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London und München - Gary Anderson schafft es mit seiner Titelverteidigung in den Legendenstatus. Dennoch blickt er skeptisch in die Zukunft. Seine Bescheidenheit hat auch private Gründe.

Plötzlich war alles wie 2015, wie ein Jahr zuvor.

Gary Anderson war Weltmeister geworden, weil er den Matchdart in der Doppel-12 versenkte und er macht sich fertig für das Interview mit SPORT1. In seiner Hand: Eine Tasse Kaffee. Auch die Antwort auf die Frage nach der Siegesfeier war fast dieselbe: "Ich trinke jetzt meinen Kaffee aus und gehe dann schnell ins Bett." Er fügte an: "Dann fahre ich heim, packe meine Koffer und fahre drei Wochen weg. Keine Ahnung, wohin."

Man merkte gar nicht, dass das da der alte und neue Champion war. Dass der da sich soeben zum besten Darts-Spieler Schottlands aller Zeiten geworfen hatte. Und, dass dieser Typ da ab sofort in einem Atemzug mit anderen Back-To-Back-Weltmeistern und Darts-Größen wie Eric Bristow, Phil Taylor und Adrian Lewis zu nennen ist.

Ruhig, bescheiden, unaufgeregt. So gab sich der "Flying Scotsman".

Zweimal das Königsfinish

Dabei hatte Anderson soeben seinen Titel als weltbester Dartsspieler verteidigt. Er spielte vor stets 3.000 verrückten und lauten Fans über das komplette Turnier hinweg einen Schnitt von über 100 Punkten, war mit über 40 Prozent auf die Doppel extrem stabil und gab gerade einmal sieben Sätze ab - fünf davon im Endspiel.

Als einziger im Turnier checkte er zweimal das Königsfinish von 170 Punkten.

Und trotzdem wiegelt der Schotte beinahe alles Lob ab.

Erst spät zum Darts

Das liegt zum einen an seiner Herkunft. Anderson stammt aus den dünn besiedelten Scottish Borders, aus der 3.500 Einwohner großen Ortschaft Eyemouth.

Dort sind die Leute bodenständig, ruhig, zurückhaltend. Anderson fand spät den Weg zum Darts. Er arbeitete als Baumeister und spielte in seiner Freizeit hauptsächlich Snooker.

Erst als 25-Jähriger nahm er die ersten Pfeile in die Hand - und warf angeblich gleich eine 180.

Private Schicksalsschläge

Zum anderen hat aber Anderson längst gelernt, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Darts.

Im Jahr nach seinem ersten WM-Finale 2011 trafen ihn kurz hintereinander mehrere Schicksalsschläge. Erst starb sein Bruder im Alter von 35 Jahren an einer Herzattacke, ein halbes Jahr später musste Anderson auch um seinen Vater trauern.

Seine Ehe ging in die Brüche, seine sportliche Karriere erhielt einen Knick.

Erst seine neue Freundin Rachel, mit der er seit April 2014 den gemeinsamen Sohn Tai hat, brachte ihn wieder in die Spur und hat letztlich großen Anteil an den beiden WM-Titeln 2015 und 2016.

Riesiges Talent

Mittlerweile hat Anderson auch erkannt, dass er doch etwas mehr Zeit ins Training investieren muss.

Trotz seines riesigen Talents. Er ist mit dem im Achtelfinale gescheiterten Weltranglistenersten Michael "Mighty Mike" van Gerwen der aktuell beste Darts-Spieler des Planeten.

Sein Wurfstil, sein Powerscoring und seine Coolnes auf der Bühne gehen in die Geschichte ein.

Doch die neue Darts-Generation lauert schon.

Die starken Youngster

"Die Young Guns machen einem das Leben ganz schön schwer", gab Anderson zu und nannte zum einen natürlich den 19 Jahre jüngeren Michael van Gerwen, aber auch seine Kontrahenten "Daryl Gurney (29, 2. Runde, Anm. d. Red.), Lewis (30), der alles Talent der Welt hat und Jelle Klaasen (31, Halbfinale)."

"Ich", schob 45-Jährige nach: "Ich dagegen merke mein Alter."

Augenprobleme, Zahnschmerzen, auch der Rücken macht Anderson zu schaffen. Bei den Fotografen entschuldigte er sich, dass er die WM-Trophäe nicht allzu oft hoch stemmen könne.

Und dann waren da seine mehrfachen Rechenfehler, die nicht unbedingt auf eine hundertprozentig mentale Fitness hinweisen.

Sein Blick in die Zukunft ist deshalb skeptisch.

"Ich bin jetzt erstmal zwölf Monate Weltmeister. Natürlich wäre ein Hattrick wunderbar", teilte der Mann aus Eyemouth mit. Das haben vor ihm nur Taylor und Bristow geschafft. "Aber ich werde nicht jünger."

Der "Feind" in den eigenen Reihen

Sein Sohn Tai führt ihm dies vor Augen. Er liebt auch Darts, aber: "Er ist Michael van Gerwen-Fan." SPORT1 verrät er mit einem Schmunzeln: "Das macht mich fertig."

Tai liebe genau diese starken Youngster: "Van Gerwen, Michael Smith oder Rowby-John Rodriguez (Österreicher, Anm. d. Red.). Ich dagegen bin nur ein Darts-Spieler."

Nur ein Darts-Spieler. Da ist sie wieder, die Ruhe und Bescheidenheit.

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