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München - Im letzten Winter schwingt sich Markus Eisenbichler zum deutschen Skisprung-Helden auf. Davon ist vor dem Start der Vierschanzentournee nicht mehr viel übrig.

Der Sturz in der Qualifikation von Kuusamo Ende November hätte sinnbildlicher nicht sein können für die aktuelle Situation von Markus Eisenbichler.

Innerhalb von nur einem Jahr hat der 28-Jährige sämtliche Höhen und Tiefen seines Sports erlebt. Er ist hoch geflogen und nun wieder unsanft auf dem Boden der Realität aufgekommen. Vom Tourneezweiten und Dreifachweltmeister Anfang des Jahres in nicht einmal zwölf Monaten zum Sorgenkind des deutschen Skisprungs. (Alle Springen der Vierschanzentournee im LIVETICKER)

Der Sturz in Finnland reihte sich dabei nahtlos ein in den bislang so verkorksten Winter des gebürtigen Siegdorfers, in dem Platz 15 in Klingenthal sein bestes Ergebnis ist, er überhaupt nur dreimal in die Punkte sprang und – wie zuletzt in Engelberg – schon viermal die Qualifikation für den zweiten Durchgang verpasste.

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Mangelndes Selbstvertrauen als Ursache für die Krise

Dementsprechend ist es nicht Eisenbichler, der vor dem Start der Vierschanzentournee die deutschen Hoffnungen auf den ersten Gesamtsieg seit Sven Hannwalds Grand-Slam 2002 schürt, sondern sein Teamkollege Karl Geiger.

"Es hapert am Selbstbewusstsein. Man kann so viel trainieren, wie man mag. Wenn man das Selbstvertrauen nicht hat, sich mit 90 km/h nach vorne rauszuhauen, dann wird es schwierig – speziell bei mir", klagte er vor wenigen Tagen.

Im Gegensatz zu seinem Zimmerkollegen, der immer "alles gut durchdenken" muss, sei er "eher der Gefühlsspringer" führte er weiter aus.

Eisenbichler springt bei WM 2019 zu Dreifach-Gold

Dieses Gefühl war es, das ihn im Vorjahr zum Tourneeauftakt in Oberstdorf und beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen jeweils auf Platz zwei springen und kurzzeitig sogar vom Gesamtsieg träumen ließ, den er nach dem 13. Rang in Innsbruck und Platz fünf zum Abschluss in Bischofshofen am Ende aber dem überragenden vierfachen Tagessieger Ryoyu Kobayashi überlassen musste.

Wenige Wochen darauf gelang dem Bundespolizisten in Seefeld bei der Nordischen Ski-WM dann aber sein Meisterstück. Ohne jemals zuvor ein Einzelspringen im Weltcup gewonnen zu haben, wurde er Weltmeister von der Großschanze in Innsbruck.

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Am Folgetag gewann er gemeinsam mit Geiger, Richard Freitag und Stephan Leyhe auch den Weltmeistertitel im Mannschaftsspringen - für den die DSV-Adler jüngst als Mannschaft des Jahres ausgezeichnet wurden -, ehe er mit dem Sieg im Mixed-Team-Wettbewerb sein Gold-Triple perfekt machte.

"Die ganze WM war sensationell für mich. Wenn ich morgen nach Hause komme, hoffe ich, dass ich ein bisschen Ruhe habe", sagte der neue Skisprung-Held damals, bevor er mit seinem ersten Weltcupsieg im März auf der Flugschanze im slowenischen Planica seinen nahezu perfekten Winter abrundete.

Vorfreude auf Tournee weiter ungetrübt

Doch auch wenn er von Ergebnissen in solchen Sphären in dieser Saison noch meilenweit entfernt ist, fiebert "Eisei" dem Tourneestart bereits voller Vorfreude entgegen und macht sich dabei zumindest leise Hoffnungen. 

"Ich freue mich extrem auf die Tournee. Die vier Schanzen und die Dichte der Wettkämpfe kommen mir entgegen. Es wäre natürlich cool, wenn ein deutscher Springer die Tournee gewinnt und es wäre cool, wenn mir das gelänge", erklärte er.

Dabei lassen sich durchaus auch Parallelen zum letzten Jahr erkennen, als Eisenbichler vor dem ersten Springen ebenfalls kaum gepunktet hatte und sich in Oberstdorf plötzlich wie verwandelt zeigte.

Daher hofft auch Stefan Horngacher bei seinem Schützling wieder auf den oft genannten "Tournee-Effekt". "Eisi kann sehr schnell switchen. Manchmal braucht er nur einen oder zwei Sprünge. Auch im Sommer hatte er Phasen, wo er strauchelte und von einem Tag auf den anderen hatte er sein Gefühl wieder", erklärte der Bundestrainer hoffnungsvoll.

Schmitt zieht Vergleich zu Thomas Diethart 

Wie schnell es im Skispringen manchmal gehen kann – speziell bei der Vierschanzentournee – lässt sich auch am Beispiel von Thomas Diethart festmachen.

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Der damals 21-Jährige sprang in der Saison 2013/2014 wie aus dem Nichts zum Sieg bei der Tour, nachdem er zuvor in seiner bis dahin einzigen Weltcup-Saison lediglich drei Punkte gesammelt hatte und selbst im zweitklassigen Continental-Cup regelmäßig das Podest verpasste.

"Oftmals sind es ja einzelne Sprünge, in denen ein Springer ein 'Aha'-Erlebnis hat und wieder Selbstvertrauen tankt", zog Skisprung-Legende Martin Schmitt daher bei Eurosport einen Vergleich zwischen dem Österreicher und Eisenbichler und schob nach: "Das wünsche ich Markus."

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