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München - Oliver Kreuzer ist von der Situation beim HSV nicht geschockt. Der Ex-Sportchef klagt über die Einstellung mancher Spieler.

Oliver Kreuzer hat aktuell viel Zeit zum Nachdenken.

Nach seiner Entlassung als Sportdirektor des Hamburger SV orientiert er sich neu, sondiert auch Angebote. Holstein Kiel hatte kürzlich bei Kreuzer angeklopft, doch wie SPORT1 erfuhr, sagte er dem Drittligisten ab.

Natürlich schaut der gebürtige Mannheimer nach wie vor auf das Geschehen beim HSV. Und was er da sieht, lässt ihn nur noch den Kopf schütteln.

Die Hamburger sind vor dem Heimspiel am Sonntag gegen Eintracht Frankfurt (ab 17.15 Uhr LIVE auf SPORT1.fm und im LIVE-TICKER) nach fünf Spielen mit nur zwei Pünktchen Tabellenletzter.

"Bin ein wenig überrascht"

Verantwortliche und Fans sind geschockt. Auch Kreuzer?

"Geschockt bin ich nicht", sagt der 48-Jährige im Gespräch mit SPORT1, "aber ein wenig überrascht. Ich war überzeugt, dass man besser aus den Startlöchern kommt."

Die Konsequenz: Vor dem Spiel gegen den FC Bayern wurde Trainer Mirko Slomka entlassen und für ihn die Überraschungslösung Josef "Joe" Zinnbauer präsentiert.

In dessen Premiere gab es gegen den Rekordmeister ein achtbares 0:0, bei Borussia Mönchengladbach am Mittwoch dagegen setzte es erneut eine Niederlage - 0:1 hieß es nach 90 Minuten.

Für Kreuzer, der nicht nachtritt, gehe es nun vor allem darum "die Leistung gegen Bayern München in den kommenden Spielen zu bestätigen." Die Partie gegen Frankfurt sei "ein Gradmesser, eine Mannschaft auf Augenhöhe", gegen die der "neue HSV" zeigen müsse, "dass Bayern München kein Einzelfall war".

Neues Gesicht

Eines ist klar: Die zarte Euphorie nach Zinnbauers Start ist erstmal verpufft.

Doch ausgerechnet der frühere Sportchef schlüpft nun in die Rolle des Mutmachers.

"Entscheidend", sagt Kreuzer, sei gegen Bayern gewesen, "dass man der Mannschaft ein neues Gesicht verpasst hat, das war dringend notwendig."

Das Team werde "sich stabilisieren und bald auch die notwendigen Siege einfahren".

Zum Trainerwechsel hält er sich bedeckt. "Ich möchte keine Trainerentscheidung kommentieren. Fakt ist, dass Mirko ein absoluter Fachmann ist, dessen Arbeit ich sehr schätze."

Slomka habe "in einer unglaublich schwierigen Situation einen überragenden Job gemacht. Ich bin mir sicher, dass auch Mirko das Team weitergebracht hätte."

Abrechnung mit Spielern

Mit den HSV-Spielern geht Kreuzer dagegen hart ins Gericht.

Der Anstoß der Kritik waren Aussagen einiger Spieler nach Slomkas letztem Spiel bei Hannover 96.

"Eigentlich waren die Aussagen wie 'super Motivationsrede, als Einheit aufgetreten, der Trainer hat uns richtig heiß gemacht' für mich ein Armutszeugnis. Diese Aussagen habe ich auch nach dem 3:0-Sieg gegen Borussia Dortmund letzte Saison gehört."

Solche Dinge, "die hier so herausgestellt werden", seien doch "Grundvoraussetzung eines jeden Profis. Trotzdem wünsche ich Joe Zinnbauer und dem Team eine erfolgreichere Saison." Aus Sicht von Kreuzer ist Zinnbauer "der Richtige."

"Ligaerhalt war glücklich"

Bei der Betrachtung der aktuellen sportlichen Schieflage geht der Blick Kreuzers nochmal zurück auf die letzte Chaos-Spielzeit.

"Der Ligaerhalt war glücklich, denn wenn du die letzten fünf Ligaspiele keinen Punkt machst, bist du eigentlich abgestiegen."

Doch er ist zuversichtlich: "Diese Mannschaft hat die so dringend benötigte Blutauffrischung bekommen und wird demnächst Resultate einfahren." Und weiter: "Der Kader sollte nichts mit dem Abstieg zu tun haben."

HSV-Zeit aufgearbeitet

Kreuzer kann nun ganz befreit über die "Rothosen" sprechen, er hat seine HSV-Zeit aufgearbeitet und stellt realistisch fest: "Ich denke im Nachhinein war es einfach der ungünstigste Moment beim HSV zu arbeiten. Wenn ich heute mit einigem Abstand meine Arbeit nochmals reflektiere, würde ich manche Entscheidung auch anders treffen."

Mit den finanziellen Mitteln, wie sie der neue HSV-Boss Dietmar Beiersdorfer zur Verfügung hatte, um das Team zu verstärken, ginge dies auch wesentlich leichter, weiß Kreuzer: "Didi hat nun ganz andere Voraussetzungen und Möglichkeiten."

"Verspüre keine Genugtuung"

Die Spieler, die mit den Kühne-Millionen geholt wurden, konnten bisher allerdings noch nicht überzeugen.

Kreuzer ist zum Beispiel von Lewis Holtby, Julien Green und Valon Behrami überzeugt: "Das sind gute Jungs, man muss der Mannschaft und den neuen Spielern noch etwas Eingewöhnungszeit geben, dann funktioniert das auch."

Genugtuung, dass es der Verein auch mit den Millionen von Investor Klaus-Michael Kühne, der nicht unbedingt ein Freund von Kreuzer war, nicht durchstartet, gibt es beim früheren Sportchef nicht.

"Genugtuung verspüre ich nie", betont Kreuzer, "außerdem möchte ich, dass der HSV wieder erfolgreichen Fußball spielt".

Eine Spitze kann er sich dann doch nicht verkneifen, als er anmerkt: "Dass Herr Kühne sehr speziell ist, um es mal vorsichtig auszudrücken, ist nicht nur mir bekannt."

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