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Fritz Keller (l., mit Sportdirektor Jochen Saier) ist seit 2009 Präsident des SC Freiburg

München und Freiburg - Der SC Freiburg investiert eine nie dagewesene Summe. Ein neues Stadion soll verhindern, dass der Klub weiter um seine Lizenz bangt.

Fritz Keller wirkt angespannt.

Was den Präsidenten des SC Freiburg umtreibt? Die sportliche Talfahrt. Das Auswärtsspiel beim 1. FC Köln (So., ab 17.15 Uhr LIVE bei SPORT1.fm und im TICKER)? Keine Frage.

Doch es geht für den Klub aus dem Breisgau um so viel mehr in diesen Tage.

Um die sportliche und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit in der Bundesliga. Um die Zukunft. Um einen 108-Millionen-Deal. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Neues Stadion für neue Einnahmequellen

108 Millionen? Das kann sich der Ausbildungsverein aus dem idyllischen Schwarzwald doch gar nicht leisten, mag mancher denken. Doch, kann er.

Der Sportclub steht kurz vor der Realisierung seines neuen Stadions. Ein Projekt, das - sollte es verwirklicht werden - seinesgleichen sucht, weil weder ein Mäzen noch ein Großinvestor daran beteiligt sind. 108 Millionen Euro soll es kosten und mittelfristig neue Einnahmequellen freimachen.

Geld, das die Badener mit ihrem "alten Schuppen", wie Keller das aktuelle Schwarzwaldstadion liebevoll nennt, nicht einnehmen können.

Solide gewirtschaftet

"Ohne ein neues Stadion werden wir uns im Haifischbecken Bundesliga nicht halten können. Wir brauchen es für die erste, aber im Fall eines Abstieges auch für die Zweite Liga", sagt der 57 Jahre alte Winzer und Hotelier im Gespräch mit SPORT1.

59 Millionen Euro will der SC beisteuern. Eine stolze Summe. Der Klub hat solide gewirtschaftet. Keller verkündete auf der Mitgliederversammlung Anfang der Woche einen Rekordumsatz in Höhe von über 70 Millionen und einen Gewinn von satten 12,8 Millionen Euro (News).

Fünf Millionen davon fließen in den Stadionneubau. Insgesamt beziffert der Vereinsboss den Eigenanteil am Startkapital auf 15 bis 20 Millionen.

Stadt und Land beteiligen sich

"Wir haben ein wenig gespart. Es wird mit der Stadt eine gemeinsame Gesellschaft geben, die dieses Stadion baut. Wir werden es dann über eine Pacht langjährig bezahlen", erklärt Keller die Finanzierung. "Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte des SC Freiburg werden wir einen Kredit aufnehmen. Es gab keinen besseren Zeitpunkt zu bauen als jetzt, weil die Zinsen sehr niedrig sind."

Alleine lässt sich das Investitionsvolumen dennoch nicht realisieren.

Das Land Baden-Württemberg gibt einen Zuschuss von elf Millionen, die Stadt beteiligt sich mit geschätzt 38 Millionen für die Infrastruktur: Umgehungsstraßen, riesige Parkflächen, einen S-Bahn-Anschluss, Straßenbahn-Haltestellen und ein Kommunikationszentrum.

Infrastruktur auch für Uni und Messen

In anderen Bundesliga-Städten sind das Selbstverständlichkeiten. In Freiburg nicht.

Das Schwarzwaldstadion liegt inmitten einer verkehrsberuhigten Wohnsiedlung mit der beschaulichen Dreisam und einer dicht bewaldeten Anhöhe im Rücken.

Mit der neuen Arena, meint Keller, soll alles besser werden. "Das Stadion liegt ideal im Westen am Stadtrand, was eine totale Entlastung bedeutet", sagt er.

Er argumentiert beharrlich. Zum Beispiel, dass der Standort in der Nähe der neuzubauenden Universität und der Messe liege.

"Das wird kein Stadion für 20, 21, 22 Spiele im Jahr. Es ist geplant, dass Hospitality-Räume und Küchen genauso für die Uni-Mensa genutzt werden", erzählt er. "Universität oder Messe brauchen die Räume unter der Woche, wir abends oder am Wochenende. Die Infrastruktur steht allen Einrichtungen zur Verfügung."

Widerstand aus der Bevölkerung

Keller rechtfertigt sich nicht umsonst. Es gibt Widerstand in der Bevölkerung. Vor allem bei den Anwohnern aus dem Stadtteil Wolfswinkel, wo die Arena einmal stehen soll.

Sie haben sich in einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen und verweisen auf Eingriffe in die Natur und darauf, dass Luftsportvereine auf dem angrenzenden Flugplatz ihrem Hobby nicht mehr nachgehen können.

Es sind Argumente, die weder Keller noch die Stadt verneinen. Doch die Verwaltung ist der mächtigste Partner an der Seite ihres sportlichen Aushängeschildes.

Freiburgs OB steht hinter dem Projekt

"Der SC und die Präsenz in der Bundesliga sind von ganz herausragender Bedeutung. Wir wissen aus Untersuchungen, dass allein der werbliche Effekt für die Stadt mit jährlich fast 30 Millionen Euro anzusetzen ist", erklärt Oberbürgermeister Dieter Salomon auf SPORT1-Nachfrage. "Keine andere Institution hat eine solche Ausstrahlung und mediale Wahrnehmung wie der Sportclub. Er ist nach der Universität der wichtigste Imagefaktor."

Ganz zu schweigen vom Steueraufkommen: Der SC gilt als siebtgrößter Gewerbesteuerzahler. "Es gibt kein vergleichbares neues Stadion-Projekt, in das ein Bundesliga-Verein ein solches Eigenkapital eingebracht hat - mit Ausnahme des FC Bayern, aber das ist eine andere Klasse als der SC Freiburg", meint Salomon.

Der OB verweist zudem auf die Ventilwirkung für das Straßennetz sowie eine sorgfältige Planung.

Präsident spricht sich für Bürgerentscheid aus

Keller indes wird in seinen Worten deutlicher und moniert eine neue Protestkultur. Um allen gerecht zu werden, wird es deshalb einen Bürgerentscheid geben. Und zwar wenn der Gemeinderat sein endgültiges Okay gegeben hat.

Läuft alles glatt, soll die Arena für bis zu 35.000 Zuschauer bis 2019 fertig sein - und völlig neue Möglichkeiten eröffnen.

"Wir bekommen die Lizenz jedes Jahr nur unter Auflagen. Aktuell steigt der Platz an, ist zu kurz. Wir haben keine idealen Plätze für Kamerateams. Dazu kommen beschränkte Kapazitäten", schildert Keller.

Keller verspricht Mehreinnahmen

Es gebe eine Warteliste von Firmen, die Logen wollen, erzählt er, "die wir aber alle gar nicht bedienen können".

Den vielversprechenden Markt in der Nordschweiz und dem angrenzenden Frankreich habe der SC erst gar nicht erschlossen, weil man nicht wüsste, wohin mit den Zuschauern angesichts des Fassungsvermögens von aktuell 24.000, erklärt er und verspricht sich erhebliche Mehreinnahmen.

Geld, das sowohl in die Profimannschaft als auch die bundesweit vorbildlich geltende Fußballschule fließen soll.

Keine Kürzung des Etats

Bedenken, dass Cheftrainer Christian Streich während des Baus der Etat zusammengekürzt wird, wie zum Beispiel beim VfB Stuttgart oder bei Werder Bremen geschehen, schiebt der Präsident einen Riegel vor - und blickt dennoch mahnend in die Zukunft.

"Wir sind zum Wachstum verpflichtet", sagt er. "Wenn wir keine Lizenz mehr haben, können wir den Laden zumachen."

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