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Simon Ollert-Christian Ziege-SpVgg Unterhaching
Simon Ollert (r., mit Trainer Ziege) hat in Unterhaching einen Vertrag bis 2017 © imago

München - Simon Ollert ist gehörlos - und trotzdem Profi in Unterhaching. Bei SPORT1 erklären er und seine Chefs, wie das funktioniert.

Er ist erst 17 Jahre alt.

Und doch hat er schon seinen ersten Profivertrag in der Tasche - bei Drittligist Spielvereinigung Unterhaching.

In der aktuellen Saison hat Simon Ollert fünf Spiele absolviert und ein Tor vorbereitet. Noch viel bemerkenswerter aber: Ollert ist seit seiner Geburt gehörlos. Er ist trotzdem Fußballprofi geworden.

"Ich habe gelernt, damit von Anfang an zu leben", sagt Ollert im Gespräch mit SPORT1. "Ich habe mir vieles angelernt und habe einige Zeit gebraucht, mich daran zu gewöhnen. Entdeckt hat man es erst mit zwei Jahren."

Die Gehörlosigkeit liegt in der Familie. "Meine Oma ist komplett gehörlos, auch mein Opa war es", so Ollert. "Dass ich heute mit den Hörgeräten einiges höre, grenzt an ein Wunder."

Traum vom Fußballprofi

Trotz seines Handicaps wirkt Ollert, der 2012 von der JFG Ammerthal zur SpVgg kam, zufrieden. "Ich habe immer gesagt, dass ich Fußballprofi werden will und daran halte ich fest", betont er.

SpVgg Unterhaching-Simon Ollert
Simon Ollert besitzt mit 17 schon einen Profivertrag in Haching © Getty

"Wenn man wirklich an etwas glaubt, dann erreicht man es auch."

Überlegungen, falls es mit der Profikarriere nicht klappen sollte, gibt es für Ollert erst gar nicht. "Wenn man nach Alternativen schaut, lässt man schon zwei Prozent nach."

Schwabl ist stolz

Worte, die Hachings Präsident Manfred Schwabl gerne hört. "Für einen jungen Kerl hat er eine bemerkenswerte Einstellung. Simon gibt immer Vollgas", sagt der 48-Jährige im Gespräch mit SPORT1.

Die Situation um Ollert sei "keine Belastung", so Schwabl. Er muss lachen und fügt an: "Die einzige Belastung war für mich, als mir Simon im Heimspiel gegen den MSV Duisburg seine Hörgeräte in die Hand drückte. Da hat es geregnet, und ich nicht wusste, was ich machen soll."

Ohne seine zwei Hörgeräte sei Ollert "schon sehr beeinträchtigt". Er habe die Hörgeräte "immer an, aber wenn ich sehr viel schwitze oder wenn es regnet, dann muss ich die Dinger rausnehmen oder sie fallen von selbst runter".

"Konnte bisher schon viel lernen"

Ollert ist glücklich über die Chance, in Haching Profi zu werden. "Es war bisher sehr schön und ich konnte schon viel lernen. Es ist für mich aber erst der Anfang und für mich persönlich der Ansporn weiter zu machen. Ich habe noch mehr Hunger."

Eine wichtige Person für Ollert war ist Hachings Cheftrainer Christian Ziege.

"Ich sehe ihn natürlich als Trainer und freue mich unter ihm trainieren zu können, er hat sehr viel Erfahrung im Fußball", sagt Ollert. "Als er nach Unterhaching kam, habe ich mir gewünscht, unter ihm zu spielen. Jetzt ist er da, und das ist toll." Ziege sei aber auch "ein Freund. Er hilft mir viel, gibt mir Tipps. Dafür bin ich sehr dankbar."

Lob von Ziege

Auch Ziege ist froh über die Zusammenarbeit mit Ollert. "Simon ist mit Eifer dabei, will immer wissen, wie er sich verbessern kann", sagt der frühere Nationalspieler zu SPORT1.

Es sei zwar "noch eine Menge Luft nach oben, aber er hat eine Grundvoraussetzung, die bei jungen Spieler nicht so oft vorhanden ist, nämlich, dass er arbeiten und lernen will."

Christian Ziege ist Trainer bei der SpVgg Unterhaching
Christian Ziege ist seit 2014 Trainer in Haching © Getty

Ziege entdeckte Ollert in der Saison in der U 17, als er auch dort Trainer war.

"Da habe ich schon gesehen, was er alles mitbringt. Eine seiner größten Stärken ist, dass er da ist, wo der Ball runterfällt. Das ist eine Waffe, die findest du selten", erklärt der 42-Jährige.

Ollert könne noch "vieles verbessern, aber er ist erst 17 und kann auch noch in der nächsten Saison A-Jugend spielen, dafür ist er schon sehr weit."

Ollert "beobachtet genau"

Und wie klappt es im Training? "Ich beobachte genau und kann vieles von den Lippen ablesen. Ich stelle mich immer zum Trainer und schaue, dass ich alles mitbekomme", sagt Ollert.

Hachings Coach erinnert sich an die Anfänge. "Bei der Mannschaftssitzung stehe ich gerne hinter der Mannschaft. Das war für Simon eine Katastrophe, weil er mich nicht hören konnte."

Nun steht Ziege immer vor der Mannschaft, damit sein junger Angreifer auch alles mitbekommt. Die Kommunikation ist inzwischen nicht mehr das Hauptproblem. Mit dem Telefon, so Ziege, sei es schwierig, "aber dann schreiben wir eben."

Da gebe es "einen regen Austausch. In den Trainingspausen besprichst du dann auch viele Dinge mit ihm individuell."

Vorteil beim Elfmeter

Manchmal könne es aber auch ein Vorteil sein, gar nichts zu hören, meint Ollert und grinst dabei. "Wenn ich in der 90. Minute einen Elfmeter schießen muss, und die gegnerischen Fans mich anschreien - dann kann ich einfach meine Hörgeräte ausschalten."

Ollert geht noch zur Schule. Er besucht die 11. Klasse und will 2016 das Abitur machen. "Wir müssen da viel miteinander sprechen, was die einzelnen Trainingseinheiten angeht", sagt Ziege.

In Absprache mit Ollert und der Schule gebe "es aber eine enge Kommunikation, wir versuchen da auf ihn einzugehen".

Fußballerisch in die Schlagzeilen

Für Ollert war Unterhaching "die beste Entscheidung, die ich machen konnte. Es ist wirklich alles familiär und ich kann mich toll entwickeln." Eine Sache nervt ihn dann aber doch.

"Es ist nicht so schön, dass ich nur wegen meiner Behinderung interessant bin. Ich will auch wegen meiner fußballerischen Leistungen in die Schlagzeilen kommen."

Dazu hat er noch genügend Zeit. Sein Vertrag in Haching läuft bist 2017. Wenn es nach Schwabl geht, soll Ollert noch länger bleiben.

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