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Ryoyu Kobayashi mag Videospiele, schnelle Autos und fesche Klamotten. Ganz nebenbei springt der Japaner seit Wochen in einer eigenen Liga. Selten war ein Tournee-Sieg so verdient.

Als der Grand Slam geschafft war, durfte Ryoyu Kobayashi endlich jubeln. Noch im Sommer hatte Noriaki Kasai, der große, weise Mann des japanischen Skispringens, seinem 24 Jahre jüngeren Teamkollegen zur Mäßigung geraten.

"Nori sagte mir, dass ich nicht jubeln soll, weil es ja um nichts geht. Aber jetzt ist es Winter. Jetzt darf ich jubeln", sagte Kobayashi, der in Bischofshofen den Goldenen Adler für den Triumph bei der 67. Vierschanzentournee in Empfang nehmen durfte.

Als zweiter Japaner nach Kazuyoshi Funaki vor 21 Jahren holte Kobayashi den Tournee-Titel, mit vier Tagesiegen obendrein - selten war ein Erfolg so verdient. Seit Wochen springt der 22-Jährige in seiner eigenen Liga.

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Irrer Flug von Kobayashi als Internet-Hit

"Seine Sprünge sind ein Gedicht, so sieht Skispringen der Zukunft aus", sagte ARD-Experte Dieter Thoma. Kaum zu glauben: Noch vor Saisonbeginn hatte Kobayashi keinen Weltcupsieg auf dem Konto, 2016/17 hatte er sogar kein einziges Mal den zweiten Durchgang erreicht.

Sein riesiges Potenzial deutete Kobayashi erstmals im Februar 2018 an, das Video dazu ist im Internet seit Tagen ein Hit. Der 20-Sekunden-Streifen zeigt den damaligen Nobody beim Hokkaido-Cup in Sapporo, der Schanzenrekord dort steht bei 143,5 m. Dann kommt Kobayashi, fliegt und fliegt, rudert mit den Armen, und irgendwo im Flachen, jenseits der 150-m-Marke und damit der Weitenmessung, legt er eine Bruchlandung hin.

"Natürlich kenne ich dieses Video. Ich schaue mir Ryoyu genau an, man kann von ihm viel lernen. Der Weg nach oben führt nur über ihn", sagte Stefan Kraft nach seinem zweiten Platz in Innsbruck. Auch der Doppel-Weltmeister aus Österreich fand auf seiner Heimschanze kein Mittel gegen den Asiaten.

Schuster schwärmt vom Japaner

Kobayashis Vorstellung am Bergisel grenzte an Perfektion. "Ich habe auf den Schanzen dieser Welt selten etwas Besseres gesehen als seinen ersten Sprung", sagte Bundestrainer Werner Schuster.

Einer, der lange als schlampiges Talent, als Faulpelz gar galt, der noch in der gesamten Saison 2016/17 bei 17 Einsätzen ohne Weltcup-Punkt blieb, ehe ihm der finnische Trainer Janne Väätainen Beine machte. "Als Ryoyu verstanden hat, mehr machen zu müssen als nur Porsche zu fahren, ist er gut geworden", sagte Väätäinen der Tiroler Tageszeitung über den jungen Lebemann.

Kobayashi selbst nimmt die Huldigungen nun geduldig entgegen. Interviews lässt der Modeliebhaber meist mit auf dem Rücken verschränkten Armen über sich ergehen, seine Antworten bestehen maximal auf einem kurzen Satz, dazwischen wird höflich gelächelt.

"Ich bin ein ganz normaler japanischer Junge. Ich mag Mode, schnelle Autos und ich interessiere mich für Musik", sagte er dem ZDF. Und zwischen den Wettkämpfen, na klar, mag er Videospiele.

Kobayashi greift Prevc-Rekord an

Aber warum nur springt Kobayashi plötzlich so viel besser? "Es war an mir selbst, mehr zu tun. Viel mehr. Das habe ich verstanden und in Angriff genommen." Er habe sich "Videos von allen guten Springern angeschaut. Ich habe von ihnen gelernt."

Auch Schuster hat genau hingeschaut. "Ryoyu nimmt den Ski so schnell auf, und das noch sehr flach. Da geht die Innenkante nicht nach unten. Dadurch wird er die ersten 60 Meter so irrsinnig schnell, dass auch ein kleiner Wackler nichts ausmacht", sagt der Bundestrainer.

In diesem Winter scheint nun alles möglich, sogar der Siegrekord von Peter Prevc (15 Erfolge im Winter 2015/16). "Warum sollte ich das nicht schaffen können?", sagte Kobayashi. 

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