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Thomas Schaaf war von 1999 bis 2013 Trainer von Werder Bremen

Frankfurt am Main - Vor dem Bayern-Spiel ist bei Eintracht Frankfurt die Aufbruchsstimmung unter Thomas Schaaf verflogen. Es herrscht Schwermut.

Wer Thomas Schaaf auf dem Trainingsplatz erlebt - in kurzer anthrazitfarbener Trainingshose, passender Jacke, dunkler Kappe - der stellt schnell fest: Im Frankfurter Stadtwald ist der Cheftrainer der Chef.

Er weist an, er zeigt auf. Er steht meist in der Platzmitte beim Trainingsspiel, hat die Trillerpfeife im Mund, um immer wieder einzuschreiten. Um zu dirigieren. Und zu korrigieren.

"Wenn ich nicht unterbrechen muss, würde das bedeuten, dass wir alles draufhaben", sagt der Eintracht-Trainer.

Aber weil er im Minutentakt erklärt, was zu tun ist, scheint längst nicht genug auf der Festplatte abgespeichert zu sein.

Da kommt der FC Bayern am Samstag (ab 15 Uhr LIVE auf SPORT1.fm und im LIVE-TICKER) eigentlich zur Unzeit für die Frankfurter Eintracht.

"Wir haben an den Abläufen gearbeitet", verrät Schaaf, "speziell in der Defensive."

Fußball-ABC

Mitunter sah es so aus, als erkläre einer seinen Spielern noch einmal das Fußball-ABC vom Verschieben und Umschalten. Linksverteidiger Bastian Oczipka wurde jedenfalls sogar minutenlang in ein Einzelgespräch verwickelt.

Die Lage ist verzwickt: Die Hessen befinden sich nach vier Pflichtspielniederlagen nacheinander im freien Fall und treten nun gegen München, Gladbach und Dortmund an (DATENCENTER: Bundesliga).

Die Aufbruchsstimmung ist einer Schwermut gewichen.

"Sich mit München messen zu dürfen, ist eine tolle Chance", erklärt der Fußballlehrer Schaaf trotzig. "Das ist die beste Mannschaft der Welt", ergänzt "Fußballgott" Alexander Meier, "da muss man probieren, über sich hinauszuwachsen."

Leerer Blick, schlaffe Schultern

Doch die Körpersprache des Torjägers besagt auf und neben dem Platz etwas anderes: leerer Blick, schlaffe Schultern.

Vor dem "schwersten Spiel der Saison" (Meier) wirken die Berufsfußballer aus der Bankenstadt in Kopf und Beinen belastet. "Jeder spielt mit etwas Angst", hat Verteidiger Timothy Chandler bekannt.

Und: "Fast alle Spieler sind noch immer sehr verunsichert." Immerhin: Schaaf hat sich eine Strategie ausgedacht, die die ganze Woche vor der Frankfurter Arena zu besichtigen war.

Weg vom 4-2-3-1 unter Vorgänger Armin Veh, fort mit dem 4-4-2 aus Werder-Zeiten, hin zu einem 4-3-3, das endlich Kompaktheit bringen soll.

Die Formation sieht gegen die Münchner überraschend aus: Torjäger Haris Seferovic und Talent Marc Stendera auf den Flügeln, Meier im Sturmzentrum, dahinter mit Marco Russ, Slobodan Medojevic und Makoto Hasebe gleich drei Sechser.

Strukturelle Mängel

Es ist der nächste Versuch, den strukturellen Mängeln zu begegnen. Wortführer Russ hat öffentlich beklagt: "Wir haben keine Strategie, wie wir nach vorne spielen wollen."

Wäre halb so schlimm, wenn es wenigstens hinten nach Ordnung aussehen würde. Tut es aber auch nicht.

Selbst im Verein fragen sich einige: Wo will Schaaf überhaupt hin? Der eigentlich für die Finanzen zuständige Vorstand Axel Hellmann regte nach dem vogelwilden 4:5 im jüngsten Heimspiel gegen den VfB Stuttgart an, dass auch Abwehrarbeit dazugehöre.

"Müssen gefestigter und stabiler werden"

Schaaf fordert: "Wir müssen gefestigter und stabiler werden, dann werden wir auch Punkte holen." Das Problem: Es fehlen die Leitplanken.

Der Ur-Bremer hat mit den häufigen Personal- und Systemwechseln die Zahl der Unzufriedenen beängstigend vergrößert.

Der Übungsleiter will von einer Sinn- und Identitätskrise nichts wissen, argumentiert stets mit dem Faktor Zeit und verweist darauf, dass nichts anderes als der Klassenerhalt das Ziel gewesen sei.

Der Umbruch gehe eben nicht von heute auf morgen. Und die Taktik spiele keine Rolle, "wenn man nicht in die Zweikämpfe kommt."

Rückhalt vom Boss

Das Gute für Schaaf: Vorstand Heribert Bruchhagen erteilt ihm Rückhalt. "Wir wussten doch, dass uns eine sehr, sehr schwere Saison bevorsteht", erklärt der Eintracht-Boss, "und das macht es auch für den Trainer schwierig."

Aus seiner Sicht wiegen die Abgänge von Sebastian Rode (der womöglich an alter Wirkungsstätte zum Einsatz kommt), Sebastian Jung, Pirmin Schwegler und Joselu doppelt und dreifach schwer.

"Und wenn uns dann Kevin Trapp und Carlos Zambrano ausfallen, können wir das nicht kompensieren." Bruchhagen ist keiner, der einen Trainer so schnell entlässt.

Im Gegenteil: In seiner 2003 begonnenen Regentschaft, dafür rühmt sich der 66-Jährige, hat er nur einmal eine Abfindung zahlen müssen. Dreimal 75.000 Euro.

Es waren die letzten drei ausstehenden Monatsgehälter für einen gewissen Michael Skibbe, der 2010/2011 entlassen wurde, als es längst zu spät war. Am Saisonende stieg die Eintracht ab.

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