Neuer Klub, alte Bekannte. Facundo Medina braucht nicht lange, um bei Bayer Leverkusen anzukommen. Hier eine Begrüßung, dort eine Umarmung, dazu ein kurzes Lächeln. Als sich der prominente Neuzugang den neuen Mitspielern vorstellte, wirkte der Argentinier nicht wie ein klassischer Fremder. Mit Loic Badé, den er schon aus gemeinsamen Jahren und Duellen in Frankreich kennt, plaudert Medina ausführlich.
Dieses Raubein macht nun den Bundesliga-Stürmern Beine
Ein Raubein für Leverkusen
Auch Landsmann Exequiel Fernández wurde herzlich begrüßt. Nur bei Patrik Schick, das fiel so manchem Beobachter in einem vom Klub veröffentlichten Video auf, dauerte der Empfang etwas kürzer an. Ein schneller Handschlag, dann ging es weiter. Ob der Torjäger schon ahnt, dass ihm gegen den kompromisslosen Verteidiger in den kommenden Trainingseinheiten einige unangenehme Duelle bevorstehen?
Die Antwort dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Schließlich gehört der 27-Jährige zu jener Sorte Abwehrspieler, die Stürmern den Spaß am Fußball gelegentlich austreiben. Gut möglich also, dass Schick schon bald am eigenen Leib erfahren wird, weshalb die Leverkusener Verantwortlichen eine Ablöse von 20 Millionen Euro an Olympique Marseille überwiesen haben. Denn eines hat Medina längst gelernt: zu kämpfen. Und das nicht erst als Fußballprofi.
Leverkusen-Neuzugang Medina war ein „Cartonero“
Weit vor den Stationen in Lens, Marseille oder Leverkusen begann Medinas Geschichte in Villa Fiorito, einem von Armut geprägten Viertel im Süden des Großraums Buenos Aires. Dort, wo einst auch Diego Maradona aufwuchs. „Ich bin nur acht Blocks von Diegos damaligem Haus geboren. Seine Präsenz ist dort allgegenwärtig. Fiorito ist ein Viertel, das den Fußball förmlich atmet“, wurde Medina im Rahmen der Fußball-WM 2026 zitiert.
Wer hier groß wird, erfährt früh, was es heißt, sich durchzubeißen. Medina arbeitete bereits als Kind. Als sogenannter „Cartonero“ sammelte er gemeinsam mit seiner Familie Kartons und verwertbaren Abfall, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Stundenlang. Tag für Tag.
„Man musste im Viertel irgendwie überleben. Ich musste mir einen Karren nehmen und arbeiten, wie alle anderen auch. Ich bin mit meinen Onkeln und der ganzen Familie Karton suchen gegangen. Das war von Montag bis Freitag Familienarbeit“, erinnerte sich Medina einmal bei ESPN an frühere Zeiten: „Wir gingen gegen vier oder fünf Uhr nachmittags los und kamen gegen neun oder zehn Uhr abends zurück.“
Morgens Schule, nachmittags Fußball, abends Arbeit. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr, als er sich dem Nachwuchs von River Plate anschloss und in die Nachwuchsakademie zog, war das Alltag für Medina.
Dennoch blickt Medina ohne Verbitterung auf diese Jahre zurück: „Es war eine schöne Zeit. Unsere Familie hielt immer zusammen, wir hatten trotz allem viel zu lachen.“ Sein Leben in Villa Fiorito habe ihn geprägt. Und sie legte den Grundstein für einen Aufstieg, der selbst im fußballverrückten Argentinien ziemlich außergewöhnlich erscheint. Denn auch sportlich verlief es für ihn keineswegs immer nach Plan.
Leverkusens Neuer wurde Vize-Weltmeister
Zunächst startete Medina in der Nachwuchsakademie von River Plate. Nur öffnete sich die Tür nach oben für ihn nicht, 2018 sortierte der Klub ihn aus. Das Ende eines Traums? Nicht für Medina. Nach einem Wechsel zu CA Talleres arbeitete er sich zurück und nutzte den Verein wie später der ehemalige Leverkusener Piero Hincapié als Sprungbrett. Sein Weg führte letztlich nach Frankreich zum RC Lens, wo er sich schnell einen Namen machte. Als vielseitiger Verteidiger, vor allem aber als einer, den man lieber in der eigenen Mannschaft hat. Es folgte Marseille. Und nun die Werkself.
Auf der großen Bühne sprach sich das herum. Argentiniens Nationaltrainer Lionel Scaloni berief ihn 2020 erstmals in die Auswahl. Bei der jüngsten Weltmeisterschaft folgte die bislang größte Bewährungsprobe. In fünf der acht Turnierspiele kam Medina zum Einsatz, im verlorenen Finale gegen Spanien stand er 50 Minuten auf dem Platz. Dabei verkörperte er exakt jene Eigenschaften, die die als „Rüpel-Truppe“ verschriene Albiceleste für die einen bewundernswert und für die anderen schwer erträglich machten: Aggressivität, Leidenschaft und die Bereitschaft, sich bis an die Grenzen des Erlaubten zu wehren.
Genau das dürfte die Bosse in Leverkusen um Simon Rolfes und Fernando Carro aber überzeugt haben. Nach dem personellen Umbruch des vergangenen Jahres suchte Bayer neben Qualität auch nach Widerstandsfähigkeit. Nach jemandem, der Zweikämpfe nicht scheut, der Gegner beschäftigt und der sich in schwierigen Phasen nicht wegduckt. Medina gilt als das. Als robust, emotional und kompromisslos. Also hoffen sie bei Bayer, dass er bald das wird, was Trainer oft am liebsten haben: ein Spieler, der nicht locker lässt.
Medina? Wird „sofort eine Stütze sein“
„Mit Facundo Medina haben wir einen sehr erfahrenen Profi verpflichtet, der unserer Mannschaft durch seine Klasse und seine starke Mentalität sofort eine Stütze sein wird. Er ist ein zweikampfstarker Spieler: durchsetzungsfähig und aggressiv“, betonte Rolfes nach Bekanntwerden des Deals. Medina selbst bezeichnete seinen Wechsel nach Deutschland als „großartig“. Während der Weltmeisterschaft habe er sich mehrfach mit Exequiel Palacios über Bayer ausgetauscht. „Pala ist schon so lange hier und hat tolle Erfolge gefeiert. Das möchte auch ich mit Bayer 04 erleben.“
Kurzum: Seine neue Heimat kann sich offenbar auf etwas gefasst machen. Als die Werkself den Transfer auf Instagram verkündete, kommentierte das Onlineportal transfermarkt.de kurz und knapp: „Bundesliga-Stürmer in Schockstarre.“ Auch viele Fans sahen das ähnlich. Eine Userin schrieb: „Drei Argentinier (Medina, Palacios und Fernández, Anm. d. Red.) im Kader – die Gegner werden nächste Saison nichts zu lachen haben.“ Vorausgesetzt, Medina schreibt seine Geschichte weiter und macht auf dem Rasen das, was er sein ganzes Leben lang am besten konnte: kämpfen.
Ernsthafte Zweifel daran scheint aber kaum jemand zu haben. Vor wenigen Wochen veröffentlichte Medina in den sozialen Medien mehrere Bilder aus seiner Kindheit und richtete sich an jene Kinder, die wie einst er von einer Karriere als Profifußballer träumen. „Hört bitte niemals auf zu träumen“, schrieb er dazu. Der Aufstieg aus einem Armenviertel am Rand von Buenos Aires nach Europa hat viele beeindruckt. Jetzt möchte Medina auch in Leverkusen begeistern. Und zwar auf seine Art.