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Alex Müller ist ein Szene-Urgestein und Geschäftsführer von SK Gaming

Alex Müller ist Geschäftsführer von SK Gaming, einer der ältesten eSports-Organisationen Deutschlands. Im Gespräch mit SPORT1 erklärt er seine Sicht auf den Schalke-Deal.

Im vergangenen Jahr war er mit seinem Team noch selbst in der europäischen LCS aktiv. Momentan spielt SK Gaming in der Challenger Series, der zweiten Liga, um die Rückkehr in die Königsklasse.

SPORT1: Bekommt man als Geschäftsmann im eSports aktuell mit, dass die Akzeptanz für die Branche steigt?

Alex Müller: Ja, auf unterschiedlichen Ebenen. Auf der einen Seite unterhalten wir uns im täglichen Business heute mit Partnern offen und positiv über Zusammenarbeiten wie Sponsorships und dergleichen, die zu einer ganz anderen Klientel gehören als vor Jahren. Damals war das reduziert auf Marken, die sich klar in dieser Nische sahen und das auch als Nische wahrnehmen wollten. Heute merken wir, dass der eSports den Mainstream erreicht und für große Brands relevant ist. Zum Beispiel haben wir inzwischen mit Agenturen zu tun, die sich in ihren Anfängen massiv mit der Champions League beschäftigt haben. Diese Leute sehen, dass es sich nun lohnt, den eSports professionell anzugehen. Dabei kann man der jungen Branche natürlich auch noch eine Menge beibringen, die sie jetzt noch nicht kann.

SPORT1: Der FC Schalke 04 passt mit seinem eSports-Unterfangen zu dieser Beschreibung. Rund ein Jahr, nachdem der VfL Wolfsburg FIFA-Spieler unter Vertrag nahm, ziehen die Königsblauen mit einem League of Legends-Team nach. Was denken Sie über diesen Schritt?

Alex Müller: Die beiden Fälle sind da überhaupt nicht vergleichbar. Wolfsburg hat zwar einen ersten Schritt gemacht und das sollte man auch nicht negativ darstellen, aber Wolfsburg hat sich lediglich im eSports-Titel FIFA und dort auch ein wenig passiv aufgestellt. Die haben sich keine Spieler auf ihr Gelände geholt und den eSports-Bereich nicht wirklich in das Klubleben integriert. Wolfsburg ist einfach nur mit möglichst geringem Aufwand kurz in diesen neuen Markt eingestiegen. Trotzdem war das etwas Positives, denn sie gelten damit als Vorreiter. Schalke macht das jedoch ganz anders. Man wählte den Bereich League of Legends, der für den normalen Schalke-Fan schwieriger zu begreifen ist. Ein FIFA ist für Fußballer recht schnell verstanden, doch die Komplexität von League of Legends ist eine Hürde. Schalke zeigt damit Mut und ich habe großen Respekt davor. Außerdem freue ich mich darüber, dass ein deutscher Verein der erste ist, der einen so großen Schritt wagt. Die Königsblauen sind die ersten weltweit, die sich tatsächlich vornehmen, eSports in ihre Vereinsstrukturen zu integrieren.

SPORT1: Was ist Ihre Einschätzung, wie viel Geld Schalke für das eSports-Unterfangen in die Hand nahm?

Alex Müller: Das kann natürlich nur Schalke präzise beantworten. Ich gehe davon aus, dass der LCS-Slot in Europa, also nur die Teilnahmeberechtigung für die Liga, zwischen 400.000 und 800.000 Euro kostet. Hinzu kommen natürlich zahlreiche Kostenstellen, in die wir gar keine Einblicke haben.

SPORT1: Sie haben mit ihrem Team selbst haushalten müssen und einen Einblick in die Infrastrukturen von LCS-Teams bekommen. Was erwarten Sie in dieser Hinsicht von Schalke?

Alex Müller: Wir haben über die Jahre gelernt, dass ein Team auf jeden Fall mit Trainer und Manager zusammen leben sollte. Es muss eine Einheit entstehen und darum gibt es in Berlin auch mehrere Team-Häuser, die von LCS-Teams besiedelt wurden. Wir finden es noch besser, wenn das Ganze auch in unmittelbarer Nähe zum Management stattfindet, darum hat SK Gaming Trainingsräume hier bei uns in Köln. Ich kann mir vorstellen, dass Schalke das so ähnlich machen wird und die Spieler langfristig nach Gelsenkirchen holt. Das wäre ein tolles Erlebnis für die Spieler und könnte einem natürlich von keinem anderen LCS-Team geboten werden- ich rede von der ärztlichen Betreuung und der Expertise in Themen wie Ernährung. Es ist ja der Wahnsinn, was ein so professioneller Verein seinen Spielern bietet. Außerdem wird es irgendwann auf Kader mit mehr als nur fünf Spielern hinauslaufen, denn man möchte im Team auch eine Drucksituation aufbauen. Das sah man bei uns im letzten Jahr. Wenn du keine guten Ersatzspieler hast und einer deiner fünf Akteure ein Formtief erreicht, dann zieht er das ganze Lineup mit sich hinab. Sowas wird in Zukunft mit größeren Kadern kompensiert werden, das ist der natürliche Lauf der Dinge.

SPORT1: Macht man sich als Vertreter der eingesessenen eSports-Organisationen Sorgen, dass man bald von den großen Akteuren wie Schalke 04 verdrängt wird?

Alex Müller: Natürlich ist es so, dass große Vereine mit ihren verfügbaren Ressourcen einen großen Druck auf Traditionsclans wie SK Gaming oder mousesports ausüben. Gleichzeitig muss man sich jedoch auch die Frage stellen, ob diese großen Fische denn auch langfristig ohne das Humankapital, welches bei uns sitzt, auskommen können. Ich halte das für ein Geben und Nehmen. Wenn Vereine wie Dortmund, Real Madrid oder Manchester dieses Themenfeld für sich entdecken, dann gehe ich davon aus, dass dabei auch Manager engagiert werden, die ihre Erfahrungen in den heutigen eSports-Teams sammelten. Von daher mache ich mir wenige Sorgen. Dass ein Schalke 04 mit seinem Kapital in den eSports reinpreschen kann und wir kaum konkurrenzfähig sind, ist natürlich klar. Jedoch muss man auch sehen, dass im Moment immer mehr Kapital in Richtung Teams drängt. 

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