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Rainer Milkoreit im SPORT1-Interview über die Attacken auf RB Leipzig
Rainer Milkoreit ist seit 2010 Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes und DFB-Vizepräsident © Getty Images - Montage: SPORT1

DFB-Vizepräsident Rainer Milkoreit zeigt sich im SPORT1-Interview entsetzt über die neuen Attacken auf RB Leipzig. Er appelliert an die Vernunft der Fans - und die Solidarität der Konkurrenten.

Ein Farbbeutel-Wurf, eine Blockade des Busses, Pöbler am Teamhotel, gegnerische Fans mit Atemmasken - als würde der Kontrahent Gift verströmen.

RB Leipzig hat einiges erdulden müssen beim Auswärtsspiel gegen den Karlsruher SC, einmal mehr.

Schon vergangene Woche hatten die Anfeindungen gegen das Fußballprojekt des Getränkeherstellers Red Bull einen traurigen Höhepunkt erreicht, als sich der Klub genötigt sah, ein Junioren-Fußballcamp in Halle abzusagen. Es hatte Drohungen gegen die Veranstaltung gegeben.

Rainer Milkoreit, DFB-Vizepräsident und zugleich Vorsitzender des Nordostdeutschen Fußballverbands NOFV hat schon dieser Vorfall fassungslos gemacht. Nach den Geschehnissen vom Montag meldet er sich im SPORT1-Interview erneut zu Wort. Er verteidigt den Klub, appelliert an die Vernunft der Kritiker - und auch an die Solidarität der Konkurrenten.

SPORT1: Herr Milkoreit, vergangene Woche Drohungen gegen ein Junioren-Fußballcamp, jetzt rund um das Auswärtsspiel in Karlsruhe neue Vorfälle rund um RB Leipzig. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Rainer Milkoreit: Da kann man sich nur in der gleichen Art und Weise zu äußern wie vergangene Woche. Diese ganze Entwicklung und diese Ausartung der Fanszene ist ein Unding. Das kann doch niemand gutheißen. Irgendwann muss man diese Aversionen, die man gegen RB entwickelt hat, doch auch mal ad acta legen.

SPORT1: Können Sie nachvollziehen, dass sich Anhänger anderer Vereine durch den Emporkömmling aus Leipzig bedroht fühlen?

Milkoreit: Die Angst, dass der eigene Verein durch RB eventuell in die Zweite oder Dritte Liga verdrängt wird, das kann man ja verstehen. Aber das darf doch nicht dazu führen, dass man Menschen bedroht und sich in einer Art und Weise äußert, die völlig überzogen ist.

Zuschauer beim Spiel Karlsruher SC gegen RB Leipzig
Fans des KSC beim Spiel gegen RB Leipzig am Montag © getty

SPORT1: Welche Konsequenzen erwarten Sie nach den Vorfällen in Karlsruhe?

Milkoreit: Man wird jetzt erst einmal versuchen, diejenigen ausfindig zu machen, die die Schreiben nach Leipzig geschickt haben, die den Bus an der Abfahrt gehindert haben und die bei der Aktion am Mannschaftshotel vor Ort waren.

SPORT1: Was können DFB oder DFL tun?

Milkoreit: Weder DFB noch DFL sind in der Lage, da irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen, die solche Vorkommnisse verhindern könnten. Die Fanszene ist ja so, dass die sich immer wieder neue Dinge einfallen lassen, wie sie einem Verein das Leben schwer machen können.

SPORT1: Würden Sie sich eine Reaktion konkurrierender Vereine wünschen?

Milkoreit: Ich würde mir zumindest moralische Unterstützung für RB Leipzig erhoffen. Das ist ein seriös geführter Verein, der in Leipzig tolle Arbeit leistet. Da wird ein Leistungszentrum aufgebaut, das Zuschauerinteresse steigt immer weiter und das zeigt doch, wie begierig man in der Region Sachsen und Leipzig im Besonderen nach Bundesligafußball ist. Das sollte man unterstützen und deswegen verstehe ich nicht, warum es da so negative Tendenzen gibt. Vor Jahren war das Dietmar Hopp mit 1899 Hoffenheim und jetzt ist es RB Leipzig.

RB Leipzig: Sportchef Ralf Rangnick (l.) war von 2006 bis 2011 Trainer bei 1899 Hoffenheim
RB Leipzig: Sportchef Ralf Rangnick (l.) war von 2006 bis 2011 Trainer bei 1899 Hoffenheim © Getty Images

SPORT1: Die Anfeindungen gegen Hoffenheim sind zuletzt zurückgegangen. Erwarten Sie eine ähnliche Entwicklung im Fall Leipzig?

Milkoreit: Das wäre ein vorübergehendes Phänomen, wenn es ein nächstes Beispiel geben würde. In Hoffenheim wird man froh sein, dass sich diese Konstellation nach Leipzig verlagert hat. Man muss abwarten, wie lange das jetzt noch anhält. RB kann die beste Antwort mit guten sportlichen Leistungen geben. Man muss aber natürlich auch an die Vernunft der Fans appellieren, damit da eine gewisse Ruhe einkehrt.

SPORT1: Neben Ihrem Amt als Vizepräsident des DFB sind Sie auch Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV), zu dessen Gebiet Leipzig gehört. Wie wird RB aus Ihrer Sicht in der Region wahrgenommen?

Milkoreit: Ausschließlich positiv. Man hat es RB Leipzig zu Beginn ja relativ leicht gemacht. Die damals vorherrschenden beiden Vereine in Leipzig, Lok und Chemie, haben sich gegenseitig das Leben sehr schwer gemacht. So haben sie einem dritten Verein ermöglicht, von beiden Seiten das Potenzial an Fans abzuschöpfen, die einfach nur guten Fußball sehen wollten. Das ist sehr schnell gelungen und wir als NOFV sind sehr froh, dass wir wieder einen Verein mit Bundesliga-Perspektive im Geschäft haben.

SPORT1: RB wird immer wieder ein sehr aggressives Vorgehen beim Abwerben von Spielern nachgesagt, um dieses Ziel Bundesliga-Aufstieg zu verwirklichen...

Milkoreit: Es ist doch eine ganz normale Verfahrensweise, dass ein Verein, der nach oben will, sich im engeren, aber auch weiteren Umfeld nach Talenten umschaut, um sich zu verstärken. Spieler, die ins Konzept passen, die bereit sind, sich leistungsmäßig zu entwickeln. Das ist doch legitim. Natürlich sollte RB in diesem Prozess im Zusammenhang mit den abgebenden Vereinen aber seriös arbeiten.

SPORT1: Wie stehen die kleineren Vereine in der Region zu dieser Vorgehensweise?

Milkoreit: Mittlerweile hat RB mit verschiedenen Vereinen partnerschaftliche Beziehungen aufgenommen. Manche lehnen so ein Angebot natürlich auch ab. Aber es gibt Beispiele, die enge Kontakte zu RB pflegen und von dem ganzen System RB Leipzig in der Region profitieren. Das sollte man nicht vergessen. Von daher kann man nur hoffen, dass diese Angriffe relativ schnell im Sande verlaufen und dann Ruhe einkehrt.

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