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Franz Beckenbauer unterzeichnete einen Vertragsentwurf, der wohl an Jack Warner ging © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann

München - Nach dem Rücktritt von Wolfgang Niersbach wirft ein ominöses Dokument dunkle Schatten auf die Lichtgestalt Franz Beckenbauer. SPORT1 beantwortet die Fragen zum Skandal.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ist über den Korruptionsskandal gestolpert. Nun gerät Franz Beckenbauer in den Blickpunkt. Ein neues Dokument belastet Beckenbauer schwer. Ein Ende des Skandals ist nicht absehbar.

SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen zu den neuesten Entwicklungen:

Was ist passiert?

Nachdem bekannt wurde, dass Wolfgang Niersbach als DFB-Generalsekretär im Jahr 2007 eine Steuererklärung unterschrieb, in der auch die ominöse Zahlung von 6,7 Millionen Euro aufgeführt wurde und gegen den DFB Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung eingeleitet wurden, übernahm Wolfgang Niersbach am Montagnachmittag die Verantwortung. Mit sofortiger Wirkung gab er seinen Rücktritt als DFB-Präsident bekannt.

Doch am Dienstagvormittag schlug ein neues, bei vom DFB im Auftrag vergebenen Ermittlungen aufgedecktes Dokument hohe Wellen:

Franz Beckenbauer hat laut Rainer Koch, DFB-Vizepräsident und kommissarischer Niersbach-Nachfolger, einen Vertragsentwurf unterschrieben, in welchem einem Mitglied des Exekutivkomitees beim Weltverband FIFA Vorteile für dessen Verband angeboten wurden.

Bei dem Vertragspartner handelte es sich um den von der FIFA mittlerweile lebenslang gesperrten Jack Warner (Trinidad und Tobago), dem Ex-Präsidenten des Verbands für Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik CONCACAF. Ob der Vertrag tatsächlich zustande kam und damit eine Bestechung für den Zuschlag zur WM 2006 erfolgte, ist noch unklar.

Sicher ist: Mit dem Dokument wird die Luft für Beckenbauer dünner. Der bestritt bislang stets unlautere Zahlungen für den WM-Zuschlag 2006. Nun legte Reinhard Rauball die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Vertragsentwurf um einen Bestechungsversuch handelt.

"Mit der Unterschrift und dem vorformulierten Vertragstext ist es schwierig, das auszuräumen", sagte Rauball: "Das muss man so werten. Wenn etwas schriftlich verfasst ist, ist das etwas, das diese Vermutung zulässt."

Wann spricht Beckenbauer?

Der Druck auf die einstige Lichtgestalt wird größer. Seine Auskünfte aus der ersten Befragung durch externe DFB-Ermittler galten als unzureichend. Rainer Koch forderte im ZDF, Beckenbauer müsse sich "intensiver in die Aufklärung der Vorgänge einbringen." Dies sei auch "die große Bitte der gesamten Spitze des DFB, diese Fragen zu beantworten."

Auch Reinhard Rauball forderte Beckenbauer auf, sich zu äußern: "Ich würde mich freuen, wenn Franz Beckenbauer die Gelegenheit nutzt, um sich zu diesen Dingen zu erklären."

Dennoch bleibt unklar, ob und wann Beckenbauer sein Schweigen bricht. 

Wie geht es an der DFB-Spitze weiter?

Nach Niersbachs Rücktritt führen die Vizepräsidenten Rainer Koch und Reinhard Rauball die Amtsgeschäfte kommissarisch. Noch vor der EM 2016 soll ein neuer Präsident gewählt werden. Dies wird auf einem außerordentlichen Bundestag geschehen.

"Gehen Sie davon aus, dass wir bei der Europameisterschaft ganz sicher vollständig geordnet aufgestellt sein werden", versicherte Koch.

Niersbach selbst arbeitet als internationaler Botschafter weiter für den DFB. Schon einen Tag nach seinem Rücktritt als DFB-Präsident nahm er an einer Sitzung der UEFA-Kommission teil. Reinhard Rauball hofft, dass Niersbach sein "überragendes Netzwerk und seine überragenden Kenntnisse im internationalen Bereich" weiter für den DFB einbringt.

Wer sind Kandidaten für die DFB-Präsidentschaft?

Als mögliche Kandidaten gelten unter anderem Rauball und Koch.

Rauball wäre mit seinen 68 Jahren mit wohl nur einer Amtszeit ein Übergangspräsident, winkte aber zur Bild ohnehin ab: "Das Amt des DFB-Präsidenten ist nicht in meiner Lebensplanung vorgesehen. Ich möchte Präsident von Borussia Dortmund bleiben und im August 2016 erneut für das Amt des Liga-Präsidenten kandidieren."

Rainer Koch (56) - derzeit Präsident des Bayerischen (BFV) und Süddeutschen Fußball-Verbandes (SFV) - wäre ein Kandidat mit Perspektive.

Dem Juristen stärkt seine Nähe zu den mächtigen Amateur- und Landesverbänden den Rücken. Allerdings: Koch hat schon durchblicken lassen, dass er wohl nicht als DFB-Präsident zur Verfügung stehen wird.

Abgesagt hat auch Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, für den die Präsidentschaft "kein Thema" sei.

Eintracht Frankfurts scheidender Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen würde ebenfalls nicht zur Verfügung stehen. "Ich scheide doch nicht als Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt aus, um ein neues Amt anzutreten. Nein, das ist nicht vorstellbar", sagte er zu SPORT1.

Was ändert sich beim DFB?

Der Verband steckt in der Vertrauenskrise. Auf einer Pressekonferenz am Dienstag forderte Bierhoff in überraschend klaren Worten ein Ende der "Kumpelei, die es im Fußball zu sehen gibt."

Er ist sich sicher, dass sich auch beim DFB "einiges verändern" werde: "Im Umgang, in der Kontrolle, in der Abwicklung innerhalb des Hauses." Wie schon bei der FIFA mit ihrer Ethik-Kommission regte Bierhoff neue Kontrollorgane innerhalb des Verbandes an und forderte generell mehr Demut ein.

Nachdem mit Niersbach personelle Konsequenzen erfolgt sind, stehen beim weltweit größten Nationalen Fußballverband also auch strukturelle Reformen ins Haus. Denn um zum Tagesgeschäft überzugehen, ist der Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit schlicht zu groß.

Was bedeutet der Skandal für zukünftige Turniere?

Sportlich wohl wenig. "Das hat keine Auswirkungen auf uns", sagte Bundestrainer Joachim Löw nach Niersbachs Rücktritt zu SPORT1. Auch Bierhoff versicherte auf seiner Pressekonferenz, dass der Skandal "keine Belastung für die Mannschaft" sei.

Als System im System hat die Nationalmannschaft ihre eigenen Abläufe. Auch zukünftig dürften die Verantwortlichen Löw und Bierhoff darauf bedacht sein, Nebengeräusche von der Mannschaft fernzuhalten.

Problematischer wird der Korruptionsskandal für die geplante Bewerbung Deutschlands als Ausrichter der EM 2024. 2017 wird über die Vergabe entschieden. Nachdem Niersbach vor Wochen noch als möglicher Nachfolgekandidat für UEFA-Präsident Michel Platini galt, steckt der DFB nun selbst bis zum Hals im Korruptionsmorast. Die Chancen des bislang einzigen Mitbewerbers, der Türkei, dürften in den letzten Wochen zumindest nicht gesunken sein. 

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