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München - Darmstadt schreibt die grandioseste Fußballgeschichte des Jahrtausends. Dagegen sind Fürth und Paderborn Großmächte. Die Reise geht im Grunde zu schnell für den Klub.

SV Darmstadt 98: Ein Verein wie ein Studentenwohnheim. Wo der Schimmel wuchert, die Wände bröckeln, die Bärte sprießen und der Alkohol so manches schmiert.

Die Noten aber sind der Elite würdig. In diesem Fall die Ergebnisse. Aufstieg in die Bundesliga - allein die Fakten bieten bei den Hessen genug Kitsch, um Hollywood eine Saison lang zu verkleben.

Kein Geld, kein taugliches Stadion

Doch außer vielleicht ein paar Frankfurtern, Offenbachern und Mannheimern lässt sich die Republik gerne einnehmen von dieser Geschichte. Vor zwei Jahren eigentlich aus der Dritten Liga abgestiegen, jetzt oben angekommen ohne Geld, taugliches Stadion oder begehrte Spieler.

Rund fünf Millionen Euro gab der Verein in der Zweiten Liga aus. Für alles, von Spielern bis zum Klempner. Paderborn hatte beim Aufstieg vor einem Jahr über eine Million mehr zur Verfügung. Die Verkleinerung eines Mini-Etats.

Als Konsequenz müssen die Verantwortlichen improvisieren und im Zweifel Luxus weglassen. Oder auch die Annehmlichkeiten der sogenannten ersten Welt. "Schimmel in den Kabinen, kalte Duschen und eine ganz, ganz eklige Darmstädter Mannschaft!", antwortete Dominik Stroh-Engel bei SPORT1 auf die Frage, worauf sich die Bundesliga am Böllenfalltor einstellen kann.

Rohrbruch im Jubel

Gerade einmal zwölf Menschen arbeiten auf der Geschäftsstelle, den Rest erledigen hunderte ehrenamtliche Helfer. Wenn - wie inmitten des Aufstiegsjubels nach dem 1:0 gegen St. Pauli - ein Rohr bricht und den Innenraum des Stadions flutet, packt jeder mit an.

Dank dieses gnadenlosen Sparkurses kommt Darmstadt bislang ohne finanzielle Auflagen aus. Bloß kein Risiko, bloß kein Abenteuer. 2013 fing mit der Lehre der Beinahe-Insolvenz 2008 alles an.

Die Saison damals endete in der Dritten Liga auf Platz 18. Den Abstieg in die Regionalliga verhinderten einzig die zu hohen Schulden des Konkurrenten Kickers Offenbach. Lizenz dort weg, Hoffnung hier wieder da.

Sailers Botschaft an die Klubs

"Uns wollte keiner mehr, als wir vor zwei Jahren hierher gekommen sind nach Darmstadt", sagte Marco Sailer SPORT1. "Die sind alle selber schuld, dass sie uns nicht wollten. Wir haben allen bewiesen, dass wir es drauf haben. Und jetzt spielen wir halt ein Jahr Bundesliga."

Nach dem knapp verhinderten Absturz in die komplette Bedeutungslosigkeit kamen neben Sailer mehrere Spieler, die heute die Mannschaft tragen: Dominik Stroh-Engel, Marcel Heller oder auch der heutige Kapitän Aytac Sulu. Darmstadt bekam sie alle nur, weil es selbst in der Dritten Liga ansonsten keinen Markt für sie gab.

Mannschaftsgeist und Zusammenhalt brachten den Erfolg, Vokabeln aus der Fritz-Walter-Fibel. "An diesen Sprüchen ist aber unheimlich viel dran", sagte Trainer Dirk Schuster im Gespräch mit SPORT1 in aller Seelenruhe, während um ihn herum gerade die Aufstiegsfeier explodierte.

Der ehemalige Verteidiger kürt als Motivation den "Mitarbeiter des Monats" und auch dessen Gegenteil: Wer im Training zu lasch zur Sache geht, muss ein rosa Trikot mit der Vorderaufschrift "Tussi" tragen. Auf dem Rücken prangt die Nummer "0", darüber "Fehleinkauf".

Zweimal schon erledigt

Es folgte eine unwahrscheinliche Spielzeit mit dem Ende auf Rang drei und der Relegation gegen Bielefeld, in der Darmstadt sowohl nach dem Hinspiel als auch in der Verlängerung bereits erledigt war und jeweils zurückkam.

Nach 21 Jahren kehrte der Klub in die Zweite Liga zurück, jetzt nach 33 Jahren auch ins Oberhaus. Eins ist seitdem gleich geblieben: Niemand traut Darmstadt etwas zu. In den beiden bisherigen Bundesliga-Jahren der Vereinsgeschichte stieg man sofort wieder ab.

Sparen bis es wehtut

Schon damals war Sparen entscheidend, teilweise bis über die Schmerzgrenze hinaus. Nach dem ersten Aufstieg 1978 blieben die Spieler Halbprofis, trainierten nur vier Mal in der Woche nach der Arbeit. Einziges Abenteuer war die Verpflichtung Bum-Kun Chas im Winter: "Über Bankok mittels einer Liechtensteiner Werbeagentur eingeflogen, war er in Darmstadt gelandet. Einzelheiten der Transaktion blieben bis heute im Dunkeln", befand der ZDF-"Sportspiegel" streng.

Heute verdienen alle Spieler ihr Geld mit Fußball. Der Etat dürfte aber nur in engen Grenzen steigen.

Ein Knackpunkt bei der finanziellen Situation bleibt das marode Stadion am Böllenfalltor. Schon dem Namen dampfen die 70er-Jahre aus jedem Laut, auch wenn sich mittlerweile beinahe unbemerkt das Pharmaunternehmen Merck davorgemogelt hat.

An der Wackeligkeit der Konstruktion an mancher Stelle ändert das nichts. Früher passten hier über 30.000 Zuschauer hinein, heute dürfen nur noch 16.500.

Ein riesiger Nachteil für Darmstadt, denn selbst Vereine wie Paderborn, der FSV Frankfurt, Union Berlin oder St. Pauli haben hier dank modernisierter oder neuer Arenen ganz andere Möglichkeiten. Logen, Plätze für VIPs und Medien, Präsentation der Sponsoren - überall krankt es.

Erste Maßnahmen sind eingeleitet, vor einem Jahr investierte der Verein 1,5 Millionen Euro, um im eigenen Stadion überhaupt Zweitliga-Spiele austragen zu dürfen. Für weitere 29,2 Millionen soll es am Böllenfalltor endlich auch ein wenig schicker werden. Das dauert aber noch bis 2017. Darüber hinaus finanziert das Land Hessen dem Verein einen neuen Naturrasenplatz auf dem Trainingsgelände.

Notdürftige Arbeiten

Der Durchmarsch in die Bundesliga war natürlich nicht geplant. Der Verein hat laut Präsident Rüdiger Fritsch "kleine Auflagen" bekommen, darf mit einigen notdürftigen Arbeiten vor der neuen Spielzeit aber auch seine Bundesliga-Auftritte hier bestreiten.

Darmstadt steht nun vor der gleichen Herausforderung wie in den letzten Jahren Greuther Fürth, Eintracht Braunschweig oder der SC Paderborn: Einerseits lassen sich neutrale Fans von der Exotik dieser Erstligisten verzücken, andererseits besteht Prügelknaben-Gefahr. Die romantischste Geschichte im deutschen Profifußball hat die Lilien immerhin bis hierhin getragen.

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