Belgrad und München - Der Spielabbruch wird zum Politikum. Serbien und Albanien geben sich gegenseitig die Schuld, die Presse fährt Kriegsrhetorik.

Tumulte und Krawalle auf dem Spielfeld, Politiker mit gegenseitigen Schuldzuweisungen - und der Bruder des albanischen Ministerpräsidenten im Zwielicht:

Die "Fliegende Flagge" von Belgrad hat aus dem brisanten EM-Qualifikationsspiel zwischen Serbien und Albanien in Belgrad ein Politikum gemacht.

Von seiner VIP-Loge aus soll Olsi Rama, Bruder des albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama, eine Drohne mit der Flagge Groß-Albaniens über das Spielfeld gesteuert haben.

Präsidenten-Bruder im Zwielicht

"Ich habe mit der Drohne nichts zu tun. Ich weiß nicht, wo diese Geschichte herkommt. Ich bin auch weder festgenommen noch verhört worden", beteuerte indes Olsi Rama seine Unschuld.

Die Aktion löste auf jeden Fall politische Verwicklungen aus. "Das war eine reine und vorsätzliche politische Provokation, nichts anderes", schimpfte Serbiens Außenminister Ivica Dacic.

"Luftangriff auf Serbien"

"Luftangriff auf Serbien" titelte "Sportski zurnal", von einem "teuflischen Plan" schrieb die Tageszeitung "Kurir".

"Was hier vorgefallen ist", sagte Serbiens Sportminister Vanja Udovicic, "war ein brutaler Missbrauch des Sports vonseiten albanischer Extremisten."

FIFA-Präsident Joseph S. Blatter verurteilte die Ereignisse ebenfalls scharf: "Der Fußball sollte niemals missbraucht werden, um politische Mitteilungen zu verbreiten", teilte er via "Twitter" mit.

Das Thema "Gefahr durch Drohnen" steht auch bei der DFL auf der Agenda. Der Verband werde sich "voraussichtlich im Rahmen der nächsten Sitzung der Kommission Prävention und Sicherheit" annehmen, teilte ein Sprecher der Zeitung "Die Welt" mit. Die Thematik sei seit dem Serbien-Spiel "neu und für den Fußball relevant".

Serbiens Regierung reagiert

Die Bilder aus Belgrad haben für Alarm gesorgt: Wegen der fliegenden Flagge flogen Leuchtraketen und Rauchbomben durch das Stadion. (Alle Spiele im LIVE-TICKER zum Nachlesen)

Rowdys stürmten zudem den Innenraum, albanische Spieler wurden attackiert, lieferten sich auch handgreifliche Auseinandersetzungen mit serbischen Akteuren.

"Das ist unfassbar. Die serbische Regierung ist verantwortlich für die Sicherheit der Fußballer und der albanischen Delegation", warf auf albanischer Seite Innenminister Saimir Tahiri in einem Statement der serbischen Regierung vor.

Randale auch in Wien

Weil die Sicherheit aber eben nicht mehr garantiert war und die Albaner nicht mehr antreten wollten, brach der englische Referee Martin Atkinson die als Hochsicherheitsspiel eingestufte Begegnung beim Stand von 0:0 in der 41. Minute ab.

Eine Verlängerung gab es dennoch.

In Österreichs Hauptstadt Wien beispielsweise demolierten Albaner zahlreiche serbische Cafes, die Polizei verhinderte Schlimmeres.

Olsi Rama verhaftet

Der mutmaßliche Drahtzieher Olsi Rama wurde wie drei weitere Mitglieder der albanischen Delegation noch im Stadion in Gewahrsam genommen.

Erst als er auf der Polizeiwache nach langen Verhandlungen seinen US-amerikanischen Pass vorlegte, wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt.

"Ich bin gespannt, wie die UEFA und vor allem die EU darüber entscheiden wird", sagte Serbiens Außenminister Dacic.

Serbiens Außenminister poltert

Entscheidend sei bei dieser Aktion nämlich vor allem, "dass der Bruder des albanischen Ministerpräsidenten das Objekt gesteuert hat."

Mit Sport, der an diesem Abend eigentlich hatte im Mittelpunkt stehen sollen, hatte der folgenschwerer Akt in der Tat rein gar nichts zu tun.

Politisch streben albanische Nationalisten mit der "Causa Groß-Albanien" einen Staat an, der neben dem heutigen Albanien auch das Gebiet des Kosovo sowie Teile Serbiens, Mazedoniens und Montenegros umfasst.

Zusammenhang mit Staatsbesuch?

Die Aktion könnte daher im Zusammenhang mit dem brisanten Staatsbesuch von Ramas Bruder Edi am kommenden Mittwoch in Serbien gewertet werden.

Die Serben glauben an eine reine Provokation.

"Hätte man eine Flagge Groß-Serbiens beispielsweise in Tirana (albanische Hauptstadt, Anm. d. Red.) gezeigt", sagte ein serbischer Diplomat der Zeitung "Blic", "würde der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) den Fall schon längst behandeln."

Serbien fordert 3:0 am Grünen Tisch

Es ist fest davon auszugehen, dass der Spielabbruch zeitnah auf der Agenda der Disziplinarkommission der Europäischen Fußball-Union (UEFA) stehen wird.

Wiederholungsspiel? Entscheidung am Grünen Tisch? Ausschluss aus der EM-Qualifikation? Alles scheint derzeit möglich.

Der Verband äußerte sich am Mittwoch zunächst allerdings nicht, die Serben forderten einen 3:0-Sieg am Grünen Tisch.

Albanien verteidigt Abbruch

Dies taten unmittelbar nach dem Spielabbruch die Beteiligten beider Mannschaften.

Und auch die geizten nicht mit Vorwürfen an die Kontrahenten. "Wir hätten weiter gespielt, aber die Albaner sahen sich dazu nicht in der Lage", sagte Serbiens Kapitän Branislav Ivanovic.

Albaniens Nationaltrainer Gianni De Biasi verteidigte diese Vorgehensweise.

Als eine "Situation höchster Gefahr" beschrieb er die Minuten auf dem Spielfeld, "meine Spieler wurden von serbischen Ordnern angegangen. Es war ein schrecklicher Moment."

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