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Die Kritiker von Kasper Hjulmand sind vor dem Duell mit Hoffenheim verstummt. Nun winkt Mainz und seinem Trainer Rang eins.

Von Frank Hellmann

Es ist fast schon ein kleines Ritual, das Kasper Hjulmand nach den Heimspielen des FSV Mainz 05 pflegt.

Nach Schlusspfiff aus dem Mittelkreis ein paar Meter heraustreten und dann in die Richtung der Stehtribüne schreiten, auf der der harte Kern der Anhängerschaft versammelt ist. Der neue Trainer möchte sich dabei für die Unterstützung bedanken.

Es ist eine kleine Geste. Aber eine mit großer Aussagekraft.

Noch immer wirkt es so, als sauge der im dänischen Aalborg geborene Fußball-Lehrer alles auf, was ihm an neuer Wirkungsstätte begegnet. Aber er weiß sehr schnell, wem er Dank schuldig ist. Seinen Spielern, seinen Verantwortlichen.

Mainz bewahrt Alleinstellungsmerkmale

Und seinen Fans. "Ich finde diese Mannschaft super", hat der 42-Jährige jetzt schon mehrfach gesagt. Und: "Es gibt hier eine Kultur in Mainz."

Tatsächlich hat der selbst ernannte Karnevalsverein es geschafft, sich in seiner Heimstätte am Europakreisel die alten Alleinstellungsmerkmale vom Bruchwegstadion zu bewahren.

Wenn alle vier Tribünenseiten den Ohrwurm "Wir sind nur ein Karnevalsverein? trällern, schunkeln oft sogar die mitgereisten Gästefans mit. Und die Begeisterung für gewonnene Zweikämpfe oder gelungene Kombinationen wirkt an diesem Standort immer authentisch.

Raus aus Tuchels Schatten

Hjulmand gefällt das, auch wenn er noch nicht auf allen Ebenen unendlich viel Vertrauen gewonnen hat. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Die einst vertiefenden Hintergrundgespräche, die Thomas Tuchel unter der Woche den heimischen Journalisten gewährte, hält Hjulmand bewusst kurz - was auch daran liegt, dass er lieber in Englisch als in Deutsch formuliert, wenn es um kompliziertere Sachverhalte geht.

Aber eines steht fest: Der 42-Jährige hat es schneller geschafft als gedacht, aus dem vermeintlich übergroßen Schatten seines charismatischen Vorgängers zu treten.

Kritiker verstummen

Vor dem Heimauftritt gegen die TSG 1899 Hoffenheim (ab 20 Uhr LIVE auf SPORT1.fm und im LIVE-TICKER) liegen die Rheinhessen - punkt- und torgleich mit dem Gegner - auf Platz vier. Zwei Siege, drei Unentschieden ? das ist aller Ehren wert.

Vor allem vor dem Hintergrund, dass den Nullfünfern nach dem katastrophalen Start in den Cup-Wettbewerb, der Europa-League-Blamage gegen Asteras Tripolis und dem Pokal-Aus beim Chemnitzer FC für die Bundesliga schon ganz schwere Zeiten vorhergesagt wurden.

Doch längst leisten die Kritiker beim Manager Christian Heidel Abbitte. Und hatte der Hjulmand-Entdecker nicht immer an die Geduld appelliert?

Hjulmands Taktik geht auf

Er war sich nach seiner ersten Visite im April dieses Jahres beim FC Nordsjaelland darüber klar, dass dieser Bessermacher nicht nur in Dänemark, sondern auch in Deutschland funktionieren würde.

Niemand hatte Heidel dabei ertappt, wie er bereits im Frühjahr nach einem Tuchel-Erben fahndete. Auf den blonden Dänen wären ohnehin nicht viele gekommen.

"Kasper hat es bei seinen Stationen bewiesen, mit einer durchschnittlichen Mannschaft großen Erfolg haben zu können", behauptet Heidel. "Deswegen werden wir kein Deutscher Meister. Aber er hat die Gabe, durch einen taktischen Plan Spiele zu gewinnen. Wir sind sehr überzeugt von unserem Trainer."

Und siehe da: Seine Defensivtaktik ging jüngst sogar auf, um Borussia Dortmund mit 2:0 zu bezwingen und dann auch beinahe Eintracht Frankfurt (2:2) zu besiegen.

"Punkte sind die beste Medizin"

Einer der Lieblingssätze des dreifachen Familienvaters lautet: "Die Entwicklung ist wichtiger als das Ergebnis."

Doch den Nebeneffekt nimmt er gerne mit, dass die Resultate zum Mainzer Saisonstart stimmen. Und wie sagt Hjulmand noch: "Punkte sind die beste Medizin für die Entwicklung. Punkte schaffen Vertrauen."

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Dank der späten Verpflichtungen von Spielern wie Jonas Hofmann oder Philipp Wollscheid, dem Deutsch-Tunesier Sami Allagui oder dem Spanier Jairo besitzt der wirtschaftlich kerngesunde Klub auch in der Breite enorme Qualität. Viele glauben: Weil der Kader nur noch in der Bundesliga beschäftigt ist, sei viel möglich.

Mainzer verinnerlichen Spielidee

"Gegen Hoffenheim wird es kein einfaches Spiel. Auswärts haben sie ihren Stil umgestellt", warnt Hjulmand, dessen Auftreten oft unprätentiös wirkt.

Er ist eben keiner, der sich in der Vordergrund drängelt. Aber im Hintergrund wächst der Optimismus, vielleicht zumindest für eine Nacht an die Tabellenspitze zu klettern.

Mittelfeldspieler Julian Baumgartlinger sagt jedenfalls: "Wir setzen die Vorstellungen des Trainers von Woche zu Woche besser um."

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