München - Der Sportpsychologe Thomas Graw spricht bei SPORT1 über die Folgen von Malandas Tod. Wolfsburg rät er zu einem offenen Umgang.

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Von Francois Duchateau

München - Thomas Graw ist seit 2012 Sportpsychologe der österreichischen Nationalmannschaft und hat unter Marcel Koller bereits die Profis des VfL Bochum mental betreut.

Im SPORT1-Interview erzählt Graw, der zudem als Psychotherapeut in der Ruhrgebietsstadt tätig ist, wie ein Sportpsychologe den Profis des VfL Wolfsburg helfen kann, den tragischen Tod ihres Teamkollegen Junior Malanda zu verarbeiten.

SPORT1: Herr Graw, Wolfsburg hat sich einen Tag nach Malandas Todesunfall entschieden, doch noch ins Trainingslager aufzubrechen. Der Psychologe Andreas Marlovits reist mit nach Südafrika.

Thomas Graw: Die Entscheidung ist absolut nachvollziehbar. Grundsätzlich muss man zunächst festhalten, dass jeder Verarbeitungsprozess individuell verläuft. Ich kann mir gut vorstellen, dass einige Spieler von der Gruppenarbeit im Trainingslager profitieren: Es gut finden, weg zu sein, auf andere Gedanken zu kommen und nicht tagtäglich mit alten Erinnerungen konfrontiert zu werden in der Heimkabine. Für andere mag das zu früh sein. Die sagen: Der Junge ist gestern verstorben und heute machen wir schon einen Schritt in Richtung "business as usual"? Rezepte für solch eine Situation gibt es nicht. Vor allem nicht ein Richtig.

SPORT1: Wie kann man als Psychologe eine ganze Gruppe erreichen?

Graw: In einer Gruppe ist es möglich, Dinge anzuregen, die andere auch empfinden. Wenn man in der Gruppe über gewisse Ereignisse spricht, findet man eine gemeinsame Sprache für etwas. In dem Moment, wo wir etwas benennen, schaffen wir eine gewisse Distanz. Es kann einigen aus einer Gruppe helfen, wenn ihr Gefühl durch andere Worte bekommt. Wichtig ist nur, dass keine Verdrängung stattfindet. Da sich Wolfsburg jedoch aktiv mit der Thematik beschäftigt, tritt man dieser Gefahr entgegen.

Tod Junior Malanda VfL Wolfsburg
Junior Malanda starb am 10. Januar bei einem Autounfall © Getty Images

SPORT1: Welcher Ansatz kann helfen, die Trauer zu verarbeiten?

Graw: Wenn man vorher als Gruppe zusammengearbeitet hat, muss man sich nicht zwangsweise nur individuell verabschieden, sondern kann dies auch als Gruppe tun. Das ist ein Vorteil. Das kann vielleicht durch ein Ritual stattfinden oder in dem man gemeinsam Dinge klärt wie: Möchten wir einen Kranz? Was soll draufstehen? Oder man hält eine gemeinsame Schweigeminute. Das hat ja auch schon stattgefunden zum Trainingsauftakt. Man kann verschiedene Handlungen, verschiedene Gesten entwickeln, die einen gemeinsamen Abschied symbolisieren und erleichtern.

SPORT1: Nun sind die Emotionen frisch, bald ist man jedoch zurück in Wolfsburg und wird wieder jeden Tag mit Malandas Spind in der Kabine konfrontiert. Wie kann man als Spieler mit solchen schmerzhaften Erinnerungen umgehen?

Graw: In dem man sie zulässt. Es ist das Wichtigste eine Haltung zu entwickeln, die sagt: Okay, das tut mir weh, das ist auch okay, weil es nichts Unnatürliches wäre. Wenn das bei mir drei Wochen dauert, dauert es eben drei Wochen bei mir. Wenn es bei jemandem drei Monate dauert, ist es auch okay. Wichtig ist, sich selbst nicht unter Zeitdruck zu setzen oder eine Norm fürs Team als Zwang aufzusetzen. Man muss eine Achtsamkeit für seine Empfindungen entwickeln und sagen, dass Trauer okay ist. Das ist dann eigentlich auch schon eine Verarbeitung.

SPORT1: Fußball lebt von Emotionen, von Lust, von Spaß. Anfangs dürfte es einigen Spielern sicher schwer fallen, nach einem Tor ausgelassen zu jubeln.

Graw: Das ist genau der Punkt. Für die Trauer gibt es keine Maximalzeit. Wenn sie abgeschlossen ist, ist sie abgeschlossen. Man muss es umgekehrt formulieren: So lange jemand das Gefühl hat – nein, ich habe diese Ausgelassenheit noch nicht - sich das auch zu erlauben. Genauso umgekehrt: Wenn jemand sagt: Es ist wieder okay - das Leben geht ja auch weiter - dann ist es in Ordnung, auch wieder andere Gefühle zu entwickeln. Sport kann generell eine gute Verarbeitungsmethode sein. Wir alle wissen: Wenn wir uns körperlich betätigen, tun wir etwas Gutes für uns.

SPORT1: Die Situation ist natürlich nicht identisch, aber in der Saison 2009/10 ist die Mannschaft von Hannover 96 nach Enkes tragischen Tod während der Saison sportlich eingebrochen. Dieser Verlust war eine große Last für das Team. Sportdirektor Klaus Allofs hat jedoch bereits betont, dass man in Wolfsburg weiter sportlich ambitioniert ist. Wie kann der VfL so einen Einbruch wie vor Jahren in Hannover entgegenwirken?

Graw: Ich denke es ist wichtig, dass man diese gute Trauerarbeit eben macht. Dazu gehört, sich gut zu verabschieden, im Kollektiv, aber jeder muss auch seinen eigenen Weg finden. Man muss den Schmerz zulassen, alle Gefühle. Wenn das geschehen ist, plädiere ich dafür zu sagen: Die Dinge brauchen halt dann so lange wie sie brauchen. Wenn eine Mannschaft deswegen geschwächt wird, wird sie eben geschwächt. Man kann diesen Prozess nicht überbrücken. Entscheidend ist, dass die Verantwortlichen, die ja auch selber Betroffene sind, dem ganzen Raum geben. Wann die Trauerarbeit greift? Das kann man im Vorfeld nicht bestimmen. Die Spieler sind keine Maschinen, die einfach mit ein paar Handgriffen repariert wären und funktionieren müssen.

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