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Reiner Calmund (r.) nennt Ulf Kirsten seinen "Jahrhunderttransfer" ZUM DURCHKLICKEN: Deutsche Einheit - Stars in DDR und Bundesliga

Berlin - Reiner Calmund tütet für Bayer Leverkusen nach dem Mauerfall Deals für mehrere DDR-Stars filmreif ein. Kanzler Kohl greift ein.

Ohne Wolfgang Karnath wäre die deutsche Einheit anders verlaufen, zumindest im Fußball.

Erst Helmut Kohl stoppte dessen umtriebige Aktivitäten, sonst wäre Bayer Leverkusen vielleicht auf Jahre hinaus in der Bundesliga unschlagbar gewesen.

Bayer-Manager Reiner Calmund hatte den Mauerfall zwei Tage lang vor Ort in Berlin gefeiert, nach der Rückkehr ins Büro schaltete er getreu seinem Motto "Die Schnellen fressen die Langsamen" sofort auf Arbeitsmodus um.

Karnath, übernehmen Sie!

"Ich habe mich gefragt, wie Bayer vom Mauerfall profitieren kann", erinnert er sich. Calmund ruft Wolfgang Karnath zu sich, den Betreuer der Leverkusener A-Junioren. "Der war Chemielaborant bei Bayer, aber ein cleveres, abgewixtes Kerlchen."

Am 15. November sollte die DDR ihr entscheidendes Qualifikationsspiel zur WM 1990 in Wien spielen, ein Punkt gegen Österreich würde zur zweiten WM-Teilnahme nach 1974 reichen.

"Wir hatten eine richtig starke Mannschaft und hätten gegen die Österreicher gewinnen müssen", sagt der damalige Torjäger von Dynamo Dresden, Ulf Kirsten.

Doch eine vernünftige Vorbereitung ist für Nationaltrainer Eduard Geyer angesichts der politischen Umwälzungen unmöglich.

"Die Konzentration ließ nach, die Spieler waren mit sich selbst beschäftigt", berichtet Geyer.

Invasion aus dem Westen

Die Tribüne im Wiener Praterstadion war vollbesetzt mit Agenten, Spielerberatern und Scouts aus der Bundesliga und dem Ausland. "Mir war klar, dass es eine Invasion des Westens geben wird und wir nichts ausrichten können", sagt Calmund.

Karnath ist daher für ihn genau der richtige Typ, um sich den entscheidenden Vorsprung im Buhlen um die besten DDR-Spieler zu sichern. "Den schmeißt du vorne aus dem Auto raus, und Sekunden später klettert er hinten wieder rein."

Der Bayer-Manager schleust seinen Mann in Wien mit einer Fotografen-Akkreditierung in den Innenraum ein, später besorgt sich "Dr. Karnath" sogar noch einen offiziellen Ausweis als Teamarzt. Dank wechselnd sächsischem und österreichischem Akzent ordnen ihn beide Seiten der jeweils anderen zu.

Karnath auf der Bank der DDR

Auf dem Spielfeld läuft alles gegen die DDR. Rico Steinmann vergibt einen Elfmeter, während der vor dem Anpfiff wegen seiner Torflaute ausgepfiffene Toni Polster Österreich mit drei Treffern noch zur WM schießt.

Währenddessen sitzt Karnath bereits auf der Auswechselbank der DDR, und niemand wundert sich. "Immer wenn einer aufsprang, bin ich einen Sitz näher an die Spieler gerutscht", so Karnath, der noch während des Spiels zielstrebig die Vorgaben abarbeitet.

Wunschliste abgearbeitet

"Wir hatten eine Wunschliste. Auf Platz eins stand Andreas Thom, dahinter Matthias Sammer und Ulf Kirsten", erzählt Calmund.

Schon auf der Bank und später in den Katakomben des Stadions sammelt Karnath die erwünschten Kontakte, fährt dann dem DDR-Mannschaftsbus hinterher ins 50 Kilometer entfernte Teamhotel.

Noch auf dem dortigen Trainingsgelände verabredet sich Karnath für den nächsten Tag in Berlin mit Thom und ertrickst sich auch noch einen Platz im Mannschaftsflieger zurück.

Dort wartet Calmund bereits auf seinen Unterhändler, der ihm den exakten Weg durch das Labyrinth der Plattenbauten weist.

"Geguckt, als wenn ich vom Mond komme"

Relativ schnell ist er sich mit dem damals besten DDR-Fußballer über einen Wechsel einig und fragt dann am nächsten Tag auch in aller Form beim Verband nach.

"Die haben geguckt, als wenn ich vom Mond komme. Aber vier Wochen später war der Transfer perfekt", erinnert sich Calmund.

Am 16. Dezember lässt Calmund dann, wie er in seiner Biografie verrät, sogar den Rasen des Leverkusener Stadions absichtlich unter Wasser setzen, damit das Bundesligaspiel gegen den FC Homburg abgesagt wird.

Die Vorstellung von Thom im Bayer-Trikot, dessen Ablöse an Dynamo Berlin 2,5 Millionen Mark (rund 1,2 Millionen Euro) beträgt, soll durch nichts verwässert werden.

Sammer und Kirsten unterm Weihnachtsbaum

Derweil hat Calmund schon seine beiden nächsten Ziele im Visier: Kirsten und Sammer.

Er lädt beide über die Weihnachtstage 1989 in ein Nobelhotel an den Chiemsee ein und einigt sich auch mit den beiden Stars von Dynamo Dresden recht schnell über einen Wechsel nach Leverkusen.

Kohl macht Strich durch die Rechnung

Allerdings hat er die Rechnung ohne Helmut Kohl gemacht. Der macht der Konzernspitze unmissverständlich, dass Bayer nicht den gesamten Fußball-Osten aufkaufen könne und gefälligst Calmund zurückpfeifen solle.

Sammer geht daraufhin zum VfB Stuttgart, mit dem er 1992 im Foto-Finish gegen Dortmund und Frankfurt die Meisterschaft holt.

Und Kirsten soll zu eben jenem BVB wechseln - doch diesmal sitzt "Calli" die Situation aus und schnappt den Borussen den Stürmer dann doch noch weg.

Jahrhunderttransfer Kirsten

Was folgt ist ein Riesenkrach mit dem brüskierten Manager Michael Meier, für dessen Ärger Calmund sogar vollstes Verständnis hat: "Aber ich konnte es einfach nicht ertragen, mir nach Sammer noch eine Granate durch die Lappen gehen zu lassen."

Die Rechnung geht auf, der Neuzugang avanciert zum erfolgreichsten Bundesliga-Torjäger des Jahrzehnts.

"Kirsten war jede Mühe wert", sagt Calmund rückblickend. "Trotz Ballack, Völler, Schuster, Ze Roberto oder Lucio - er war mein Jahrhunderttransfer."

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