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Shinji Kagawa (M.) steht vor seinem ersten Einsatz © Getty Images

München - Dortmund ist erneut vom Verletzungspech verfolgt. Sportdirektor Zorc hat vorgesorgt und den BVB-Kader im Sommer gestärkt.

Den Spruch vom Fernrohr können sie bei Borussia Dortmund wohl nicht mehr hören.

Zwei Jahre lang hat der BVB die Konkurrenz vom FC Bayern nur mit der von Uli Hoeneß einst beschworenen Sehhilfe erkennen können. In der Bundesliga war der Abstand der Borussia zum Rekordmeister zweimal beträchtlich, auch im Pokal zog man jeweils den Kürzeren.

Das hatte auch mit Pech zu tun, genauer gesagt mit Verletzungspech, das die Borussia nicht nur in der vergangenen Rückrunde verfolgt hat.

Und jetzt? Marco Reus, Ciro Immobile und Jakub Blaszczykowski sind die Verletzten Nummer sechs, sieben und acht im BVB-Kader.

Die Länderspielwoche hielt für Dortmund gleich mehrere Hiobsbotschaften bereit: Reus fällt mit einem Außenbandteilriss erneut wochenlang aus.

Blaszczykowski muss nach seinem Kreuzbandriss jetzt mit einer Oberschenkelverletzung pausieren (NEWS: Blaszczykowski fehlt BVB länger) und Immobile fehlt mit einer geprellten Hüfte, immerhin bei ihm gab es teilweise Entwarnung (NEWS: Immobile bald wieder fit).

Dazu fehlen der Borussia aktuell mit Mats Hummels (Sehnenreizung im Knie), Nuri Sahin (Knie-OP), Ilkay Gündogan (Aufbautraining), Oliver Kirch (Muskelbündelriss) und Dong-Won Ji (Muskelfaserriss) fünf weitere Spieler.

Wenn man bedenkt, dass sechs der acht Ausfälle Mittelfeldspieler sind, könnte man verstehen, wenn Jürgen Klopp die Situation vor dem Spiel gegen den SC Freiburg (ab 15 Uhr LIVE auf SPORT1.fm u. im TICKER) mal wieder in größte Aufregung versetzen würde.

Klopp bleibt gelassen

Doch Klopp bleibt gelassen. "Wir müssen jetzt einfach so funktionieren und punkten", sagt er und lässt wissen: "Es hätte auch schlimmer kommen können."

Statt an Reus-Ausfall zu verzweifeln, erinnert der Trainer lieber an den Rückschlag von Blaszczykowski: "Ihm ging es richtig schlecht", räumt er ein.

Das klingt nach Fatalismus, wie man ihn vom BVB-Trainer eigentlich gar nicht kennt. Was ist los? Hat Klopp schon resigniert?

Nein, ganz im Gegenteil. Der Grund für seine Gelassenheit: In Dortmund wissen die Verantwortlichen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen. Fernrohr war gestern.

"Überall und auf Dauer wettbewerbsfähig"

Denn Dortmund hat vorgesorgt. In Person von Michael Zorc hat der Klub im Sommer alle nötigen Schritte unternommen und sich noch umfassender aufgestellt. Ein Problem-Szenario wie in den vergangenen Jahren soll so vermieden werden.

Zorc selbst erklärte die neue BVB-Architektur bei SPORT1 während der Vorbereitung so: "Wir sind in drei Wettbewerben vertreten, betrachtet man unsere ganzen Nationalspieler und ihre Länderspiele sind es quasi sogar vier. Wir haben den Kader deshalb so ausgerichtet, dass wir überall und auf Dauer wettbewerbsfähig sind."

Allein in den kommenden 22 Tagen warten auf die Dortmunder sieben Pflichtspiele.

Dortmund investiert wie nie

Tatsächlich hat Dortmund in diesem Sommer so viel investiert wie nie in der Vereinsgeschichte, nämlich 54 Millionen Euro. Dabei wurde das Geld nicht auf eine Karte gesetzt, sondern überlegt auf mehrere Köpfe verteilt.

Mit Immobile (19 Mio. Euro), Matthias Ginter (10), Adrian Ramos (10), Shinji Kagawa (8) und Sahin (7) wurden Spieler mit Perspektive verpflichtet, die schon jetzt eine verantwortungsvolle Rolle beim BVB übernehmen können. Und in Robert Lewandowski wurde zwar ein Schlüsselspieler zwangsweise abgegeben, positiv könnte man aber auch sagen: es war der einzige Abgang eines Leistungsträgers.

"Bei uns hat kein Spieler einen Freifahrtschein und das weiß auch jeder. Es geht nicht nach irgendwelchen Rankings, etwa der Höhe der Ablösesumme, sondern einzig und allein um Leistung. Dieser Konkurrenzkampf, diese Dichte innerhalb unseres Kaders ist ja auch gewünscht", erlärte Zorc.

Stärkster Kader aller Zeiten

In einer Situation wie der jetzigen, ist die neue Tiefe im Team ein Segen, was vor dem nächsten Bundesligaspiel gegen den SC Freiburg (Sa., ab 15 Uhr im LIVE-TICKER und LIVE auf SPORT1.fm) überdeutlich wird.

Mit dem kurz vor Transferschluss verpflichteten Shinji Kagawa steht noch eine echte Alternative zu Reus im Kader. "Er wird seine Spielminuten bekommen. Aber ich will noch nicht sagen, ob er anfängt", sagte Klopp vor dem Freiburg-Spiel.

Ramos streitet sich mit Immobile (Klopp: Er braucht Zeit, um sich in diese Mannschaft zu integrieren") ohnehin um Platz eins im Sturm.

Der im letzten Jahr verpflichtete Pierre-Emerick Aubameyang kann im Angriff eigentlich jede Position spielen und mit den Neuverpflichtungen von Sahin und Milos Jojic (Januar 2014) sind auch die Optionen im defensiven Mittelfeld so vielfältig wie nie.

Kurz, Dortmund ist auf jeder Position mindestens doppelt, teilweise dreifach besetzt. Ein vielfach zitierter Satz kann hier somit mal bedenkenlos ausgesprochen werden: Der BVB hat in dieser Saison den stärksten Kader aller Zeiten.

Im Kreis der europäischen Spitzenklubs

Natürlich birgt dieses Konzept auch Risiken, nämlich dann, wenn die ersten hochdotierten Spieler mit ihrer Situation unzufrieden sind, auf der Bank sitzen und ihrem Ärger Luft machen.

Bis dahin müssen aber erstmal alle fit werden. Und: Bisher hat Klopp noch all seine Superstars auf Linie bekommen.

Bei den europäischen Spitzenklubs gehört die millionenschwere Ersatzbank ohnehin längst zur Standardausstattung. Wenn Dortmund langfristig dazu gehören will, und das wollen sie, dann kann es keinen anderen Weg geben.

Auch die finanziellen Mittel sind bei Dortmund mittlerweile andere. Erst zu Beginn der Woche hat eine Kapitalerhöhung mit neuen Investoren 114 Millionen Euro in die Vereinskasse gespült.

Richtige Lehren aus der Vergangenheit gezogen

Der BVB hat also die richtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen. "In der vergangenen Saison hatten wir großes Verletzungspech, darauf haben wir nun reagiert", erklärte Zorc.

Vorbei soll die Zeit sein, die Dortmund, wie in der zurückliegenden Rückrunde, aufgrund des Verletzungspechs all zu viele Punkte gekostet hat und den Rückstand auf den FC Bayern in fernrohrmäßige Weiten wachsen ließ.

Zusammen mit Bayer Leverkusen, die ähnlich zielstrebig in den Kader investiert haben, versuchen die Westfalen nun wieder als ein ernsthafter Konkurrent der Bayern um die Meisterschaft aufzutreten. Ein weiterer Alleingang der Münchner? Zumindest unwahrscheinlich.

Nicht nur Liga und Fans sollte das freuen. Auch Reus, Immobile und Co. werden es ihrem Arbeitgeber danken.

Und überhaupt: Wer hat denn heutzutage noch ein Fernrohr?

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