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Der neue Schalke-Trainer sieht bei seiner Vorstellung viel Arbeit auf sich zukommen. Er streicht den Profis den freien Tag.

Vom FC Schalke 04 berichtet Andreas Reiners

Roberto Di Matteo hatte sich gut vorbereitet.

Ein dunkles Sakko, ein weißes Hemd, dazu eine dunkle Krawatte. Immer wieder ein kurzes Lächeln, klare Aussagen, wohl überlegte Worte, konzentriert und ruhig.

Eloquent, aufgeräumt und wohltuend unaufgeregt, ein visueller Gegenpol in diesen stürmischen Schalker Tagen. Der 44-Jährige beantwortete bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Trainer dann auch geduldig die zahlreichen Fragen.

Erste Worte an die Mannschaft

Dabei hatte Di Matteo einen wahren DVD-Marathon hinter sich. In den vergangenen 24 Stunden hat er sich fast alle letzten Schalker Spiele angeschaut.

Flog zwischendurch nach Gelsenkirchen und richtete bereits erste Worte an seine neue Mannschaft. Der Inhalt: Erste Zielsetzungen. Und eine erste Analyse.

"Schalke ist eine gute Mannschaft mit viel Potenzial in der Offensive, aber mit Problemen in der Defensive", sagte Di Matteo bei seiner öffentlichen Vorstellung am Mittwoch.

"Die Mannschaft muss als Mannschaft auftreten. Wir müssen an der Organisation arbeiten, jeder muss individuell zur Verfügung stehen und seinen Beitrag leisten. Wir werden versuchen, eine solide Abwehr zu haben und da drauf aufzubauen", erklärte er weiter.

Umfeld nicht zu bändigen

Ein Ziel hat er bereits jetzt abgehakt: Das schwierige Umfeld zu bändigen.

"Das hat in 100 Jahren noch niemand geschafft. Ich glaube nicht, dass ich das schaffen kann. Man muss kooperieren und damit umgehen. Ich habe die nötige Erfahrung, um damit umzugehen", sagte der 44-Jährige.

Am Donnerstag steht Di Matteo erstmals mit der Mannschaft auf dem Trainingsplatz.

"Andere Trainer führen direkt nach ihrem Dienstantritt ein Show-Training durch. Roberto Di Matteo will perfekt starten", sagte Manager Horst Heldt.

Leitet die Einheiten deshalb auch selbst. Und zieht die Zügel an. Der freie Samstag wurde schon mal gestrichen.

Schlagwort Disziplin

"Er weiß, wie man mit Stars umzugehen hat, er hat eine Philosophie und eine Spielidee. Er steht für Disziplin auf und außerhalb des Platzes, legt viel Wert auf Organisation", hatte Heldt das Anforderungsprofil an den neuen Schalke-Trainer zuvor umrissen (VIDEO: Heldt: Di Matteo kann mit Stars umgehen).

Es hört sich ein wenig nach Werbung an. Es verwundert nicht wirklich, immerhin ist Heldts Zukunft nach der Entlassung von Jens Keller mit dem Wirken Di Matteos verknüpft.

Das der mit Qualität ausgestattete Kader die Möglichkeit zu Höherem hat, steht außer Frage. Das Problem auf Schalke ist es jedoch, diese Qualität vor allem konstant auf den Platz zu bringen. Disziplin ist da das Schlagwort. Auch da will Di Matteo ansetzen.

Es gibt keine Wunder

"Wir müssen auf dem Platz viel arbeiten, damit wir an der Organisation des Teams arbeiten können. Wir müssen auch am Selbstvertrauen arbeiten. Ich habe viel Arbeit vor mir, damit wir aus dieser kleinen Krise herauskommen. Es gibt auch keine Wunder. Man muss Zeit und Geduld haben", sagte der neue Coach.

Ein kleines Wunder war allerdings der 19. Mai 2012. Mit dem FC Chelsea fügte er dem FC Bayern beim Finale "dahoam" die wohl schmerzhafteste Niederlage zu. Es war zugleich der größte Triumph für den FC Chelsea. Und Di Matteo.

Doch es gab auch Vorwürfe. Catenaccio. Mauertaktik. Abwehrbollwerk. Die Ästheten gingen auf die Barrikaden.

Aus der Not eine Tugend

Er hatte aber vor allem aus der Not eine Tugend gemacht. Präzisen, aber schnörkellosen Fußball spielen lassen. Der Erfolg gab ihm Recht.

"Das war Taktik, um ein Spiel zu gewinnen", sagte er und verteidigte sich fast: "Meine Mannschaften haben immer viele Tore geschossen. Ich versuche, einen guten und erfolgreichen Fußball spielen zu lassen. Ich habe auch immer flexibel spielen lassen."

Doch wie hatte der stets freundliche, aber immer auch etwas introvertiert wirkende Italo-Schweizer es geschafft, eine Truppe hochbezahlter Stars auf seine Philosophie einzuschwören? Er, damals ein unbeschriebenes Blatt als Trainer?

Es war eine Mischung aus Fachkompetenz, Menschlichkeit und Lockerheit. Di Matteo selbst hat noch Kontakt zu vielen Ex-Spielern. Ein Ergebnis des gegenseitigen Respekts, gepaart mit harter, zumeist auch erfolgreicher Arbeit.

Lockerheit als Ansatz?

Vielleicht ist Lockerheit, nach außen wie nach innen, der Ansatz für die Schalker Truppe. Diese bisweilen seltsam launische Mannschaft um die zahlreichen Talente und Leistungsträger, also Stars wie Kevin-Prince Boateng, Klaas-Jan Huntelaar oder Julian Draxler.

Zusammen können sie Königsblau verzaubern. Zu oft war aber jeder nur mit sich selbst beschäftigt. Immer wieder, vor allem nach Erfolgen, schlich sich ein Schlendrian ein. Das Team war zu oft keine Einheit. Eigenwillig. Schwierig.

"Es gibt nur einen Boss"

"Ich weiß genau, was in der Kabine läuft. Es gibt in jeder Kabine eine Hierarchie. Man muss aber feste Regeln haben und diese implementieren", erklärte Di Matteo.

Es sei schwieriger geworden für einen Trainer. Er selbst habe aber nie Probleme gehabt.

"Es gibt nur einen Boss. Individuelle Ansprüche gehören nicht in die Kabine und die Mannschaft. Das Motto ist: Team", stellte er klar.

Der ehemalige Nationalspieler Italiens muss also Stabilisator sein. Und Motivator. Di Matteo besticht durch Witz und seine offene Kommunikation.

"Ich kommuniziere viel mit den Spielern. Ich glaube nicht, dass es schwierig wird. Ich war selbst auch Spieler und weiß deshalb, wie man mit jedem Einzelnen umgehen muss", sagte Di Matteo.

Sechs Sprachen spricht er fließend. Die siebte dürfte die wichtigste sein: die Sprache der Spieler.

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