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Tim Wiese warf mit Geld - ein symbolischer Akt mit langer Tradition
Tim Wiese warf mit Geld - ein symbolischer Akt mit langer Tradition © Getty Images

Tim Wiese warf einer Politesse Geld vor die Füße. Was er damit sagen wollte? Schwierig, der Geldwurf hat eine bunte Geschichte. Hoffmanns Erzählungen.

Fällen wir an dieser Stelle kein Urteil über Tim Wiese.

Ja, es ist nach Lage der Dinge klar, was die Pressesprecherin der Stadt Bremen bestätigt hat: Dass der ehemalige Nationaltorwart am Rande eines Friseurtermins lautstark seinen Unmut gegenüber einer Verkehrsüberwacherin geäußert und ihr Geld vor die Füße geworfen hat.

Aber, und das ist das Entscheidende: Der "spezielle Vorfall" befinde sich noch in der Prüfung, anhand derer entschieden wird, ob eine Anzeige erstattet wird oder nicht. Und dem Ergebnis dieser Prüfung sollte man nicht vorgreifen - zu komplex ist die Aufgabe, vor der das dafür zuständige Ermittlerteam hier steht.

Das Werfen mit Geld ist schließlich ein symbolischer Akt mit einer langen kulturellen Vorgeschichte, in deren Verlauf dieser Akt immer wieder unterschiedlich zu deuten war.

Martin Hoffmann schreibt seit 2009 für SPORT1 die Kolumne "Hoffmanns Erzählungen"
Martin Hoffmann schreibt seit 2009 für SPORT1 die Kolumne "Hoffmanns Erzählungen" © SPORT1

Erfunden haben ihn vermutlich die alten Römer: Der noch heute recht verbreitete Münzwurf galt ihnen als Weg um herauszufinden, wie die Götter bestimmte Streitfragen klären würden.

"Navia aut caput" war damals die Schicksalsfrage, Schiff oder Kopf die beiden Seiten des Geldstücks - die Zahlen war bei den Römern noch nicht so groß.

Ungefähr in dieselbe Ära fiel der erste richtig berühmte Wurf mit Geld - Jesus vollzog ihn, als er es mitsamt seinen handelnden Besitzern aus dem Tempel von Jerusalem fliegen ließ.

Heiß diskutiert damals, langfristig setzte sich aber recht deutlich die Meinung durch, dass Jesus damit in einer frühen Tradition-vs.-Kommerz-Debatte auf wohltuende Art klare Kante gezeigt hat.

In späteren Zeiten waren es dann vor allem die kommerziell Erfolgreichen, die mit Geldwürfen auffällig wurden - was dann auch wieder eher kritisch gesehen wurde: Andere mit Zahlungsmitteln bewerfen? Das macht man nicht, so die allgemeine Haltung.

Tatsächlich gibt es eine Reihe von Beispielen, in der der Geldwurf eindeutig als unfreundliche Botschaft gemeint war: Man erinnere an den zweiten Akt der großen Verdi-Oper "La Traviata", an deren Ende der aufgebrachte Edelmann Alfredo sein gerade am Spieltisch neu gewonnenes Vermögen in Richtung seiner Violetta pfefferte - als Signal, dass er die vorher miteinander verbrachten Liebesstunden im Nachhinein als Dienstleistung verstand, für die er noch seinen Obolus entrichten mochte. Großes Drama.

Oder die Dietl-Figur des Generaldirektors Heinrich Haffenloher, der den Reporter Baby Schimmerlos mit dem Legende gewordenen Satz "Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld" verwünschte - man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass das Wort "Schmeißen" früher mal eine ganz ähnliche Bedeutung hatte.

Der Reiche und Mächtige beschmeißt den Armen und Machtlosen mit Geld - das Muster ist beliebt, es läuft aber nicht immer so: Der Comedian, der FIFA-Präsident Joseph Blatter jüngst mit einem Banknotenregen besprenkelte, hat dieses Prinzip auf gewitzte Weise umgedreht.

Und in anderen Fällen - wie in der von Trickserien-Fans oft zitierten "Monetenschlacht" der Simpsons-Figuren Burns und Smithers - ist das Geldwerfen ein richtiggehend liebevoller Vorgang.

Ob Tim Wieses Geldwurf auf gleiche Weise zu bewerten ist: Das ist nun wie erwähnt Sache der hierfür berufenen Ermittler.

Mögen sie zum richtigen Ergebnis kommen, ohne dafür Münzen werfen zu müssen.

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