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Xabi Alonso
Xabi Alonso gab sein Debüt im Trikot des FC Bayern gegen Schalke 04. © Getty Images

Gelsenkirchen - In Alonso hat Bayern noch einen Führungsspieler. Und noch mehr Quantität. Was passiert, wenn alle fit sind? SPORT1 analysiert.

Vom FC Bayern berichtet Andreas Reiners

Philipp Lahm kennt die Frage schon.

Sie stellt sich beim FC Bayern im Grunde seit Jahren. Deshalb musste der Kapitän auch nicht lange überlegen. Und verwies Spekulationen wie gehabt vehement zurück.

"Vor jeder Saison haben uns alle gesagt: 'Es wird Probleme geben, wenn alle fit sind.' Aber in den letzten zwei, drei Jahren gab es nie Probleme. Also gehe ich nicht davon aus, dass es jetzt Probleme gibt. Ich finde das sogar positiv", sagte Lahm.

Der Kader der Bayern hat seit vergangener Woche einen Führungsspieler mehr. Xabi Alonso hatte sich beim 1:1 auf Schalke in Rekordzeit erfolgreich in das System eingefügt. Und wie selbstverständlich auf Anhieb die Chefrolle übernommen.

Sammer erklärt Alonso-Transfer

"Sein Auftreten und seine Art und Weise, Fußball zu spielen, werden uns sofort weiterhelfen. Er wird uns durch seine Persönlichkeit prägen", sagte Sportdirektor Matthias Sammer.

Nach gründlicher Analyse waren die Verantwortlichen zu dem Schluss gekommen: "Wir sind auf dieser Position nicht so aufgestellt in Qualität und Quantität, wie das bei einem so großen Klub der Fall sein sollte", so Sammer.

Immerhin fehlen in Bastian Schweinsteiger, Javi Martinez und Thiago Alcantara derzeit drei verletzte Leistungsträger, die wie Alonso auf der Sechser-Position spielen.

Getreu Pep Guardiolas Philosophie "Lieber einen Mittelfeldspieler zu viel als einen zu wenig haben" (Sammer), hätten die Bayern den 32-Jährigen auch verpflichtet, wenn Schweinsteiger und Co. in Kürze wieder fit würden.

Daneben fehlen in Arjen Robben und Franck Ribery zwei weitere Leistungsträger mit Führungsanspruch.

Mehr Qualität, mehr Quantität

Sind die Verletzten alle zurück, ist Alonso also nicht der Einzige, der die Rolle des Führungsspielers automatisch für sich vereinnahmt.

Die Leader stehen sich praktisch gegenseitig auf den Füßen. Ärger, Kompetenzgerangel und Frust sind so möglicherweise programmiert.

Denn der Kader des FC Bayern verfügt durch Alonso nicht nur über noch mehr Qualität. Sondern auch mehr Quantität. Ein Luxusproblem. Doch das kennt man in München tatsächlich schon.

Bekanntes Luxusproblem

In der Saison des Triple-Triumphs hatte der gesamte Kader das große Ziel im Blick. Schwor sich auf die gemeinsame Aufgabe ein. Und stand ohne Wenn und Aber hinter Trainer Jupp Heynckes.

Der hatte keine Probleme, den Kader inklusive seiner sportlichen Härtefälle bei Laune zu halten.

Die richtige Mischung

Heynckes fand ebenso die richtigen Worte wie auch die richtige Mischung aus Ersatzbank und Einsatzzeit. Forcierte den Konkurrenzkampf.

Gab jedem Spieler das Gefühl, ein wichtiger Teil des Ganzen zu sein. Blieb glaubwürdig. Vermied so eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Und damit so die Rückkehr zum "FC Hollywood".

Auch Pep Guardiola setzte in seiner ersten Spielzeit auf Rotation. Auf der Zielgeraden der Saison, nachdem die Bayern so früh wie noch nie die Meisterschaft geholt hatten, übertrieb es der Katalane allerdings und rotierte die Bayern sogar in eine kleine Krise.

Egozentriker ins Abseits

Guardiola weiß aber, dass ein Kader gefüllt mit guter Laune ein Glücksfall ist. Der Katalane greift bei Stinkstiefeln deshalb konsequent durch und stellt Egozentriker ins Abseits.

Wie bei Mario Mandzukic. Der Kroate erhielt in der vergangenen Saison mehrere Denkpausen. Die Wirkung sowohl nach außen als auch nach innen: eine Machtdemonstration.

Nach Mandzukics Flucht zu Atletico Madrid stellte sich heraus, dass sich der Stürmer gleich mehrere Affronts gegen seinen Trainer geleistet hatte.

Erfolg über Einzelschicksalen

Auch Toni Kroos bekam zu spüren, dass bei Guardiola und den Bayern der Erfolg des Vereins über Einzelschicksalen steht.

Der Weltmeister flirtete früh mit anderen Klubs, fühlte sich finanziell nicht genügend gewürdigt und fand sich zwischendurch ebenfalls auf der Bank wieder. Inzwischen spielt Kroos bei Real Madrid.

Im Gegenzug holten die Bayern nun Xabi Alonso von den Königlichen. Auch der 32-Jährige muss sich dem Gesamtgefüge unterordnen.

Vom Naturell her ist Alonso auf dem Platz eine Autorität, Antreiber und Dirigent. Dabei gerne auch mal ein Hitzkopf.

Rivalität ausgelebt

Brisant: Alonso hatte in den vergangenen Jahren die Rivalität zwischen Real und dem FC Barcelona unter Pep Guardiola intensiv ausgelebt. Beide betonen aber unisono, dass dies nun mal Fußball sei.

"Ich habe schon unter vielen großen Trainern gespielt, jetzt spiele ich unter einem weiteren. Von ihm zu lernen und Teil dieses großen Vereins zu sein, waren Gründe für meine Entscheidung", sagte Alonso.

Doch so lange es sportlich läuft, hat der Trainer sowieso grundsätzlich alle Argumente auf seiner Seite. Doch die Bayern rumpeln sich momentan ein wenig durch den Saisonauftakt.

Alonso als Vorbild

Auch das ist ein Puzzleteil in der Gesamtüberlegung, noch einen Leader in den in dieser Hinsicht bereits gut bestückten Kader zu holen.

"Die Ideen des Trainers und die Qualität der Spieler muss sich immer vereinbaren. Du beobachtest vom ersten Tag an und überlegst, was der Gruppe gut tut", erklärte Sammer.

Alonso tut der Gruppe also gut. Auch den Youngstern wie Gianluca Gaudino oder Pierre-Emile Höjbjerg. "Die jungen Spieler werden von ihm profitieren. Junge Spieler brauchen auch Vorbilder, um sich zu entwickeln."

Bei nunmehr fünf Spaniern sieht Sammer auch die Gefahr einer Grüppchenbildung nicht: "Wenn du viele deutsche Spieler hast, bilden die doch auch keinen eigenen Kosmos. Jeder muss sich in die Gruppe einordnen."

Auch Alonso.

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