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Tim Wiese steht noch bei 1899 Hoffenheim unter Vertrag
Tim Wiese steht noch bei 1899 Hoffenheim unter Vertrag © imago

Tim Wiese ist das wohl bestbezahlte Schwergewicht im deutschen Fußball. Ein Comeback schließt der Keeper dennoch nicht aus.

Von Frank Hellmann

Bremen - Tim Wiese hat nicht nur die Statur eines Bodybuilders angenommen, sondern auch die Haltung.

Die mächtige Brust herausgestreckt, die kräftigen Oberarme seitlich vom Oberkörper abgewinkelt.

Es hat ein bisschen ulkig ausgesehen, wie sich dieser Kraftprotz am Wochenende im Weserstadion bewegt hat, aber schnell war klar:

Beim Abschiedspiel von Ailton gab es eine zweite Hauptfigur, der das Bremer Publikum beinahe hymnisch huldigte.

Sprechchöre für Wiese

Bei jeder Ballberührung schwoll der Beifall zum Orkan, und die "Wiese, Wiese"-Sprechchöre sollten sich noch verstärken, weil der 32-Jährige eine klasse Leistung zeichnete.

Der sportliche Wert eines solchen Kicks mag zwar gegen Null tendieren, doch erstaunlich war allemal, welche Reflexe Wiese noch zeigte.

Dafür, dass er gar nicht mehr fußballspezifisch trainiert. Sein Tätigkeitsbereich ist nämlich das Fitnessstudio, nicht der Fußballplatz (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Mit Training "besser als je zuvor"

"Ich fühle mich besser als früher. Klar, habe ich ein paar Kilo draufgepackt, aber das wäre kein Hindernis. Ich müsste nur ein bisschen trainieren, und ich wäre besser als je zuvor", berichtete er mit einem Augenzwinkern.

Sein Kampfgewicht lag zeitweise bei 118 Kilo - jetzt sollen es aktuell 115 Kilo sein. Das meiste davon reine Muskelmasse. "Ich arbeite derzeit eben an meinem ganzen Körper."

Wiese möchte aber nicht mehr, dass in der Muckibude private Fotos von ihm gemacht und in den sozialen Netzwerken ohne seine Zustimmung verbreitet werden.

Hoffenheim zahlt weiter

Der derart gestählte (Ex-)Torwart wohnt mittlerweile mit Frau Grit und Tochter Alina wieder in Bremen und hat sein gewohntes Umfeld zurück, obwohl er von 1899 Hoffenheim noch bis Juni 2016 ein stattliches Grundgehalt bezieht.

Er ist aber von jeder Verpflichtung für seinen Verein freigestellt. Dazu gab es eine stattliche Abfindung.

Diese Konstruktion würde es für die Kraichgauer möglich machen, dass Wiese bei einem möglichen Engagement noch Ablöse einbrächte. Aber will er das überhaupt?

Letzter Einsatz im Januar 2013

"Ich bin Realist. Ich habe anderthalb Jahre nicht gespielt und das wird von Montag zu Montag nicht besser", sagt er ehrlich.

Wiese spürt, dass die Zeit gegen ihn arbeitet: "In der Bundesliga wird mehr auf jüngere Torhüter gesetzt."

Sein letzter Einsatz datiert vom 26. Januar 2013, mit einer 1:2-Niederlage bei Eintracht Frankfurt ging die von Beginn an unter einem schlechten Stern stehende Bindung mit Hoffenheim in die Brüche.

"Anhören kann man sich alles"

Hat Wiese von der Bundesliga die Nase voll? "Wenn mich jemand fragen würde, wäre ich sicherlich nicht abgeneigt. Anhören kann man sich alles, manchmal juckt es ja schon."

Doch wirklich vermisst er das Gefühl nicht, etwa jeden Tag einen Ball berühren zu müssen:

"Ich habe schon so viele Bälle in den Händen gehabt, das verlernt man nicht, wenn man 13, 14 Jahre auf höchstem Niveau gespielt hat."

Seine beste Zeit erlebte er fraglos an der Weser, wo er zwischen 2005 und 2012 zwischen den Pfosten statt und die erfolgreiche Ära prägte. Sein Draufgängertum, seine Direktheit - das gefiel den eher bodenständigen Hanseaten.

In Bremen gefeiert

Wiese spielte sich in die Herzen der Werder-Fans, und es war erstaunlich, wie selbstverständlich er nun in seinem Wohnzimmer wieder sein Handwerk erledigte.

Für ihn sei der herzliche Applaus am Samstag eine erhebendes Gefühl gewesen. "Die Leute wissen, was ich hier geleistet habe", ist er sich sicher.

Schon beim Abschiedsspiel von Torsten Frings vor einem Jahr hatte sich ähnliches abgespielt, und die damals entfachte Spekulation, Wiese könne womöglich zu Werder zurückkehren, trug nicht gerade dazu bei, um seinen Nachfolger Sebastian Mielitz zu stärken.

Im Gegenteil: Mielitz verlor den Rückhalt der Zuschauer und später seinen Stammplatz.

Abschiedsspiel noch kein Thema

Mittlerweile ist er zum SC Freiburg geflüchtet und wird einen wie Wiese vermutlich nicht wiedertreffen.

Im engeren Umfeld rechnen die meisten damit, dass sich der sechsfache Nationaltorhüter, tadelloser Reservist bei der WM 2010 und EM 2012, bald offiziell von der Bühne verabschiedet.

Etwa mit einem eigenen Abschiedsspiel im Sommer 2015? "Abwarten", sagt Wiese, "damit habe ich mich noch nicht beschäftigt".

Mit ihm würde eine weitere Kultfigur scheiden, die sicher das Weserstadion wieder bis unters Dach füllen und für eine einzigartige Atmosphäre sorgen dürfte.

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