Frankfurt am Main und Stuttgart - Dass Armin Veh von sich aus beim VfB Stuttgart hinwirft, passt zu einem Trainer, der sich in kein Schema pressen lassen will.

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Von Frank Hellmann

Armin Veh will nicht als fahnenflüchtig gelten.

Was erklärt, warum der zurückgetretene Trainer des VfB Stuttgart bei seiner Rücktrittsrede am Montag sogleich versichert hat, der Schwabenmetropole nicht sofort den Rücken zu kehren, sondern noch ein paar Tage zu bleiben.

Was dann kommt? "Ich habe keine Pläne."

Als ziemlich sicher gilt, dass es den Fußballlehrer bald dorthin verschlägt, wo er sich die vergangenen Jahre die meisten Ruhepausen gönnte: Nach Augsburg, genau genommen nach Bonstetten im Landkreis der Fuggerstadt.

Rückzug ins Eigenheim

Dort in einem von Wäldern umgebenen Neubaugebiet auf einem Hügel hat der 53-Jährige ein neues Eigenheim bauen lassen.

Hierhin lud Veh im Mai sogar noch ausgesuchte Frankfurter Journalisten ein, als er sein dreijähriges Eintracht-Engagement nach dem letzten Bundesligaspiel beim FCA beendete.

Diese Liaison nicht fortführen zu wollen, begründete er damals damit, nicht mehr so oft dem gegnerischen Kollegen gratulieren wollen.

Doch der in Ehren ergraute Coach musste schnell eingesehen, dass diese Aussage töricht war, denn ausgerechnet mit seinem Herzensverein VfB kassierte er acht Niederlagen in 14 Pflichtspielen.

Schlechter Verlierer

Dabei kann er sehr schlecht verlieren; das spürt jeder, wenn Veh in der ersten Emotion die Schuld auf Schiedsrichter schiebt, einzelne Spieler angeht oder sogar den ganzen Verein in Sippenhaft nimmt.

Er gilt als authentisch, oft aber auch unbequem.

Außerhalb des Fußballs tickt der Wein- und Hundeliebhaber anders: Er gilt vielen als geradeaus und verlässlich. Manchmal hat wirkt er cooler als ein Cowboy vor dem letzten Schuss - in ein Schema kann man ihn nicht pressen.

Als Trainertyp gibt er den Bauchmensch, noch mehr den Überzeugungstäter.

Bei den Spielern beliebt

Auf den Charakter des Mannes, der sich privat mitunter noch kleidet wie ein Teenager, lassen die wenigsten seiner Spieler etwas kommen, weil sie seinen kollegialen-jovialen Umgang schätzen.

Für sein Team hat er mehr denn je den Ruhepol gegeben, desto älter und damit gelassener er selbst wurde.

Dem ehemaligen Bundesliga-Profi, aus seiner Mönchengladbacher Episode noch heute mit Lothar Matthäus gut befreundet und nach eigener Aussage eigentlich talentierter als der Rekordnationalspieler, ist seine Unabhängigkeit heilig.

Deshalb kann er mitunter für Vereinsvorstände nervig sein.

Er scheut sich nicht, den Finger in die Wunde zu legen. Missstände öffentlich anzuprangern oder Forderungen loszuwerden.

Aber mitunter neigt er dazu, die Dinge so darzustellen, dass vor allem er gut dasteht.

In Stuttgart Irrglauben aufgesessen

In Stuttgart hat der Meistertrainer von 2007 dem Irrglauben aufgesessen, dass sein bloßes Erscheinen ausreicht, um den Verein mit dem roten Brustring wieder fit für höhere Herausforderungen zu machen.

Eine allein rückwärtsgewandte Strategie hat in noch keinem Wirtschaftszweig funktioniert.

Erst recht nicht im rasanten Unterhaltungsbetrieb Profifußball, wo die Traditionsvereine gerade rechts und links entweder von konzernalimentierten Fußball-Töchtern wie Leverkusen und Wolfsburg, dem privat bezuschussten Dorfverein aus Hoffenheim oder den Schnäppchenjägern und Perlentauchern à la Mainz oder Augsburg überholt werden.

Das Stuttgarter Scheitern nach nur 146 Tagen muss als beidseitiges Missverständnis gewertet werden.

Kein emotionaler Einpeitscher

Der eher pragmatische Veh ist nicht der emotionale Einpeitscher wie Jürgen Klopp, nicht der akribische Taktiker wie Thomas Tuchel und bestimmt nicht der besessene Typ wie Christian Streich – eine Mischung aus allen drei hätte es beim VfB Stuttgart aber wohl gebraucht.

Veh kann mit seiner loyalen Art bei einer funktionierenden Mannschaft besser einen Lauf in Gang setzen als bei einem falsch zusammengestellten Kader einen Anti-Lauf aufhalten.

Wie schon beim VfL Wolfsburg, als er das Meisterteam nicht mehr motivieren konnte, oder beim Hamburger SV, als ihn die Grabenkämpfe im Klub zermürbten, fand Veh keine Lösung gegen die tiefgreifende Sinnkrise.

Ähnliche Situation wie 2008

Bei den Schwaben durchlebte er unter seinem Freund Horst Heldt im November 2008 eine ähnliche Situation wie jetzt, als er mit dem Meister auf Platz elf abgestürzt war und entlassen wurde.

Mehr als ein halbes Jahr ließ er danach nicht viel von sich hören, bis ihn das lukrative Angebot aus der Autostadt Wolfsburg lockte, wo er sich gleich als Trainer und Manager versuchte.

Viele glauben, dass seine Auszeit nun länger dauert; manche halten es sogar für denkbar, dass sich Veh gar nicht mehr auf der Bühne Bundesliga betätigen will, sondern nur noch einen Job als Nationaltrainer annehmen würde.

Dann kann er nämlich die meiste Zeit in seinem schönen Anwesen bei Augsburg verbringen.

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