Sprung auf 137 Meter Rang zwei.

4. Österreich schwächelt

Von 2008/09 bis einschließlich 2014/15 gingen alle Tournee-Siege nach Österreich, bis 2015/16 stand mindestens ein Österreicher in den Top drei der Gesamtwertung. Vergangene Saison dann der erste leichte Einbruch: Die beiden besten Teilnehmer aus dem Nachbarland landeten auf den Plätzen fünf und sechs, Stefan Kraft gewann allerdings das Springen in Oberstdorf und wurde Dritter in Garmisch.

Doch in diesem Jahr ist erstmals ein Totaleinbruch im Team der Austria zu verzeichnen: Nach zwei von vier Springen ist noch kein Österreicher auf das Podest gesprungen, in der Gesamtwertung hat selbst der beste Österreicher Gregor Schlierenzauer - abgeschlagen auf Platz 15 - keine Chance mehr auf den Sieg oder eine Top-3-Platzierung.

Diese Lücke, die sich erstmals seit vielen Jahren bietet, kann Richard Freitag jetzt zu seinem Vorteil nutzen.

5. Heim-Druck weg

In Oberstdorf und Garmisch stand Freitag unter Druck, vor heimischem Publikum musste der Deutsche liefern - und tat das mit zwei zweiten Plätzen auch mit Bravour.

Jetzt geht es zu den Springen in Innsbruck und Bischofshofen ins Nachbarland Österreich, wo der Fokus nicht mehr so stark auf den DSV-Adlern liegt und damit auch weniger Druck auf den deutschen Athleten lastet.

Durch die Tatsache, dass aktuell kein österreichischer Springer mehr Chancen auf den Tourneesieg hat, kann es sogar sein, dass die Fans des Nachbarlandes im Duell mit Stoch für Freitag jubeln und ihn anfeuern werden.