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Englische Fans vor dem Spiel gegen Russland
Englische Fans waren drei Tage lang in Marseille in Krawalle verstrickt © Getty Images

Paris und Lille - Krawalle, Verletzte, laxe Kontrollen: Organisatoren und Sicherheitskräfte müssen bei der EM viel Kritik einstecken. Zu Recht, wie SPORT1 vor Ort beobachtet hat.

Die Bilder vom Wochenende gingen um die Welt: Prügelnde Horden am Hafen von Marseille, blutuberströmte Menschen auf den Straßen. Dazu die Attacke auf nordirische Fans in Nizza und der Angriff einer organisierten deutschen Hooligan-Bande in Lille auf friedlich feiernde Anhänger.

Die dunklen Seiten des Fußballs überschatteten in den ersten Tagen der EM in Frankreich das sportliche Geschehen auf dem Rasen.

Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen? Zwei Tage vor Beginn des Turniers hatten die Organisatoren noch angekündigt, dass sie mit ihren fast 100.000 Sicherheitskräften bestmöglich vorbereitet seien.

SPORT1 ist seit einer Woche an verschiedenen Stellen in Frankreich vor Ort und nennt die Probleme:

- Polizeiarbeit

In der Vorbereitung auf das Turnier wurden auch die Reporter von verschiedenen Stellen davor gewarnt, die Arbeit der Sicherheitskräfte zu behindern. In Frankreich herrscht nach den Terroranschlägen vom November weiterhin der Ausnahmezustand. Die Polizei werde deshalb schnell und hart eingreifen, wenn es zu Problemen komme, hieß es.

Doch dieses schnelle Eingreifen hat bei den Ereignissen in Marseille und Lille nicht stattgefunden. Rund um die Stadien und die offiziellen Fanzonen zeigt die Polizei viel Präsenz, teilweise mit dem Gewehr deutlich sichtbar. Wenn es darum ging, eine Eskalation zu verhindern, bevor sie passiert, hat sie bisher aber versagt. Schlimmer noch: Im Fall der drei Tage andauernden "Schlachten" am alten Hafen von Marseille berichten Beobachter davon, dass durch das wiederholte Versprühen von Tränengas - auch gegen bis dahin Unbeteiligte - die Situation weiter eskaliert sei.

Die Gruppe deutscher Hooligans in Lille hatte sich schon vor ihrem Angriff gut sichtbar in der Stadt präsentiert, eine Reichskriegsflagge gehisst und soll auch rechtsradikale Parolen skandiert haben.

Als sie sich von ihrem Standort auf den Weg zum Place Charles de Gaulle machte, verpasste es die Polizei aber, sie am Angriff auf eine Gruppe ukrainischer Fans frühzeitig zu hindern. Hinterher steckten die Einsatzkräfte dann teilweise auch noch im Stau.

"Das Konzept stimmt nicht, es wird zu spät reagiert. Die Bilder zeigen, dass die französische Polizei der Lage stets hinterherrennt", urteilte Helmut Spahn, Sicherheitschef der WM 2006 schon vor den Ereignissen von Lille in der Bild. In Lille sollen sich nach Informationen der Agentur SID 150 polizeibekannte Gewalttäter aus Deutschland aufgehalten haben. Doch, "der Austausch der Franzosen mit szenekundigen Beamten anderer Länder ist mangelhaft", berichtete Spahn, Hinweise auf den Umgang mit Problemfans würden nicht wahrgenommen oder ignoriert.

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Allerdings waren an den Ausschreitungen in Marseille und Nizza auch französische Krawallmacher beteiligt, den Berichten zufolge aus dem Umfeld der örtlichen Spitzenklubs Olympique Marseille und OGC Nizza. Zumindest die sollten die örtlichen Behörden doch auf dem Zettel haben. Allerdings ist die französische Polizei seit den November-Anschlägen extremen zusätzlichen Arbeitsbelastungen ausgesetzt.

Ein Fakt, der im Konfliktfall auch nicht unbedingt zur Deeskalation beiträgt.

- Schwarzmarkt

Eine zentrale Frage ist, wie so viele, offenbar auch bekannte Gewalttäter, ins Land kommen können. Die Gruppe der Russen in Marseille soll sehr gut organisiert gewesen sein. Kaum vorstellbar, dass sie diese Struktur erst in Frankreich aufgebaut hat. Da russische Staatsbürger zur Einreise nach Frankreich ein Visum brauchen, müssen sich die Behörden die Frage stellen lassen, ob wirklich keiner der Schläger vorher auffällig geworden ist.

Die zweite Frage ist: Wie können die Gewalttäter in Zeiten personalisierter Eintrittskarten ins Stadion kommen?

Wie schon immer bei Fußballspielen gibt es auch bei dieser EM einen Schwarzmarkt für Tickets. Das wird sich im Internet-Zeitalter auch nicht verhindern lassen. In Paris, vor dem als Hochsicherheitsspiel klassifizierten Duell zwischen der Türkei und Kroatien, fand der Schwarzmarkthandel zum Teil aber unmittelbar unter den Augen der Polizei statt. In einem konkreten Fall konnte SPORT1 beobachten, wie ein Ticket für 70 Euro den Besitzer wechselte – während die Polizei nur wenige Meter entfernt stand.

Die Unterbindung des illegalen Tickethandels hat offensichtlich keine Priorität, was aus Gründen der Sicherheit im Stadion bedenklich ist.

- Einlasskontrollen

Vor Turnierbeginn drehten sich die Sicherheitsdiskussionen vor allem um die Einlasskontrollen am Stadion. Mehrere Kontrollpunkte müssen Zuschauer und Journalisten durchlaufen, bevor sie in eine der EM-Arenen kommen. Um Zugang zu einem der Medienzentren zu bekommen, muss man eine Kontrolle wie am Flughafen absolvieren, bei der Taschen und Equipment auch durchleuchtet werden.

Allerdings sind die Kontrollen nicht überall gleich intensiv. Mal werden die Besucher am Stadion intensiv abgetastet, mal nur ganz flüchtig. Mal werden die Taschen intensiv durchsucht, mal muss man die Ordner sogar daran erinnern, dass sie in den Rucksack gucken müssen. Bei der Einfahrt ins Parkhaus am Spieltag müssen die Fahrer aussteigen, und das Fahrzeug wird kontrolliert  - allerdings nicht alle Taschen, die sich im Auto befinden.

Dass sowohl beim Spiel in Marseille als auch bei der Partie zwischen Türken und Kroaten Böller und Pyrotechnik ins Stadion gelangt sind, verwundert da nicht.

- Organisation im Stadion:

Wie bei jedem großen Turnier sind auch bei dieser EM neben den Mitarbeitern von UEFA und Sicherheitsorganisationen viele freiwillige Helfer im Einsatz. Die sollen helfen, aber auch darauf achten, dass sich Zuschauer, Mitarbeiter und Journalisten nur in den Zonen der Stadien aufhalten, zu denen sie Zugangsberechtigung haben.

Auch hier lief in den ersten Tagen schon einiges schief. Aufgrund widersprüchlicher Wegbeschreibungen und fehlender Kontrollposten war es beispielsweise möglich, beim Abschlusstraining im Prinzenpark bis an den Rasen zu gelangen, wo sich eigentlich nur Kameraleute aufhalten dürfen. Dazu passt, dass beim Tor der Kroaten ein Flitzer auf dem Rasen mit den Spielern feiern konnte.

Als ein Reporter-Kollege einen herrenlosen Rucksack auf der Tribüne bei den Freiwilligen abgab, wurde der nicht etwa zur Sicherheitsüberprüfung gebracht, sondern stand auch zehn Minuten später noch in einer Ecke auf der Tribüne.

- Fazit:

Das Organisationskomitee, die Sicherheitsbehörden und die UEFA haben dringenden Nachholbedarf, wenn sich Bilder wie die von Marseille, Nizza und Lille nicht wiederholen sollen. Obwohl die Bedrohung durch organisierte Hooligans seit Monaten bekannt und ein großes Thema war, spielte sie offensichtlich in der Vorbereitung eine zu geringe Rolle. Leider ist es gut möglich, dass es jetzt zu spät ist, um dieses Versäumnis noch zu beheben.

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