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Pyrotechnik auf den Rängen und die Notwendigkeit zu tatkräftigem Einschreiten der Sicherheitskräfte sind auch in deutschen Stadien Realität © SPORT1

München - Auch in deutschen Stadien scheint die Gewaltbereitschaft bestimmter Gruppen in jüngerer Vergangenheit zuzunehmen. Differenzierung ist wichtig. SPORT1 widmet dem Thema eine Serie.

Von Christoph Ruf

Am vergangenen Freitag zeigte der Fußball wieder seine hässliche Fratze. Im EM-Qualifikationsspiel zwischen Montenegro und Russland wurde Gästetorwart Igor Akinfejew von einer Leuchtrakete getroffen und musste ins Krankenhaus gebracht wurde.

Es hat den Anschein, als seien die Chaoten in den Stadien auf dem Vormarsch. Auch in den deutschen Fußballarenen und deren Umfeld sind immer wieder Bilder von randalierenden Zuschauern zu sehen. 

In der Serie "Die Angst spielt mit" liefert SPORT1 Hintergründe zum Thema. Eine differenzierte Betrachtung ist dabei grundlegend. Teil 1 der Serie widmet sich Hooligans und Ultras, klärt über Unterschiede und Schnittmengen der Szenen und ihre Gewaltbereitschaft auf.

  • Was sind Hooligans?

Im Polizeijargon heißen Hooligans "Kategorie C", eine Umschreibung für gewaltsuchend. Sie selbst nennen sich zuweilen "Freunde der dritten Halbzeit", weil für sie das eigentliche "Match" erst nach den 90 Minuten beginnt.

Dann oder an einen x-beliebigen Wochentag treffen sich die Hools von Verein A mit denen von Verein B, um sich mal so richtig zu vermöbeln. Sie selbst behaupten, das geschähe nach einem Ehrenkodex: "Keine Waffen, Hools prügeln sich nur mit Hools, wenn der Gegner am Boden liegt, ist Schluss."

Wenn das stimmen würde, hätte dem französischen Polizisten Daniel Nivel eigentlich nichts passieren dürfen. Doch der wurde 1998 von deutschen Hooligans halb tot geschlagen.

  • Warum hat man bis vor Kurzem kaum noch etwas über Hooligans gehört?
Daniel Nivel schaut nach vorne
Der französische Polizist Daniel Nivel wurde 1998 von deutschen Hooligans fast totgeschlagen © Getty Images

Ganz einfach: Die Hooligans schienen ihren Zenit überschritten zu haben und die Wald- und Wiesenfights finden nun einmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Mit dem Aufkommen der Ultra-Szene Mitte und Ende der 90er Jahre, verloren die Fußball-Schläger ihren Status in den Kurven, zogen sich in entlegene Sitzplatzbereiche zurück und fielen im Stadion nicht mehr auf. Das taten dafür die Ultras umso nachdrücklicher. 

  • Und was sind Ultras?

Ganz platt: Das sind die, die in den Kurven die Stimmung machen, oftmals angefeuert von einem Vorsänger, der mit dem Rücken zum Spielfeld steht. Fahnenschwenken gehört genauso dazu wie offener Protest (gegen Verbände, Polizei, Kommerzialisierung), der sich auf Transparenten äußert.

Proteste von Ultras des Karlsruher Sport Clubs gegen den Zweitligsten RB Leipzig © Getty Images

Im Gegensatz zu den Hooligans, von denen viele heute zwischen 40 und 50 Jahre alt sind, ist die Ultrabewegung jung, viele sind Schüler und Studenten. Die Szene ist jünger, in der Regel auch akademischer als die Hools und sie hat ein Anliegen: Ultras halten den Volkssport Fußball hoch, den eingetragenen Verein, in dem die Mitglieder das Sagen haben und das, was sie unter Tradition verstehen.

Da können Ultras sehr hartnäckig sein: nach jahrelangem Protest kehrte der VfB Stuttgart jüngst zum alten Vereinswappen zurück.

  • Wie steht es mit Gewalt?

Gewalt spielte in der (deutschen) Ultraszene jahrelang eine untergeordnete Rolle, der Schwerpunkt lag bei allen Gruppierungen auf der Unterstützung, dem Support, der eigenen Mannschaft.

In den vergangenen Monaten scheint sich das zum Teil zu ändern. Aus vielen Szenen hört man, dass sich an den Rändern der Hauptgruppen jüngere Mitglieder abspalten, die den Gewalt-Kick suchen und dann kaum noch zu steuern sind. 

  • Und bei den Hools?
Gefährliche Mischung, Pegida-Anhänger und Hooligans demonstrieren zusammen gegen die Islamisierung Europas © Getty Images

Dort ist Gewalt Selbstzweck. Ein Hooligan, der der Gewalt abschwört, wäre so etwas wie ein veganer Metzger. Nachdem am 26. Oktober 2014 die "Hooligans gegen Salafisten" (Hogesa) in Köln aufmarschierten, dürfte wohl niemand mehr den Fehler machen, die Gewaltbereitschaft der Hooligans zu unterschätzen.

Damals wurden auch Frauen, Journalisten und Passanten angegriffen, ein etwa 16-jähriges Mädchen mit Protestplakat musste von der Polizei gerettet werden, als sich ein halbes Dutzend Hooligans auf sie stürzte.

  • Wie ist das Verhältnis zwischen den Szenen?

In einigen Städten respektieren sich Hools und Ultras. Komplizierter wird es, wenn die meist eher rechtsgerichteten Hools im eigenen Verein auf eine Ultraszene stoßen, die sich gegen rechts positioniert.

Wenn dieser Konflikt mit Fäusten ausgetragen wird, ziehen die Ultras den Kürzeren gegen eine Szene, deren Mitglieder seit Jahrzehnten Kampfsport machen. Genau deshalb reicht oft schon eine entsprechende Drohung – auch wenn es weit weniger Hooligans gibt als Ultras. "Am Ende der Nahrungskette", sagt ein Ultra, "stehen überall die Hools." 

  • Wie geht es weiter?

Die "Hooligans gegen Salafisten" haben sich Anfang 2014 auch gegründet, um den angeblich linken Ultras den Kampf anzusagen. Nachdem die letzten Hogesa-Treffen immer weniger Teilnehmer hatten und auch "Pegida" und seinen Ablegern die Luft ausgeht, könnte mancherorts der Kampf um die Meinungsführerschaft in den Fankurven wieder eröffnet werden.

Die offene Flanke der Ultras ist die Pyrotechnik, auf die kaum eine Ultraszene grundsätzlich verzichten will. Die Haltung der Verbände ist ebenso klar: null Toleranz. Kompromisse sind nicht in Sicht.

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