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Jürgen Klopp (r.) ist seit 2008 Trainer von Borussia Dortmund

Dortmund - Jürgen Klopp gesteht tiefgreifende Probleme beim BVB. Und auch wenn der Zusammenhalt beeindruckt - die Zukunft ist ungewiss.

Von Felix Meininghaus

Verloren. Wieder einmal. Gegen Hannover 96.

Während Fans aus der ganzen Republik das fesselnd dichte Spitzenspiel zwischen den Bayern und Borussia Mönchengladbach verfolgten, wurden 100 Kilometer weiter in Dortmund Wunden geleckt.

"Es ist wie verhext", gesteht Kapitän Mats Hummels: "Ich glaube, dass das, was man sich vorgenommen hat, nicht mehr realisierbar ist."

"Das" war eigentlich die Qualifikation für die Champions League.

Denn so furios der BVB in der Königsklasse selbst in dieser Spielzeit auftritt, so fern scheint diese Perspektive für die Zukunft zu sein. "Die Spiele werden weniger und wir stecken tief unten drin. Über die Champions-League-Qualifikation zu reden, wäre jetzt der falsche Ansatz", sagt Marco Reus.

Das sieht auch sein Trainer so.

Das Gebilde BVB wankt

"Wir dürfen uns durch ein Saisonziel nicht noch mehr unter Druck setzen lassen", sagte Jürgen Klopp am Montag und machte ein überraschend offenes Geständnis: "Die Angst vor dem Nicht-Gewinnen ist sicherlich da."

Und so gerät in Dortmund womöglich etwas ins Wanken, das noch vor wenigen Wochen undenkbar schien.

Der Teufelskreis, in den viele Bayern-Konkurrenten in den vergangenen Jahren gerieten, könnte auch Dortmund in seinen Strudel ziehen: Die Millionen aus dem europaweit perfekt vermarkteten UEFA-Spektakel werden Jahr für Jahr dringend benötigt, um auch die kommenden Jahre dabei zu sein.

Um die umworbenen Marco Reus, Ilkay Gündogan oder Mats Hummels langfristig an den Verein zu binden, benötigt die Borussia diese Bühne - aus finanzieller wie sportlicher Sicht. Eine Perspektive, die die Bayern, Real oder Barcelona garantieren können.

Hummels & Co. haben es selbst in der Hand

Dabei sind es die Spieler, um die halb Europa buhlt, die das Schicksal des Klubs - und damit ihr eigenes - selbst in der Hand haben.

Wenn Mats Hummels, der Abwehrchef der Weltmeisterelf, seine unerklärlichen Aussetzer in den Griff bekäme, wenn Marco Reus seinen Torinstinkt wiederfände - dann hätten sie in Dortmund ein paar Probleme weniger.

Vor allem Reus, der verhinderte Weltmeister, will endlich große Titel gewinnen. Die beiden Meisterschaften holte der BVB, als Reus noch in Gladbach kickte. Realistisch in dieser Saison ist nur noch der DFB-Pokal. Am Dienstagabend wartet das Zweitrundenspiel beim FC St. Pauli.

Zunehmende Ratlosigkeit

Auch der Sportdirektor von Borussia Dortmund ist ratlos, wenn er die Krise seines Klubs analysieren soll. Immer wieder zuckte Michael Zorc am Wochenende mit den Schultern.

Wie soll man auch die richtigen Worte finden, wenn eine Mannschaft in der Champions League regelmäßig Glanzleistungen abliefert und im heimischen Liga-Alltag von Pleite zu Pleite taumelt?

Diese Situation ist neu - und sie ist gewöhnungsbedürftig.

"Das ist neu, das ist schwierig"

"In so einer Situation standen wir noch nie, seit ich hier bin", sagte der unermüdliche Kämpfer Sven Bender nach dem Spiel: "Das ist neu, und das ist schwierig."

Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp, das beinhaltete seit 2008 auch schon mal Rückschläge, doch meistens waren es mitreißender Fußball und gute Ergebnisse, die im Gewinn von zwei Meisterschaften, einem DFB-Pokal und dem Einzug ins Champions-League-Finale gipfelten.

Keine Trainerfrage

Andernorts wird in einer solch dramatischen Situation, in der sich der BVB momentan befindet, der Trainer infrage gestellt. Doch in Dortmund sind die gängigen Prinzipien der Branche außer Kraft gesetzt.

Jürgen Klopp ist der erfolgreichste Trainer der Vereinsgeschichte und das Gesicht des BVB. Niemand außer ihm wäre in der Lage, den in Seenot geratenen Tanker Borussia wieder auf Kurs zu bringen. Davon sind sie in Dortmund weiterhin überzeugt.

Nach Bundestrainer Joachim Löw ist Klopp der bekannteste Trainer in Deutschland, auch die Niederlagenserie in der Bundesliga ändert nichts daran, dass er in Dortmund unter Artenschutz steht.

Die Fans stehen hinter der Mannschaft

Daran, dass der Weg aus der Krise mit Jürgen Klopp gegangen werden soll, lässt beim BVB niemand einen Zweifel. Immerhin kann die Borussia also für sich verbuchen, dass das Umfeld in schweren Zeiten Ruhe und Umsicht walten lässt.

Eine Trainerdiskussion wird kategorisch abgelehnt, die berühmte Südtribüne feierte Klopp und seine Mannschaft nach dem Abpfiff mit demonstrativen Gesängen. Es sind beeindruckende Bilder, die aus Dortmund zu sehen sind. Das, was in den vergangenen sechs Jahren dort aufgebaut wurde, kann nicht nach sechs Wochen einstürzen. Aber es bröckelt.

Schwere Spiele warten

Keine Frage: Der BVB verfügt nach wie vor über ausreichend Qualität im Kader, eine Siegesserie zu starten und den Rückstand auf die Champions-League-Plätze wieder in erträgliche Ausmaße zu bringen.

Die Möglichkeit bietet sich sogleich an den kommenden zwei Spieltagen: Dann warten Bayern München und Borussia Mönchengladbach.

Direkten Anschauungsunterricht gab es am Sonntagabend genug.

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