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Jürgen Klopp (l.) ist seit Sommer 2008 Trainer von Borussia Dortmund

München - Die Rückkehr der verletzten Stars sind für Borussia Dortmund Fluch und Segen. Klopp steht vor einem schwierigen Balanceakt.

Von Holger Luhmann

Hoffnung kann trügerisch sein. So heißt eine dieser schlauen Weisheiten. Die so häufig ein Fünkchen Wahrheit enthalten. Manchmal mehr, als einem lieb ist.

Bei Borussia Dortmund trug die Hoffnung am Samstag einen Namen: Mats Hummels. Vor dem Revierderby auf Schalke wohlgemerkt.

Im Spiel patzte der Weltmeister bei seinem Startelf-Comeback vor dem 0:1 durch Joel Matip, als er eine Ecke kläglich unterlief und so die 1:2-Niederlage einleitete.

Klopp moniert Schuss ins eigene Bein

Zwei Gegentore im Schnitt seien eine "Katastrophe", sagte Hummels anschließend und legte den Finger schonungslos in die schwarz-gelbe Wunde.

Bei der Analyse schloss der neue Kapitän der Borussia, der nach der WM wegen muskulärer Probleme länger als beabsichtigt pausieren musste, sich selbstkritisch mit ein.

Hummels sprach von einem unentschuldbaren "Bock".

Und Jürgen Klopp erklärte gewohnt süffisant: "Wir schießen uns selbst ins Bein." Als ob seine Mannschaft auf Grund der vielen Verletzten nicht ohnehin schon einem humpelnden Haufen gleichen würde.

Zweitschlechtester Defensivwert

Gerade die Defensive sollte in dieser Saison beim BVB stabiler werden.

Doch davon ist im Moment nichts zu spüren. Mit elf Gegentoren weist der BVB aktuell den zweitschlechtesten Wert der Liga auf - nur Werder Bremen ist schlechter. 

Die Dortmunder Abwehr-Misere hat ihre Gründe. Neven Subotic befindet sich nach seinem Kreuzbandriss zwar schon wieder in aufsteigender Form, aber eben noch immer nicht in bester Verfassung.

Vielschichtige Abwehrprobleme

Der Grieche Sokratis hat sich nach gutem Saisonstart von der allgemeinen Verunsicherung anstecken lassen.

Matthias Ginter scheint sich nach seinem Wechsel aus Freiburg noch an die gehobenen Ansprüche in Dortmund gewöhnen zu müssen.

Und auch ein Weltmeister wie Hummels, der eigentlich Stabilität und Sicherheit vermitteln sollte, benötigt nach seiner Zwangspause Spielpraxis.

Ziel: Aufbauen und integrieren

Eben dies scheint derzeit das größte Problem der Borussia zu sein: Die Rückkehrer an ihren besten Leistungsstand heranzuführen und dabei in die Mannschaft zu integrieren.

Hummels patzte am Samstag im Derby. Linksverteidiger Marcel Schmelzer hatte drei Tage zuvor beim 2:2 gegen den VfB Stuttgart erhebliche Anpassungsprobleme.

Und Shinji Kagawa feierte nach seiner Rückkehr aus Manchester beim 3:1 gegen den SC Freiburg mit einem Treffer und einer Torvorlage zwar ein traumhaftes Comeback, soll aber auch nicht gleich wieder verheizt werden.

Sieben Punkte hinter FC Bayern

Diese Gratwanderung hat die Dortmunder in eine Zwickmühle gebracht.

Es ist noch keine zwei Wochen her, dass der BVB nach dem 2:0 zum Auftakt der Champions League gegen den FC Arsenal gefeiert wurde.

Klopp sprach von einem perfekten Pressing und Gegenpressing. Von lehrbuchhaften Szenen, die er sich abheften wolle.

Es folgten drei Ligaspiele mit nur einem Punkt - Derby-Schmach inklusive.

Die aktuelle Schwächeperiode könnte sogar gravierende Auswirkungen auf den Verlauf der kompletten Saison haben. Der Rückstand auf den FC Bayern beträgt immerhin schon sieben Punkte.

Und zügige Besserung ist nicht unbedingt in Sicht.

Klopp stellt sich in den Wind

Klopp hat sich nun selbst in den Wind gestellt.

"Ihr könnt jetzt schreiben, was ihr wollt - unter Umständen ein bisschen was über mich, das ist auch in Ordnung", sagte er zu den Journalisten - wohlwissend, dass er in Dortmund uneingeschränkte Immunität genießt.

Dass das Comeback von Hummels ebenso schief ging wie das von Schmelzer zuvor, nimmt Klopp auf seine "Pöhler"-Kappe.

Die "Eingespieltheit" sei ebenso wenig "on top" wie die Form einzelner Spieler, erklärte Klopp.

Die schwierige Balance bezahlt er derzeit mit empfindlichen Rückschlägen. Doch im Grunde hat er gar keine andere Wahl, als seine Stars nach und nach wieder einzbauen.

Auch Ilkay Gündogan vor Comeback

In den nächsten Wochen wird dies auch für Marco Reus, Henrikh Mkhitaryan, Nuri Sahin und Sebastian Kehl gelten. Um nur einige zu nennen.

Sogar Ilkay Gündogan peilt nach über einem Jahr Auszeit sein Comeback an.

"Glaubt mir eins: Wir kommen zurück. Es kann vielleicht noch etwas dauern, aber wir kommen", sagte Klopp mit Blick auf das große Potenzial, das in naher Zukunft wieder reaktiviert werden kann.

In Dortmund herrscht nicht nur Hoffnung, dass es wieder aufwärts geht, sondern feste Überzeugung.

Bis dahin muss sich der BVB durchbeißen. Dies gilt auch für das zweite Gruppenspiel in Europas Königsklasse beim RSC Anderlecht (Mi., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER und LIVE auf SPORT1.fm).

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