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Gelsenkirchen - Einen Schönheitspreis gewinnt Schalke 04 derzeit nicht. Auch der Sieg gegen Borussia Mönchengladbach ist nur für Taktik-Liebhaber ein Leckerbissen. Erfolgreich ist das System von Trainer Roberto Di Matteo trotzdem.

Als Horst Heldt an seine eigenen Worte erinnert wurde, atmete er erst einmal tief durch.

Er wolle nicht nur eine erfolgreiche Rückrunde spielen, sondern er wünsche sich, dass das Spiel von Schalke 04 auch schön werde, hatte der Manager in der Vorbereitung gesagt. Mal wieder ein fußballerisches Feuerwerk sehen. Schnörkellos, mit Überraschungsmomenten und Kreativität im Spiel nach vorne.

Was Heldt gegen Borussia Mönchengladbach zu sehen bekam, war nichts für Fußball-Ästheten.

Für Taktik-Liebhaber war es indes ein Leckerbissen, ein Lehrbeispiel, wie man den Gegner seiner Stärken beraubt. Unspektakulär, aber eben auch präzise, diszipliniert und erfolgreich. Ergebnis-Fußball in seiner wohl reinsten Form.

Benedikt Höwedes
Schalke 04 hat aus drei Rückrundenspielen sieben Punkte geholt. © Getty Images

Sieg im "Sechs-Punkte-Spiel"

Denn unter dem Strich war es ein 1:0-Sieg, ein Erfolg gegen den direkten Konkurrenten im Kampf um die Champions League, ein wichtiger Schritt in einem sogenannten "Sechs-Punkte-Spiel". (DATENCENTER: Tabelle)

Für Heldt war es genau das, zu was die Mannschaft derzeit in der Lage ist. "Die Aufgabe, die der Trainer hat, ist es, aus dem Kader das rauszuholen, was derzeit rauszuholen ist. Er hat von Anfang an gesagt, dass Stabilität wichtig ist. Das hat sich maßgeblich verändert", verteidigte Heldt.

In der Tat: Seit Roberto Di Matteo im November das Schalker Spiel auf ein 3-5-2 umstellte, kassierte S04 in neun Spielen nur sieben Tore und verlor nur einmal. (DATENCENTER: Ergebnisse und Spielplan)

Aus der Not heraus geboren

Die Mannschaft hat das System mit einer Dreierkette, die in der Rückwärtsbewegung zur Fünferkette wird, inzwischen mehr und mehr verinnerlicht, gegen Gladbach fast schon perfektioniert.

Das frühe Tor durch Tranquillo Barnetta (11.) spielte Schalke zusätzlich in die Karten. (SERVICE: Das Spiel zum Nachlesen im LIVETICKER)

Was danach folgte, war ein konsequentes Arbeiten gegen Ball und Gegner, eine gelungene Umsetzung der taktischen Vorgaben.

Und was einst aus der Not heraus geboren wurde, ist inzwischen als deutliche Handschrift des Trainers zu erkennen.

Mit einem Bus vor dem Tor

Beim Gegner kam die Spielweise natürlich alles andere als gut an. 70 Prozent Ballbesitz hatte die Borussia, kontrollierte das Spiel, fand jedoch letztendlich kein Mittel gegen die kompakte Defensive.

"Die verteidigen mit acht Mann, stellen fast einen Bus vor das Tor. Es ist schwer, da vorbei zu kommen. Wir haben das Spiel kontrolliert, haben mehr Ballbesitz gehabt, aber das interessiert kein Schwein am Schluss. Wir haben das Spiel verloren", sagte Granit Xhaka.

Schalke habe nicht viel für das Spiel gemacht, befand Torhüter Yann Sommer, der im Grunde beschäftigungslos war. "Sie haben die Bälle nur weggehauen. Es ist schwer, wenn eine Mannschaft so defensiv steht", sagte der Schweizer.

Enge Abstände zwischen den Verteidigern

Die Gründe für die effektive Abwehrarbeit? "Uns macht stark, dass wir super gute Abstände auf dem Platz haben, die wir sehr klein halten, mit engen Abständen zwischen den Verteidigern. Unsere letzte Linie steht 20, 30 Meter hinter den Stürmern. Damit schaffen wir es, den Gegner aus unserer Gefahrenzone fernzuhalten", erklärte Schalkes Verteidiger Jan Kirchhoff und ergänzte: "Und wenn einer ausgespielt ist, ist sofort der Nebenmann da, um zu helfen."

Jan Kirchhoff und Tranquillo Barnette gegen Raffael
Schalke hat seit der Umstellung auf das 3-5-2-System nur sieben Gegentore in neun Spielen kassiert © Getty Images

All das spielt sich größtenteils in Bereichen des Spielfeldes ab, wo es nicht gefährlich werden kann. Laufintensiv, aber vor allem auch effektiv. Über 122 Kilometer spulten die Schalker ab, gingen weite Wege, um das Gladbacher Spiel zu unterbinden, die Räume zuzustellen. (SERVICE: Die Statistiken des Spiels)

Laufwunder Schalke

Auch ein Verdienst des Trainers, der in der Winterpause auch an der zuvor zumeist fehlenden Fitness arbeitete. Bestes Beispiel ist Kirchhoff, der gegen Gladbach über zwölf Kilometer lief. In der Hinrunde war bei dem Abwehrmann zwischenzeitlich nach 60 Minuten schon der Akku leer.

Daneben legten die Schalker eine neue Mentalität an den Tag. Jeder läuft für den anderen, die Mannschaft präsentiert sich endlich als solche, als Einheit. "Das haben wir ja schon vor der Winterpause erlebt, dass die Mannschaft weiß, worum es geht. Das ist ein verschworener Haufen, der sich nicht auseinanderdividieren lässt", sagte Heldt.

Was nun noch fehlt, ist die Schönheit des Spiels. Ein hehres Ziel, auf das Schalke derzeit aus diversen Gründen verzichtet. Aber auch verzichten muss.

Kreative Köpfe fehlen

"Man muss sich auch in Erinnerung rufen, wer nicht zur Verfügung steht. Das sind Leute, die für Kreativität stehen und den Unterschied ausmachen können", so Heldt.

Spieler wie Julian Draxler, Jefferson Farfan oder Leon Goretzka, die alle seit Wochen fehlen. Und eben für besagte Überraschungsmomente sorgen, den Unterschied ausmachen können.

"Wir sind auch immer in der Not mit den Spielern, deswegen setzen wir einen sehr großen Wert auf eine gute Organisation", sagte Di Matteo und lobte den "super Kampfgeist" und den "totalen Siegeswillen".

Grundtugenden begeistern

Bei einem Klub wie Schalke braucht es nämlich nicht immer ein spielerisches Feuerwerk, um den Funken auf die Zuschauer überspringen zu lassen. Da reichen bisweilen auch die Grundtugenden wie Kampf, Wille und Einsatzbereitschaft. Eigenschaften, die Königsblau mit aller Vehemenz in die Waagschale warf.

"Ich glaube, sie sehen auch, dass sich jeder reingeschmissen hat in jeden Zweikampf, dass füreinander gearbeitet wurde. Das ist das, wofür Schalke steht", sagte dann auch Kapitän Benedikt Höwedes.

Schalke ist nach sieben Punkten aus den ersten drei Rückrundenpielen also auf Kurs. Doch Di Matteo ist auch im Hinblick auf das Saisonziel, die Qualifikation für die Königsklasse, defensiv: "Wir haben immer gesagt, dass wir so viele Punkte wie möglich holen wollen. Der Start ist uns gut gelungen, es ist aber noch nichts gewonnen."

Denn bei aller Freude über den Sieg gab es auch für das "Sechs-Punkte-Spiel" nur drei Zähler.

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