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Baku - "Mein Erfolg ist sein Leid", sagt ein überglücklicher Ringer Marcel Ewald nach dem Überraschungscoup in Baku über seinen Zwillingsbruder und Trainingspartner.

Das Überraschungs-Silber in der Ringerhochburg Baku hätte Marcel Ewald wahrscheinlich am liebsten in zwei Teilen überreicht bekommen.

Nach seinem Coup bei den Europaspielen (tägl. LIVE auf SPORT1)  dachte der Ringer als Erstes an seinen Zwillingsbruder und Trainingsparter Christoph und widmete ihm den Erfolg. "Ihm gilt mein spezieller Dank, ohne ihn wäre ich nicht hier", sagte Marcel: "Auf ihn kann ich mich Tag und Nacht verlassen." 

Seit 31 Jahren ist das so. Den Wettkampf vor fast 5000 Zuschauern im Ringer-Tempel Heydar Aliyev Arena verfolgte der Bruder daheim am Fernseher. Nicht einmal anrufen müsse er ihn nun, das laufe per Gedankenübertragung, sagte Ewald und witzelte: "Wir beiden haben schon im Bauch gerungen, wer schneller auf die Welt kommt. Ich war damals eine Minute schneller."

Beide sind sie in der Freistil-Klasse bis 57 kg unterwegs, doch irgendwie hatte der minimal Ältere immer die Nase vorn.

"Mein Erfolg ist sein Leid. Er steht immer in meinem Schatten", sagte der sechsmalige Deutsche Meister und Vizeeuropameister von 2007.

Reihenweise Verletzungen

Dabei hat er selbst eine Leidensgeschichte hinter sich. Zweimal Olympia knapp verpasst, reihenweise Verletzungen, die auf hässliche Namen wie Schambeinastentzündung, Kreuzbandriss oder doppelter Leistenbruch hören.

SPORT1 vor Ort in Baku
SPORT1 vor Ort in Baku © SPORT1/Getty Images

Und nun der Erfolg von Baku. "Es ist wie ein Märchen", jubelte Ewald: "Die Belohnung für die harten Jahre, für all die Entbehrungen."

2006 hatte er in der gleichen Halle mit Platz fünf bei der Militär-WM seinen ersten größeren internationalen Erfolg, 2010 holte er hier Bronze bei der EM: "Irgendwie liegt mir Baku."

Dank Prügelei ins Finale

Es war ein kurioser Tag für den Karlsruher vom SV Germania Weingarten, der eigentlich schon raus war aus dem Kampf um Gold.

Aber weil sich der Weißrusse Uladzislau Andreyeu, gegen den Ewald im Viertelfinale verloren hatte, im Halbfinale mit seinem georgischen Gegner Vladimer Khinchegashvili aber eine handfeste Prügelei lieferte, wurden die beiden disqualifiziert.

"Ich habe mich hinten warm gehalten, da ja noch die Chance auf die Hoffnungsrunde bestand", schilderte Ewald die Ereignisse: "Dann habe ich rüber gelinst und gesehen, wie die sich zwei Fäuste zustecken. Reibereien gibt es ja öfter, aber es ist ganz selten, dass jemand disqualifiziert wird."

Lebedew eine Nummer zu groß

Wie es weitergeht, war zunächst für alle Beteiligten unklar. Schließlich rückten Ewald und der zuvor Khinchegashvili unterlegene Albaner Islam Islamaj ins Halbfinale auf, das Ewald klar für sich entschied. Im Finale war dann aber Lebedew, Weltmeister von 2010, eine Nummer zu groß.

"Es war mein Ziel defensiv zu ringen und ihn vielleicht mit einer Defensivaktion ins Wanken zu bringen. Das ist mir anfangs ganz gut gelungen, aber in der zweiten Hälfte ist es mir aus den Händen geglitten", sagte Ewald: "Er war stärker, das muss ich neidlos anerkennen."

Traum von Olympia 2016

Ein Traum bleibt nun noch: Olympia 2016 in Rio de Janeiro. Die erste Qualifikationschance dafür gibt es bei der WM im September in Las Vegas, im Glücksspielerparadies.

Auf diesen Faktor will Ewald aber nicht setzen: "Lotto spiele ich jedenfalls erst mal nicht. Mein Glück ist verbraucht."

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