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Chris Fleming Dirk Nowitzki
Chris Fleming ist seit Dezember 2014 Bundestrainer © getty

Ulm - Bundestrainer Fleming spricht im SPORT1-Interview über eine mögliche EM-Teilnahme Nowitzkis und den neuen Stil des DBB-Teams.

Die große Ruhe vor dem großen Sturm.

In der Ulmer Arena wird alles für den ALLSTAR-Day hergerichtet, die deutschen Profis des Teams National haben gerade ihr morgendliches Training abgeschlossen.

Basketballer und Eventpersonal arbeiten konzentriert daran, dass es ein gelungener Abend wird. Aber einer in der Halle hat ein deutlich weiter entferntes Ziel: die Basketball-EM 2015.

Stilecht im Deutschland-Shirt

Der neue Bundestrainer Chris Fleming ist ebenfalls zugegen und nutzt die Gelegenheit, um mit seinen Nationalspielern wichtige Einzelgespräche zu führen.

Im Anschluss nimmt sich der ehemalige Bamberger Meistertrainer für SPORT1 Zeit.

Tiefenentspannt und mit stilechtem Deutschland-Shirt erklärt Fleming im Interview, wie es um die Chancen einer Teilnahme Dirk Nowitzkis bei der EM steht, sein Terminplan in den kommenden Wochen aussieht und was die Fans des DBB-Teams im Jahr 2015 erwarten können.

SPORT1: Sie sind seit dem 1. Dezember der neue Bundestrainer. Sind sie zufrieden mit Ihrer Leistung, haben Sie Deutschland soweit ordentlich vertreten?

Chris Fleming (lacht): Ich bin sehr zufrieden mit der Reaktion der Spieler, zur Nationalmannschaft zu kommen. Die Unterstützung der Vereine und aus dem kompletten Basketball-Umfeld in Deutschland ist sehr gut.

SPORT1: Spaß beiseite, wie stressig waren die ersten Wochen?

Fleming: Ich war unheimlich viel unterwegs. Kurz vor Weihnachten war ich in Atlanta und habe etwas Zeit mit Dennis Schröder verbracht. Ich habe die U-20-Tryouts in Heidelberg besucht, war nach Weihnachten bei Tibor Pleiß in Barcelona und jetzt vor dem ALLSTAR-Wochenende in München. Bald steht ein Trip nach Berlin an.

SPORT1: Ihre Familie sieht Sie gerade nicht so viel, oder?

Fleming: Im Dezember war es tatsächlich etwas weniger. Aber ich hatte zum ersten Mal in meiner Karriere über die Feiertage komplett frei, das war sehr schön.

SPORT1: Hat Ihre Frau die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als Sie den Posten als Bundestrainer angenommen haben, oder war Sie froh, dass endlich Schluss ist mit dem Herumlungern auf der Couch?

Fleming (lacht): Das kann gut sein, aber wenn, hat sie es gut verkauft. Im Ernst, sie unterstützt mich bei jeder Entscheidung komplett - und anders würde es auch in diesem Beruf nicht funktionieren.

SPORT1: Sie haben von Ihrer Reise nach Atlanta erzählt. Hat es für einen Trip nach Dallas zu Dirk Nowitzki zeitlich auch schon gereicht?

Fleming: Dirk werde ich Ende Januar drei Tage in Amerika besuchen…

SPORT1: Sehr schön, und wie sieht es mit College-Spieler Maodo Lo an der Columbia University in New York aus?

Fleming: Das wird der Anschlusstrip Anfang Februar. Dann bin ich in New York und werde auch bei Patrick Heckmann, der am Boston College spielt, vorbeischauen.

SPORT1: Wo ordnen Sie Lo für 2015 ein?

Fleming: Er kann beide Guard-Positionen sehr gut spielen, und ich habe gerade aus der vergangenen Saison viel Gutes über ihn gehört. Er gehört 2015 für mich definitiv in den Kreis der A-Nationalmannschaft.

SPORT1: Seit Dezember Bundestrainer, im Sommer noch Teil des NBA-Zirkus. Was nehmen Sie aus der Zeit als Assistenz-Trainer bei den San Antonio Spurs in der Summer League in Las Vegas mit?

Fleming: Ich wollte im Sommer unbedingt das Spurs-System kennenlernen. Die vier Tage vor Las Vegas in San Antonio waren sehr wichtig. Da habe ich einen tollen Einblick in die Arbeit der Spurs bekommen. Die Spiele danach sind nett, aber mein Einfluss ist da dann eher gering.

SPORT1: Wie ist es, mit Spurs-Head-Coach Gregg Popovich zu arbeiten?

Fleming: Er war in Las Vegas wegen einer Hüft-Operation leider nicht dabei, aber ich war in der Vorbereitung noch einmal in Texas. Es war das erste Mal, dass ich ihn getroffen habe und ich muss sagen, er steht nicht umsonst da, wo er jetzt steht. Er ist eine große Persönlichkeit und gibt einem immer das Gefühl, dass er froh ist, dass du da bist. Er hat nach dem Training einfach jede Frage beantwortet und auch selbst welche gestellt. Er ist schon sehr beeindruckend.

SPORT1: Ihre Vorgänger Svetislav Pesic und Emir Mutapcic waren gerade im Hinblick auf die Teilnahme deutscher Nationalspieler keine allzu großen Fans der Summer League. Wie halten Sie es mit diesem Event?

Fleming: Ich bin der Meinung, dass die Jungs im Sommer bei der Nationalmannschaft eine bessere Möglichkeit haben sich weiterzuentwickeln, als wenn sie in der Summer League herum hocken. Die großen BBL-Teams werden über 70 Spiele in dieser Saison absolvieren, unser DBB-Programm ist 2015 auch sehr straff. Ich erwarte, dass meine Spieler rechtzeitig und pünktlich erscheinen. Die Nationalmannschaft muss einfach vorgehen. Außerdem ist eine EM die bestmögliche Bühne, um sich zum Beispiel NBA-Scouts zu präsentieren.

SPORT1: Es ist vielleicht ein Stück weit auch Ihre Aufgabe, diesen Gedanken den Spielern nochmal explizit zu vermitteln?

Fleming: Wir reden mit den Spielern und ihren Agenten. Wir haben bewusst Frankreich als letzten Vorbereitungsgegner ausgewählt. Dazu Spanien, Italien und die Türkei. Das sind mehr NBA-Spieler, als in der Summer League - und die kämpfen nicht um einen der letzten Plätze im Kader. Da steht dann ein Marc Gasol auf dem Parkett.

SPORT1: 2015 ist ein sehr wichtiges Jahr für den deutschen Basketball. Nach Ihrer Ernennung zum Bundestrainer gab es viele Vorschusslorbeeren für Sie. Wie groß ist der Druck für Sie?

Fleming: Klar ist, wir wollen nach Rio (Olympische Spiele 2016, Anm. d. Red.). Gleichzeitig müssen wir eine Atmosphäre und eine Wertigkeit im Nationalteam schaffen, in der unsere jungen Spieler in den nächsten acht Jahren zusammenspielen können.

SPORT1: Die Wertigkeit war in den letzten Jahren aber nicht zwingend gegeben…

Fleming: Richtig, dafür gab es sicher einige Gründe – die wir jetzt aber wirklich nicht mehr ausgraben müssen. Für uns zählt nur die Europameisterschaft und wenn ich mir unsere Vorrundengegner anschaue, dann haben wir viel Arbeit vor uns. Sonst bleiben wir in Berlin.

SPORT1: Auf was können sich die deutschen Fans denn in Berlin freuen? Wie wird Fleming-Basketball im Nationalteam aussehen?

Fleming: Wir haben eine extrem große Truppe und ein paar schnelle Guards. Wir müssen uns definitiv groß machen. Small Ball hin und wieder, aber nur situativ. Zu aller erst sind wir aber lang, und diese Stärke müssen wir ausspielen.

SPORT1: Einer der Langen könnte Nowitzki sein. Wie hoch sind die Chancen, dass er spielt?

Fleming: Der Kerl liebt Basketball, das ist auf jeden Fall klar. Und wenn er spielt, dann spielt er richtig. Dallas hat seine Bereitschaft gegeben, er hat trotz seiner bald 37 Jahre auch Lust. Ich habe große Hoffnung, dass er dabei ist.

SPORT1: Immer mehr deutsche Profis wechseln ins Ausland. Wäre das auch für Sie irgendwann noch eine Option?

Fleming: Ich bin doch im Ausland.

SPORT1: Das zählt nicht, Pesic hat Sie als "deutschen Trainer" bezeichnet.

Fleming: Ich fühle mich in Deutschland sehr wohl, das Ausland steht definitiv nicht auf der Agenda. Aber wenn wir mit der Nationalmannschaft bei der EM weiter kommen, dann kann ich in Lille trainieren - das reicht mir an Ausland.

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