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Gerald Ehrmann (r., mit Wiese) stand von 1984 bis 1998 im Tor des 1. FC Kaiserslautern
Gerald Ehrmann (r., mit Tim Wiese) stand von 1984 bis 1998 im Tor des 1. FC Kaiserslautern

München - Kaiserslauterns Torwarttrainer Gerald Ehrmann spricht bei SPORT1 über die Wrestling-Pläne seines Ex-Schützlings Tim Wiese.

Gerald "Gerry" Ehrmann machte Tim Wiese einst zum Bundesliga-Keeper.

Der 55-Jährige war sein Torwarttrainer in dessen Zeit beim 1. FC Kaiserslautern (2002-2005).

Ehrmann hat die Karriere seines Ex-Schützlings danach weiter aus der Ferne beobachtet. Die Beiden haben sich nie aus den Augen verloren.

Und natürlich hat Ehrmann Wieses Überlegungen im Hinblick auf eine Wrestling-Karriere mitbekommen.

Im Juni sprach "Tarzan", wie Ehrmann wegen seiner Vorliebe für Bodybuilding einst genannt wurde, erstmals mit SPORT1 über "Mucki-Mann" Wiese.

Jetzt steht Lauterns Kult-Keeper erneut exklusiv Rede und Antwort.

SPORT1: Herr Ehrmann, was haben Sie gedacht, als Sie Tim Wiese im Ring gesehen haben?

Gerald Ehrmann: Ich musste schon etwas schmunzeln und zwei Mal hinschauen, als er bei der WWE-Show in den Ring gestiegen ist und sich feiern ließ, aber wenn das jetzt sein Ding ist, dann ist das doch okay. Er soll das machen, wonach ihm ist und woran er Freude hat. Das ist das Einzige, was jetzt zählt. Die ganze Entwicklung beim Tim ist für mich schon überraschend. Gerade diese Bilder, die er selber von sich machte. Ich kenne ihn als lieben, netten Kerl. Er ist mit 18 als junger Bub zu mir gekommen. Der Tim hat als Torwart eine tolle Karriere gehabt, hat gutes Geld verdient und dann darf er doch machen, was er will.

SPORT1: Warum tickt er so?

Ehrmann: Ich kann nicht in ihn rein horchen, aber ich glaube, dass der Tim schon dieses Rampenlicht, in dem er jahrelang stand, weiter braucht. Aber nochmal: Wenn er sich mit dem, was er jetzt macht, gut fühlt, dann ist das absolut glaubwürdig und in Ordnung.

SPORT1: Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt zu ihm?

Ehrmann: Er hat mich vor dem Kampf in Frankfurt angerufen und wir haben natürlich auch über seine aktuelle Situation und dieses Wrestling-Ding geredet.

SPORT1: Hat er Sie um Rat gefragt?

Ehrmann: Tim hat mir von seinen Plänen erzählt und gesagt, wie er zu dem Ganzen steht. Er scheint da wirklich Feuer und Flamme zu sein. Ich spürte da eine totale Begeisterung bei ihm. Aber ich würde ihm da nie reinreden. Ich bin ja nicht sein Erzieher.

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SPORT1: Würden Sie sich einen Kampf von ihm anschauen?

Ehrmann: Warum nicht? Ich würde da schon hinfahren, aber nur, um den Tim zu sehen und nicht den ganzen Zirkus drum herum.

SPORT1: Kann ein früherer Torwart mit Krafttraining solche Moves zeigen, wie das im Wrestling notwendig ist?

Ehrmann: Auf keinen Fall. Das sind doch alles Ochsen da im Ring, da muss Tim noch einiges zulegen (schmunzelt). Um so eine Muskulatur zu bekommen wie der Tim sie hat, das dauert schon länger. Obwohl das schon einiges ist, was er drauf gepackt hat.

SPORT1: Hat es Sie überrascht, wie schnell er so eine Wandlung genommen hat?

Ehrmann: Schon, das ging ja schon sehr schnell nach seinem Aus in Hoffenheim. Aber der Tim war immer ein lieber Kerl. Er ist zwar auf der einen Seite sehr extrovertiert, aber dann doch auch sehr in sich gekehrt. Bei mir damals war er zwar optisch auch auffallend, aber ein fast schüchterner, lieber Junge. Tim ist eigentlich harmlos. Von daher fällt es schwer ihn mir als Profi-Wrestler vorzustellen.

SPORT1: Hulk Hogan hat jetzt gesagt, dass Wiese für eine professionelle Karriere auch seine Familie hinter sich lassen müsse. Wie sehen Sie das?

Ehrmann: Das ist schon krass. Natürlich bist Du als Wrestler in der ganzen Welt unterwegs und die ganzen Jungs haben sicher kein geregeltes Familienleben mehr, aber soll der Tim jetzt alles aufgeben? Das soll er sich gut überlegen. Mein Ding wäre diese Wrestling-Welt nicht, ich habe früher zwar auch einen guten Körper gehabt, aber bei mir stand immer die Athletik im Vordergrund.

SPORT1: Wenn es nach den SPORT1-Usern geht, soll Wiese demnächst als "The Holy Goalie" in den Ring einlaufen. 23,4 Prozent votierten bei einer Umfrage für diesen Namen. Wie würden Sie ihn als Wrestler nennen? Sie wurden in ihrer Karriere "Tarzan" genannt.

Ehrmann: Das mit "Tarzan" war noch aus meiner Zeit beim 1. FC Köln. Einen Kampfnamen für Tim? Das ist schwer zu sagen, da würde ich ihn am ehesten "Der zahme Wilde" nennen. Das passt zu ihm, denn innendrin ist er bei weitem nicht so ein harter Typ, wie ihn die Leute da draußen wahrnehmen. So einen Kampfnamen brauchst du wohl, wenn du beim Wrestling richtig einsteigen willst.

SPORT1: Sie haben früher auch viel Krafttraining gemacht. Ist das noch heute so?

Ehrmann: Ich wurde da in der Öffentlichkeit immer etwas anders dargestellt, als es wirklich war. Ich habe immer viel für die Fitness des Körpers getan und auf Stabilität trainiert, war sicher auch oft im Fitness-Studio, aber ich habe mich nicht so aufgepumpt wie der Tim.

SPORT1: Sie hatten neben Wiese unter anderem Roman Weidenfeller, Florian Fromlowitz, Kevin Trapp und aktuell Tobias Sippel als Torhüter. War Tim der Paradiesvogel unter ihnen?

Ehrmann: Sie waren schon etwas verrückt, aber auch ähnlich. Vor allem habe ich darauf geachtet, dass sie einen guten Charakter und den unbedingten Willen haben, um alles zu geben. Wenn dem nicht so gewesen wäre, dann hätte ich denen ganz schön Pulver in den Hintern gegeben. (lacht) Torhüter sind Einzelkämpfer, die im Team funktionieren müssen. Jedes Gegentor war für mich immer eine persönliche Niederlage. So dachte auch der Tim immer.

SPORT1: Was ist für Sie wichtig bei einem Torwart?

Ehrmann: Als Torwart musst du dich mit dem, was du machst, zu 100 Prozent identifizieren. Siegeswille ist ganz entscheidend und den hatte der Tim immer, genauso wie die anderen Jungs Man muss dem Verein und den Zuschauern etwas zurückzugeben. Verantwortungsbewusstsein, Ehrgeiz - das macht zudem einen Torwart aus. Das sind Grundvoraussetzungen. Meine Torhüter können ruhig etwas durch geknallt sein und ihr eigenes Ding machen, aber die Grundprinzipien müssen gegeben sein. Ich will, dass da ein richtiger Kerl im Tor steht und kein Retorten-Baby - einer mit Ecken und Kanten.

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