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Ein Handelfmeter bringt Lucien Favre auf die Palme.

Mönchengladbach - Der Gladbacher Trainer legt nach dem 1:1 gegen Mainz eine jetzt schon legendäre Wutrede hin und stellt dabei eine Grundsatzfrage.

Aus Mönchengladbach berichtet Andreas Reiners

Lucien Favre stand kurz vor der Explosion.

Der Schweizer riss die Augen weit auf. Gestikulierte wild. Bekam sich gar nicht mehr ein. Der 57-Jährige hatte Mühe, seine Emotionen im Griff zu behalten.

"Das ist für mich ein Skandal, diese Regel hilft dem Fußball nicht. Das ist kein Fußball. Wer diese Regel erfunden hat, hat nichts mit Fußball zu tun. Das ist absurd", wetterte der Trainer von Borussia Mönchengladbach nach dem 1:1 gegen den FSV Mainz.

Auslöser war ein Handelfmeter, der den Mainzern den schmeichelhaften Ausgleich bescherte. Und Favre auf die Palme brachte.

Mitten im Interview mit dem TV-Sender "Sky" ging der 57-Jährige sogar kurzzeitig aus dem Bild. Kehrte unvermittelt wieder zurück. Und legte noch einmal nach.

"Diese Leute müssen aufhören"

"Ich weiß nicht, ob das eine Frage des Business ist oder von jemandem entschieden wurde, der keine Ahnung von Fußball hat. Ich weiß nicht, wer mehr Tore will, wer bezahlt und wer dirigiert. Die Leute, die diese Regel erfunden haben, haben nie selbst Fußball gespielt und gehören nicht in den Fußball, sie müssen aufhören", so Favre weiter. Wen er denn nun genau mit seiner Kritik meinte, ließ er jedoch offen.

Der Schweizer blieb bei seiner Kritik allerdings auf seine ihm ganz eigene Art und Weise charmant. Fast liebenswürdig. Gegen Schiedsrichter Manuel Gräfe gab es kein böses Wort. Auch war für ihn der Handelfmeter ausdrücklich kein Grund für den verpassten Sieg. Es kommt selten vor, dass der Schweizer sich in diesem Maße echauffiert. Wenn, dann möchte man ihn in diesem Moment fast in den Arm nehmen.

Ohne Gleichgewicht

Favre legte schließlich die Arme hinter seinen Rücken und lehnte sich zurück. Und demonstrierte so, wie unsinnig er die Handspielregel findet. "Die Verteidiger gehen raus mit den Armen im Rücken und ohne Gleichgewicht. Das ist schwer", sagte Favre und wippte dabei die ganze Zeit vor und zurück.

Erinnerungen an Giovanni Trapattonis legendäre Wutrede wurden wach. Auf der anschließenden Pressekonferenz hatte er sich allerdings schon wieder beruhigt, wiederholte seine Kritik allerdings nochmals nachdrücklich. Auch wenn er die Szene von der Bank aus zu diesem Zeitpunkt gar nicht richtig gesehen hatte.

Favre hatte nach seinem kleinen Rundumschlag aber dann auch fertig. "Das ist unfair. Punkt. Und jetzt werde ich nicht mehr darüber sprechen", stellte er klar.

Grundsatzfrage ohne Lösung

Favre stellte somit eine komplette Grundsatzfrage, die er selbst allerdings nicht beantworten wollte. Oder konnte.

Klärungsbedarf hatte allerdings Übeltäter Julian Korb. Denn der Abwehrspieler verstand die Welt nicht mehr. "Was soll ich machen? Ich schaue auf den Ball, weil ich ihn ins Gesicht bekommen kann. Deswegen spanne ich meinen ganzen Körper an", sagte Korb SPORT1.

Und genau das war wohl das Problem. Denn die etwas kurios anmutende Begründung Gräfes für den Elfmeterpfiff laut Korb: "Weil ich den Arm anspanne. Wenn der Arm nach hinten geflogen wäre, wäre es kein Elfmeter gewesen. Die Logik verstehe ich nicht ganz. Das war absolut keine Absicht." 

Seltsame Begründung

In der Tat ist die Begründung etwas seltsam. Und damit auch Favres Wut in gewisser Weise verständlich. Doch Lösungen konnten die Gladbacher bei allem Frust auch nicht bieten. Denn so strittig die Szene gewesen sein mag: Es war nicht das erste Mal, dass in solch einer Situation Elfmeter gepfiffen wird. Und es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein.

Laut Regelwerk liegt ein Handspiel vor, wenn Absicht vorliegt. Doch so einfach ist das Ganze schon lange nicht mehr.

Seit zwei Jahren sollen die Referees verstärkt darauf achten, ob die Körperfläche vergrößert wird. Daneben fließen weitere Aspekte in die Beurteilung mit ein. Reflex oder Absicht, Entfernung zum Ball oder wie im Fall Korb die Position der Hand.

"Das mit der Körperfläche kann ich nicht mehr hören. Als Kind habe ich gelernt: Wenn die Hand zum Ball geht, ist es Hand, ansonsten angeschossen. Da diskutieren wir wahrscheinlich in zehn Jahren noch drüber", sagte der Mainzer Manager Christian Heidel.

Es war aber auch nicht die einzige Szene, die Favre sauer aufstieß. Denn unberechtigter Handelfmeter hin oder her: Trotz des umstrittenen Ausgleichs hatten die Gladbacher selbst noch genug Möglichkeiten, den Siegtreffer zu erzielen.

Häufchen Elend Raffael

Allen voran Raffael. Der sah dann auch aus wie ein Häufchen Elend.

Mit gesenktem Kopf und leiser Stimme versuchte der Brasilianer, eine Erklärung zu finden. Es blieb bei einem Versuch. "Ich dachte erst, es wäre abseits. Daher war ich etwas überrascht, dass der Ball kommt. Schade, dass wir uns nicht belohnt haben. Wir hätten den Sieg verdient gehabt", sagte der Stürmer.

Kurz zuvor hatte er es fertig gebracht, freistehend aus vier Metern den Mainzer Stefan Bell anzuschießen. "Er hatte zwei, drei gute Chancen. Das geht nicht. Wir müssen vorne weiter arbeiten", so Favre.

Wie eine Niederlage

Letztendlich fühlte sich das Unentschieden wie eine Niederlage an.

Lob gab es indes vom Gegner. "Ich glaube, dass Gladbach eine Mannschaft sein wird, die um die Plätze ganz, ganz oben mitspielt. Sie haben eine riesige Qualität, da muss man schon den Hut vor ziehen", sagte Heidel.

Für Favre war das an diesem Abend allerdings nur ein schwacher Trost.

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