vergrößernverkleinern
Hakan Calhanoglu im Gespräch mit Moderatorin Katrin-Müller Hohenstein

Hakan Calhanoglu spricht in verwegener Offenheit über einen gewaltsamen Vorfall in der Türkei und seinen Ärger über Kreuzer.

Schon vor der ersten Sendeminute war zu erahnen, dass dieses Interview mit Hakan Calhanoglu keines wie jedes andere werden würde.

Man sah es schon an der Aktion, die das ZDF vorher beim sozialen Netzwerk Twitter veranstaltete. Unter dem Hashtag #fraghakan sollten Fans dort Fragen formulieren, die Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein ihrem Gast stellen könnte.

Was dabei herauskam, hätte man auch #schlaghakan nennen können. Denn wenig von dem, was auf die Aufforderung folgte, war keine als Frage formulierte Ohrfeige.

Hakan Calhanoglu polarisiert und liefert Gesprächsstoff, das wusste man. Aber sein Auftritt im "Sportstudio" lieferte sogar noch mehr, als man vorher gedacht hätte.

In verwegener Offenheit

Calhanoglus Leistung beim 3:3 gegen den VfB Stuttgart (Bericht) war erwartungsgemäß nur kurz Thema, es ging schnell um Dinge, die seine Fans und Kritiker ein wenig mehr bewegen.

Sein umstrittener Wechsel vom HSV zur Bayer Leverkusen natürlich, aber auch der mysteriöse Vorfall mit einem Teamkollegen aus der türkischen Nationalmannschaft.

Speziell über diese Begegnung mit dem früheren HSV-Spieler Gökhan Töre sprach Calhanoglu in verwegener Offenheit.

"... sonst erschieße ich dich"

Kollege Ömer Toprak und er seien "zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen, bei einer privaten Abrechnung Töres ("Ich weiß nicht, ob Töre irgendwas genommen hat oder so") mit einem Freund Topraks - der Töres Freundin anscheinend schöne Augen gemacht hatte.

Töre und ein anderer Mann seien zu ihm, Toprak und dem Freund ins Hotelzimmer gekommen und eine heftige Szene gemacht:

"Der Mann hat eine Waffe aus seinem Anzug gezogen und zu Ömer gesagt: 'Leg' dich hin, sonst erschieße ich dich.'" Auch er selber sei bedroht und auch geschlagen worden.

"Ich wollte meiner Karriere nicht schaden"

Calhanoglus Vater hatte den Vorfall öffentlich bestätigt und als Grund für sein Fehlen in den jüngsten EM-Qualifikationsspielen angegeben, sein Sohn widerspricht dem weiterhin:

"Ich war wirklich verletzt, es hat auf jeden Fall nichts mit Töre zu tun. Ich hoffe jetzt auf ein Vieraugen-Gespräch mit dem Trainer. Ich wünsche mir es natürlich, dass ich künftig wieder dabei sein kann."

Calhanoglu hätte den Vorfall am liebsten verschwiegen: "Es ist ja schon eine Weile her, aber ich wollte nichts sagen, weil ich seiner Karriere nicht schaden und selbst daraus lernen wollte."

Inzwischen empfindet Calhanoglu offene Worte als heilsamer, auch was seinen Abgang aus Hamburg angeht.

Seine Sicht der Dinge dazu: Nicht er habe den Verein hintergangen, als er ihn trotz kurz zuvor erfolgter Vertragsverlängerung und öffentlicher Treueschwüre verließ. Sondern der Verein ihn.

Vorwürfe gegen Oliver Kreuzer

Calhanoglu macht kein Geheimnis mehr daraus, dass es nicht die ganze Wahrheit war, als er noch in diesem Jahr von einer langfristigen Zukunft in Hamburg redete.

Hinter den Kulissen habe er sich vom damaligen Sportdirektor Oliver Kreuzer versichern lassen, dass er bei einem guten Angebot gehen könne.

Der habe nur nichts mehr davon wissen wollen, als dieses Angebot dann gekommen sei: "Ich wollte einfach Herrn Kreuzer in dem Moment stark machen und er ist mir in den Rücken gefallen. Somit stand ich einfach dumm da."

"Gefühl des Sündenbocks"

Generell fühlt Calhanoglu sich zum Sündenbock abgestempelt: "Ich habe ein Versprechen bekommen, von allen Seiten, das nicht gehalten wurde. Und es wurde alles auf mich abgeladen, es hieß: Hakan ist schuld."

Die Konsequenz: "In Hamburg konnte ich kaum mehr rausgehen. Ich wurde von allen Seiten beleidigt. Mein Auto wurde kaputtgeschlagen. Im Internet habe ich Beschimpfungen bekommen."

Das alles habe ihn psychisch belastet, darum auch die Krankschreibung zum Ende seiner Zeit in Hamburg - die ebenfalls nicht gut ankam.

"Ich habe professionelle Unterstützung gebraucht"

Calhanoglu sieht sich auch hier zu Unrecht an den Pranger gestellt: "Es ist auch für mich nicht einfach, weil ich noch jung bin und das zum ersten Mal erlebt habe. Und deswegen habe ich eine professionelle Unterstützung gebraucht."

Dass er dann nach dem Wechsel zu Leverkusen ganz schnell wieder genesen sei? Nur logisch für Calhanoglu: "Als ich den Vertrag unterschrieben habe, war es für mich auch wieder eine Motivation." 

Er habe sich besser, lockerer gefühlt: "Der Wechsel war eine Befreiung für mich."

Eine längerfristige Befreiung? Man wird sehen. Calhanoglu verhüllte nicht, dass er bei dem Transfer in Karriere-Kategorien dachte.

"Die Konkurrenz bei Bayern München ist viel höher. Ich wollte spielen?, hielt er fest. In Leverkusen fühle er sich nun "sehr wohl", aber: "Was am Ende passiert, weiß ich nicht."

Wellen in den sozialen Medien

In den sozialen Medien war Calhanoglus Auftritt in der Nacht das meistdiskutierte Thema, was nicht verwunderlich war.

In der Auflistung bemerkenswerter Sportstudio-Sendungen ordnet sich Calanoglus nicht weit hinter der legendären 1969er-Ausgabe mit dem Boxer Norbert Grupe ein.

Der "Prinz von Homburg" schwieg Moderator Rainer Günzler seinerzeit durchgehend an, als der ihm Fragen stellte.

Calhanoglus Auftritt wird auf andere Weise im Gedächtnis bleiben.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel